Schon kurz hinter Freiburg, vierzig Kilometer vor dem Ziel, werden wir auf Tempo 120 runtergebremst, um die Behelfsausfahrt auch keinesfalls zu verpassen: Raststätte Bad Bellingen West, die "letzte Autobahn-Tankstelle vor der Grenze", wie große Tafeln mahnen. Seit kurzem ist die Rastanlage im südlichen Schwarzwald ein möglicherweise noch beliebteres Reiseziel als zuvor. Denn beim jährlichen Raststättentest des ADAC hat Bad Bellingen West eine sensationelle Wertung erreicht: den letzten Platz. Als schlechteste von sechzig Rastanlagen in sechs europäischen Ländern.

Man fragt sich, warum. Unschuldig steht die Tanke da, ein gekachelter Service-Flachmann, wie ihn die deutsche Autobahn Tank & Rast Holding GmbH in den Siebzigern hundertfach entlang der Schnellstraßen hat aufstellen lassen. Und dort wird einiges geboten: säckeweise frische Äpfel aus dem Markgräflerland, Bollenhutpuppen und Spirituosen in allen gängigen Größen. Die Sonderaktion "Riesenbockwurst + 1 Pott Kaffee für 3,49 Euro statt 4,20" hat sich schon herumgesprochen, die Toiletten sind sauber, die wasserlosen Patent-Pissoirs in tadellosem Zustand. Selbstverständlich wird das Benzin frisch gezapft, der Liter blei- und blasenfrei präsentiert sich in sattem Strohgelb mit grünlichen Reflexen und überzeugt im Abgang mit einer erstaunlichen Dieselnote, die man für diesen Preis (1,10 Euro pro Liter) kaum erwartet hätte. Alle wichtigen Zeitschriften liegen aus, selbst die schwer erhältlichen Titel Muscle & Fitness und Fernfahrer – Das internationale Truck-Magazin; Fachblätter wie Schlüsselloch und Frauen reif und sexy "erhalten Sie an der Kasse", wie uns ein Schild diskret mitteilt.

Die Angestellten tragen Anstecker mit der Aufschrift "Denke positiv!". Und das müssen sie auch. Seit der ADAC sein Verdikt gesprochen hat, ist die Stimmung gereizt. Hier an der Tankstelle, erklärt uns Herr Özmen, während er unsere Zigaretten einscannt, sei nämlich alles in Ordnung, dafür sorge der Pächter. Die Tester hätten vielmehr das Raststättenrestaurant einige hundert Meter weiter kritisiert, und das gehöre der Stadt Bad Bellingen.

Auf dem Parkplatz herrscht geselliges Treiben. Jeder Servicebetrieb der Tank & Rast versorgt täglich im Schnitt 2000 Gäste, zu Ferienzeiten leicht das Vielfache. Auch diese Anlage ist gut besucht. Zwischen Fahrzeugen mit niederländischen und Schweizer Kennzeichen tummeln sich Touristen in Freizeitstimmung, sogar Busse sind angerollt. Das Parkplatzangebot ist verschwenderisch, für fast jeden Wagen ist ein freier, kostenloser Parkplatz vorhanden – davon kann man in Touristenstädten nur träumen. Auf dem Grünstreifen zwischen Lkw-Tankplatz und Müllcontainern sitzen, wie es bei denen Sitte ist, Dänen auf Campingstühlen und verzehren Mitgebrachtes. Der Urlaub hat schon begonnen. Werden sie überhaupt weiterfahren?

Wir betreten das Raststätten-Restaurant, einen kleinen, leicht angestoßenen Containerbau, und sind auf alles gefasst. Bereits am Eingang der Hinweis auf regelmäßig stattfindende, freiwillige Hygienekontrollen. Innen riecht es nach Sodbrennen, die Möblierung folgt der Vorgabe evangelischer Gemeindehäuser. Einfach, aber simpel. Neonröhren brutzeln, Spielautomaten blinken, in der Kioskecke hängen grellrote Warnwesten von der Decke, denn die sind für Italienreisende mittlerweile Pflicht. Zur Essensausgabe geht es immer der Nase nach. Die kleine Schnittverletzung, die wir uns beim Rütteln am Serviettenspender zuziehen, erinnert uns an den Daseinskampf da draußen auf dem Asphalt.

Der frifri-Doppelbeckenfrittierer läuft auf Volllast, klappernd landet eine Handvoll radkappengroßer Hacksteakrohlinge auf der Grillplatte. "Au ja, ich nehm ein Schnitzel", jubiliert eine rustikale Schweizerin, und sofort wird hinter der Theke das Auftauprogramm gestartet. "Das kommt aus der Mikrowelle", raunt sie ihrem Mann zu, der dies befriedigt zur Kenntnis nimmt: "Ich nehme das Gleiche!" Zur Abrundung noch einen Kleinen Feigling aufs Tablett, das macht den Mittag rund. Um eine Keimprobe zu nehmen, bestellen wir "Hähnchen Cordon Bleu gebacken mit Pommes frites" für 5,70 Euro und erhalten das Bestellte umgehend aus dem Fett gefischt. Das übersichtliche Gericht mit neckischem Salatklecks ist ein Bekenntnis zur deutschen Kantinenküche alter, vielleicht ältester Schule. Das Hähnchenfleisch ist glasig und geht optisch ununterscheidbar in den eingebrachten Füllkäse über; der schnitzelfarbene Panadepanzer lässt sich, geschickt geknackt, problemlos im Ganzen ablösen und entsorgen; Geschmack kann der Essware sofort und in beliebiger Menge hinzugefügt werden, denn auf jedem Tisch finden wir – zwischen den Aufstellern für "Preiswerte Zigaretten TAWA red, 19er 3,30 €" – den klassischen deutschen Gastro-Vierer: Pfeffer, Salz, Maggi und Fondor, das legendäre "Feinwürzmittel für Gemüse, Salate, Suppen, Soßen, Reis- und Kartoffelgerichte, Teigwaren, Eierspeisen, Geflügel, Fleisch, Fisch". Da kann nichts mehr schief gehen.