Juli 1914 – ein Sommer, wie es noch keinen gab. "Seidenblau der Himmel durch Tage und Tage, weich und doch nicht schwül die Luft, duftig und warm die Wiesen, dunkel und füllig die Wälder mit ihrem jungen Grün; heute noch, wenn ich das Wort Sommer ausspreche, muß ich unwillkürlich an jene strahlenden Julitage denken, die ich damals in Wien verbrachte." So erinnerte sich der Schriftsteller Stefan Zweig noch Anfang der vierziger Jahre. Kaum jemand dachte damals an einen großen Konflikt. Wer es sich leisten konnte, reiste in die beliebten Badeorte. Doch hinter den Kulissen liefen die Kriegsvorbereitungen in Wien und Berlin auf Hochtouren. Diesen Widerspruch zwischen trügerischer Ruhe und realer Kriegsgefahr macht David Fromkin zum Ausgangspunkt seines Buches Europas letzter Sommer .

Über den Beginn des Ersten Weltkriegs haben die Historiker lange gestritten. Unzählige Bücher sind geschrieben worden, in denen die unheilschwangeren Wochen im Sommer 1914 immer wieder betrachtet und interpretiert wurden. Das anhaltende Interesse ist nicht verwunderlich, denn der Erste Weltkrieg war, wie wir heute wissen, die Urkatastrophe, von der alle weiteren Katastrophen des 20. Jahrhunderts ihren Ausgang nahmen. Zu Recht bezeichnet Fromkin die Erforschung der Ursachen als "nicht nur die schwierigste, sondern auch die wichtigste Frage der modernen Geschichte". Was hat er selbst dazu beigetragen? Die Antwort lautet: Nichts, was nicht längst erforscht, was nicht aber- und abermal diskutiert worden wäre. Der Autor, der Geschichte an der Boston University lehrt, unterstreicht, was in jedem guten Geschichtsbuch zu lesen ist: dass die Katastrophe keineswegs aus heiterem Himmel über Europa hereinbrach, sondern sich lange vorbereitet hatte. Er schildert, wie es viele vor ihm getan haben, die Konflikte und Krisen vor 1914, das Wettrüsten, die Kriegspläne der Militärs und ihre Sorge, dass sich ein Krieg über kurz oder lang nicht werde vermeiden lassen. Hauptverantwortlich für die wachsenden Spannungen macht Fromkin, auch das ist Common Sense, das deutsche Kaiserreich. Von weltpolitischen Ambitionen angetrieben, von sozialen Gegensätzen im Innern zerrissen, habe es als ständiger Störenfried im Konzert der Mächte gewirkt und sich damit selbst in die internationale Isolierung manövriert, die dann lauthals als "Einkreisung" beklagt wurde.

Auch was die Darstellung der Julikrise selbst angeht, folgt Fromkin dem Mainstream der Forschung, wie er sich im Gefolge der Fischer-Kontroverse der sechziger Jahre herausgebildet hat: Für Österreich-Ungarn war das Attentat von Sarajevo am 28. Juni ein willkommener Vorwand, um endlich gegen das verhasste Serbien losschlagen zu können. Und für die deutsche Reichsleitung bot sich die günstige Gelegenheit, um zur entscheidenden Kraftprobe mit der Triple-Entente anzusetzen. "Deutschland stützte nicht blindlings Österreich bei seinem aggressiven Vorgehen; es trieb im Gegenteil Österreich erst zu seinem aggressiven Kurs und drängte die Donaumonarchie, immer weiterzugehen", so beschreibt Fromkin zutreffend die Rollenverteilung zwischen Wilhelmstraße und Ballhausplatz.

Freilich irrt der Autor, wenn er meint, dass der deutsche Reichskanzler Bethmann Hollweg das Risiko eines großen Krieges "als sehr gering" eingestuft habe. Das Gegenteil ist richtig: Die maßgeblichen Politiker in Berlin waren sich durchaus im Klaren darüber, dass sie mit ihrem "Blankoscheck" an Österreich-Ungarn für ein militärisches Vorgehen gegen Serbien ein hohes Risiko eingegangen waren, das mit großer Wahrscheinlichkeit den Weltkrieg zur Folge haben würde. In der Öffentlichkeit ließen sie über ihre halsbrecherischen Pläne nichts verlauten. Die führenden Militärs fuhren in Urlaub; Kaiser Wilhelm II. wurde auf seine traditionelle Nordlandreise geschickt. Fromkin spricht von einem groß angelegten Täuschungsmanöver, und wer zu lesen versteht, für den ist die Parallele zur Lügenpolitik, mit der Bush den Irak-Krieg inszenierte, kaum zu verkennen. Erst das österreichisch-ungarische Ultimatum an Serbien vom 23. Juli lüftete den Schleier über dem trügerischen Kulissenspiel und machte mit einem Schlage den Ernst der Lage deutlich. Für diese heiße Phase der Julikrise hat der Autor die Form eines Tagebuchs gewählt, in dem die Aktionen und Reaktionen in den europäischen Hauptstädten detailliert nacherzählt werden. Die Dramatik der Entwicklung teilt sich so dem Leser unmittelbar mit. Allerdings kommt darüber die historische Analyse zu kurz.

Fromkin glaubt, den Schlüssel zur Erklärung der Julikrise darin gefunden zu haben, dass es sich nicht um einen, sondern um zwei vorsätzlich herbeigeführte Kriege gehandelt habe: den lokalen Krieg Österreich-Ungarns gegen Serbien und den Präventivkrieg Deutschlands gegen die Triple-Entente, in dem es um die Vorherrschaft in Europa gegangen sei. Doch das ist eine ganz künstliche Trennung, die dem Wirkungszusammenhang der Ereignisse nicht gerecht wird.

Kurzum: Dieses Buch bietet keinerlei neue Erkentnisse. Es stützt sich ganz überwiegend auf die angelsächsische Literatur. Mit den Arbeiten jüngerer deutscher Historiker, etwa Holger Afferbachs und Friedrich Kießlings, die in der Vorweltkriegszeit Anknüpfungspunkte für eine Ära der Entspannung entdeckt haben (ZEIT Nr. 2/03), setzt sich Fromkin nicht auseinander. Überhaupt gewinnt man den Eindruck, dass er mit den Forschungsdiskussionen in Deutschland während der letzten Jahrzehnte nicht sonderlich vertraut ist.

Zu kritisieren ist auch, dass Zitate aus zeitgenössischen deutschen Quellen nicht im Original wiedergegeben, sondern aus englischsprachigen Büchern rückübersetzt werden, wobei es zu zahlreichen Ungenauigkeiten kommt. So wird eine berühmte Äußerung Bethmannn Hollwegs vom 6. Juli 1914, festgehalten von seinem Intimus Kurt Riezler, so zitiert: "Die Zukunft gehört Rußland, das immer weiter wächst und zu einem immer gefährlicheren Alptraum für uns wird." Tatsächlich lautet der entsprechende Passus im Tagebuch Riezlers: "Die Zukunft gehört Rußland, das wächst und wächst und sich als immer schwererer Alb auf uns legt." Gewiss, das sind Nuancen, aber von einer Übersetzung, die wissenschaftlichen Standards genügen will, sollten sie beachtet werden.