Paris

Wie soll er das bloß seinem Volk erklären? Noch an jedem Nationalfeiertag hatte der französische Präsident irgendwelche Frohbotschaften oder Geschenke parat. Zuletzt war Jacques Chirac am "quatorze juillet" 2004 in Gönnerlaune vor sein Volk getreten, um das Referendum zur EU-Verfassung anzukündigen. Doch diesmal steht der Präsident – abgesehen von der alljährlichen Begnadigung Kleinkrimineller – mit nahezu leeren Händen da. Die EU-Verfassung liegt in Trümmern, auf dem jüngsten Brüsseler EU-Gipfel musste er vor den Briten kapitulieren, und dann hat Paris auch beim dritten Anlauf seit 1992 die Olympischen Spiele nicht bekommen.

Abgesehen von 1940, als die Militärparade zum Nationalfeiertag wegen der deutschen Besatzung in London stattfinden musste, hat es kaum einen 14.Juli gegeben, an dem die Festlaune so gedrückt war. Wenn überhaupt, könnte Präsident Chirac derzeit allenfalls in Charles de Gaulles Kriegsmemoiren noch Trost finden: "Das alte Frankreich, überladen von der Geschichte, zerschlagen von Kriegen und Revolutionen, endlos zwischen Größe und Niedergang wechselnd, hat dennoch immer wieder sein Genie zur Erneuerung bewiesen." Doch es ist lange her, dass der General die aggressiven Minderwertigkeitsgefühle der Franzosen in einen stolzen Patriotismus verwandeln konnte. Nach dem Erfolg des gaullistischen Großprojekts, den Agrarstaat Frankreich in eine führende Atom- und Industriemacht zu verwandeln, ist heute kein Vorhaben in Sicht, das die Nation ähnlich begeistern könnte.

Das Nein zu Europa zog das Nein zu Olympia in Paris nach sich

Frankreichs Selbstachtung liegt derzeit nicht allein wegen der Olympia-Schlappe ziemlich darnieder. Längst fragen viele, warum nach zehn Jahren Präsidentschaft Jacques Chiracs ausgerechnet die Spiele zum wichtigsten Hoffnungsträger wurden. "Olympia", schimpft Libération, "war ohnehin nur ein willkommener Vorwand, um die nationale Panne zu verschleiern." Die prekäre Lage der Nation macht sich in Niedergangsängsten und Selbstzweifeln bemerkbar, wie man sie sonst nur aus Deutschland kennt. In den ebenfalls unterlegenen Bewerberstädten Moskau, New York und Madrid dagegen sind solche Depressionen einfach undenkbar.

Besonders schmerzt der Verdacht, dass sich Frankreich diese Niederlage womöglich selbst zugefügt hat. Von der Infrastruktur bis hin zur Finanzierung war das Pariser Projekt – auch in den Augen der Mitbewerber – noch in der letzten Minute der Favorit. Der französische Sportfunktionär Alain Danet, Ehrenmitglied des Olympischen Komitees, erklärt den Rückschlag mit dem Verfassungsreferendum vom 29.Mai: "Die Auswirkungen unseres Neins werden unterschätzt: Viele Osteuropäer haben gerade deshalb gegen Frankreich gestimmt." Und auch sein Landsmann im Komitee, Henri Sérandour, zieht das bittere Resümee: "Der allgemeine Eindruck war, dass London ein sportliches Projekt mit politischem Rahmen hatte, während Paris ein politisches Projekt in sportlicher Verkleidung verfolgte." Offensichtlich war den Franzosen anzumerken, wie sehr sie auf die olympischen Rettungsringe zur politisch-moralischen Ertüchtigung angewiesen waren – und Bedürftigkeit ist einfach nicht sexy. Symptomatisch daher die Depression des konservativen Politikers Pierre Lellouche: "Wenn Paris nicht mehr strahlt, kann auch Frankreich nicht mehr die Welt erleuchten."

Selbst wenn die Olympia-Pleite bald in Vergessenheit gerät, bleibt die zentrale Frage der Franzosen: Was ist unser Rang und Ansehen in der Welt? Das Schwanken zwischen Selbstzufriedenheit und Selbstzerfleischung gehört seit alters zum nationalen Gefühlshaushalt. Doch exakt seit 2003 debattiert das Land derart heftig über den déclin français, den französischen Niedergang, als habe die Konfrontation mit den USA über den Irak-Krieg alle Nerven blank gelegt.

Wollte Frankreich damals, wie der klassische Vorwurf lautet, wieder einmal durch seinen Widerstand gegen die USA zu wahrer Größe auflaufen? Gegen den Verdacht auf solchen Opportunismus spricht, dass eine überwältigende Mehrheit der Franzosen die Irak-Invasion bis heute ablehnt und auch niemand bezweifelt, dass der Staatspräsident aus echter Überzeugung handelte. Aber höchst umstritten ist mittlerweile der Preis, den das Land für die Rädelsführerschaft im Friedenslager zahlte. Musste Frankreich den Abstimmungskampf im UN-Sicherheitsrat wirklich zu einem weltweiten Referendum gegen die USA machen? "In der Sache berechtigt, aber in der Form völlig daneben", so beschreibt der Pariser Politologe Dominique Moïsi den damaligen Showdown. Und auch der ehemalige Außenminister Hubert Védrine, der noch 2002 die USA als "simplizistische Hypermacht" angerempelt hatte, kritisiert an der französischen Diplomatie "ein Übermaß an prätentiöser Rhetorik und einen Mangel an Realismus und Methode". Weithin ist in Pariser Denkfabriken eine Klage zu hören, die Zerknirschung mit Selbstüberschätzung paart: Frankreich habe sich mit dem Hochgefühl begnügt, Recht gehabt zu haben, aber nichts unternommen, um seine Position durch politische Initiativen zu kapitalisieren.