Diese Sinfonie trägt den Beinamen Tragische zu Recht, auch wenn er nicht vom Komponisten selber stammt. In der langsamen Einleitung des riesigen Finalsatzes öffnen sich die Pforten zur Hölle. Ein einziges Mal schwingt sich in den ersten Geigen über fast zwei Oktaven eine sehnsüchtige Melodie empor.

Brutal wird sie vom Blech, von Pauken (Holzschlägel schreibt die Partitur vor) und Trommeln zerschlagen. Dann irren nur mehr Bruchstücke von Themen umher. Motivfetzen der Basstuba und -klarinette, tiefe, vom Plektron gespenstisch verfremdete Harfenklänge kreisen ziellos in sich selbst, unterbrochen von gellenden Klarinetten- und Trompetensignalen. Und immer wieder die Schläge der großen Trommel.

Auch der katastrophische Schluss dieser 6. Sinfonie ist in Gustav Mahlers Werk einzigartig. Man muss das Stück nicht plakativ als Vorahnung des Ersten Weltkriegs hören. Aber es war kein Zufall, dass Alban Berg, der Komponist des Wozzeck - Der Mensch ist ein Abgrund - von der Sechsten besonders fasziniert war. Mahler komponierte sie in einer durchaus glücklichen Phase seines Lebens. Und doch blickt diese Musik vom Beginn des monströsen 20.

Jahrhunderts mit einer Kühnheit in seelische und gesellschaftliche Abgründe wie keine zuvor und wenige nach ihr. Gerade deshalb gehört das klassisch viersätzige Werk zum Geschlossensten, was Mahler geschrieben hat. Nur durch Strenge ließ sich das Ungeheuerliche bändigen - nicht mit Hilfe der unwirklich und traumhaft aus der Ferne herüberwehenden Herdenglocken oder dem trügerisch schönen Alma-Thema des ersten Satzes.

Dass Claudio Abbado ausgerechnet mit der sechsten Sinfonie nach längerer Abwesenheit ans Pult der fantastisch aufgelegten Berliner Philharmoniker zurückkehrte, sagt einiges über den großen Dirigenten. Der Live-Mitschnitt ist ein Ereignis (DG 00289 477 5685). Abbado wühlt nicht im Espressivo, er verzichtet auf alles grell Geschminkte und nervös Überzeichnete, ohne einen Takt zu glätten. Sein Mahler ist kein fiebrig Getriebener. Vielmehr verleiht er dieser oft panischen Musik mit einem unglaublichen Detailreichtum einen Zug ins Objektive und Überzeitliche, der ihre abgründige Kehrseite umso unheimlicher ins Licht rückt. Der Schrecken ist die Normalität. Damit ist Gustav Mahler endgültig zum Klassiker geworden.