In diese Geschichte fällt man hinein; es gibt keine Hinführung, keine Erläuterung, kein Herumreden. Tempo ist angesagt. "Zack, zack, zu dir!" Schon schnürt sich Zippo seine Schnürsenkel und stürmt aus dem Haus, "über Zaun und Ziegelstein, über Zabern, Zagreb, Znaim". Das Spiel mit dem Buchstaben Z hat begonnen. Zippo, eine schlanke Zwirnrolle, ist auf dem Weg zu Zampano, der ihr (der ihm?) einen Liebesbrief geschrieben hat. Um ans Ziel zu kommen, reitet sie (reitet er? Sind Zwirnrollen männlich, weiblich oder je nachdem?) auf einem Ziegenbock, muss vor einem Zyklopen fliehen, fällt ins Zinnoberrot, trifft eine Zimperliese und ist am Ende der rasanten Reise, mit seinem (also doch männlich?)Zampano "zusammen".

Linda Wolfsgruber hat schon in ihren früheren Büchern gezeigt, dass sie eine große Affinität zu Wortspielen, zu ABC-Büchern und Sprichwörtern besitzt. Buchstaben und Wörter inspirieren ihre Bildsprache, rufen visuelle Assoziationen hervor und verführen zum Spielen. So auch in diesem Bilderbuch, in dem sich alles ums Z dreht, vor allem um Z wie Zwirn. Zwei x Zwirn - auf dem Titelblatt sehen wir zwei Zwirnrollen vergnügt tanzen, die eine klein und dick, die andere groß und dünn. Ihre Welt ist das Reich der Fingerhüte, Knöpfe und Fäden. Als Zippo sein kleines Haus verlässt, verklemmt sich sein Faden unter der Tür. Mit jedem eiligen Schritt nach vorn spult er sich immer mehr ab und hinterlässt eine eigene grafische Spur auf den Bildseiten. Mal schlingt sich der Faden um den Kirchturm, mal verheddert er sich am Pinsel der Malerin, mal gerät er in die Fänge der Kneifzange. Am Ende ist Zippos Faden abgespult, und es ist sein Freund Zampano, der ihn neu umgarnt und ihm damit das Leben wiedergibt - ein wunderschöner, beschwingter Tanz am Schluss des Buches auf dem Dach ihres Hauses. Dass es dasselbe Haus ist, das Zippo am Anfang verlassen hat, verleiht der kleinen Geschichte Mehrdeutigkeit und Offenheit. (Oft muss man bis nach Panama reisen, um wieder am Ausgangspunkt anzukommen.) Und es bleibt auch in der Schwebe, ob Zampano, bekannt als starker Mann aus Fellinis La Strada, hier vielleicht doch als weibliche Figur zu sehen ist.

Linda Wolfsgruber erzählt aber nicht nur die Geschichte von Zippo und Zampano, sondern auch die Möglichkeiten der Materialien, der Farben und Bildzitate. Ihre Bildwelten setzen sich aus vielfältigen Elementen zusammen. Da wird gezeichnet, gemalt oder Farbe aufs Papier gespritzt; da werden Motive geschnitten und geklebt oder fotografische Vorlagen mit Malerei und Zeichnung verbunden. Durch diese Mixed Media entstehen eigene Kunstwelten, in denen der kleine Zippo manchmal auch fremd bleibt. Zwar erinnern uns auch Wörter wie Zirkel, Zimt und Zuckerhut immer wieder an das Spiel mit dem Buchstaben, doch viele der doppelseitigen Bildtafeln wollen für sich erlebt werden; sie tragen die Geschichte nicht dringlich weiter, sondern erzählen uns von einer eigenen Realität, von der Magie geschöpfter Papiere, von der Fremdheit der fotografischen Artefakte, von der Lust, rote Farbe auf das Papier zu klecksen. Zwei x Zwirn bietet mehr als "nur" eine illustrierte Geschichte. Es verbindet den Spaß am Wortspiel mit der sinnlichen Freude am Material und mit der Neugier an ungewöhnlichen Bildformen. Zack, zack, zugreifen! Jens Thiele

LUCHS 221 wurde ausgewählt von Gabi Bauer, Marion Gerhard, Hilde Elisabeth Menzel, Andreas Steinhöfel und Konrad Heidkamp. Am 14. Juli, 16.40 Uhr, stellt Radio Bremen-Funkhaus Europa das Bilderbuch vor (Redaktion: Christiane Schwalbe). Das Gespräch zum Buch sowie weitere Informationen sind abrufbar im Internet unter www.radiobremen.de/online/service/luchs/luchs221.html

Linda Wolfsgruber: Zwei x Zwirn
Ein Buchstaben-Spiel; Sauerländer bei Patmos, Düsseldorf 2005; 30 S., 13,90 Euro (ab 6 Jahren und für alle)

Die LUCHS-Jury empfiehlt außerdem:

Marie Houblon: Das Zahlen-Bilder-Buch
Patmos Verlag, Düsseldorf 2005; 48 S., 10,90 Euro (ab 3 Jahren)
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