Taipei

Cheng Li-wen trägt den Ausschnitt so tief wie eine europäische Diva. Sie ist 1,80 Meter groß und schlank. Ihr langes Haar ist dunkelrot gefärbt. An ihrer linken Schulter wippt eine rosa Seidenrose. So lehnt sie an dem Pult des Pressesaals. Cheng ist Sprecherin der nationalistischen Kuomintang (KMT), Taiwans größter Oppositionspartei, und damit so etwas wie die Mariannenfigur der Demokratiebewegung. Dabei ist es noch nicht lange her, dass die heute knapp 40-Jährige die KMT hasste. Nur ein paar Schritte vom Pult entfernt steht das steinerne Denkmal des historischen KMT-Führers und langjährigen Diktators Chiang Kai-shek.

Früher ließ sich Cheng von den Schergen des KMT-Regimes verprügeln. Mit 18 Jahren nahm sie an verbotenen Demonstrationen für die politischen Gefangenen der Demokratiebewegung teil. Auf Taiwan herrschte damals finstere Diktatur.

Später zog Cheng an der Spitze der demokratischen Opposition ins Parlament ein. Mitte der neunziger Jahre war sie Fraktionschefin der Demokratischen Fortschrittspartei (DPP), wirkte federführend an wichtigen Verfassungsänderungen mit. All das bekommt heute neue Bedeutung. Denn vor drei Jahren verließ Cheng die seit 2000 regierende DPP und trat im Februar dieses Jahres der nun oppositionellen KMT bei. Cheng ist die Erste, die diesen Weg ging. Um ein Zeichen für eine reifere Demokratie zu setzen, wie sie sagt. Für die populäre Politikerin, die von ihrer neuen Partei gleich nach der Aufnahme zur Sprecherin ernannt wurde, kommt es heute darauf an, dass sich die beiden großen taiwanischen Parteien mäßigen. Denn zwischen ihnen herrscht ein Grabenkampf. Die DPP verlangt die vollständige Unabhängigkeit von China. Die KMT hingegen befürwortet die Einheit. Es fehlt ein demokratischer Konsens über die taiwanesische China-Politik. Seit dem Ende des chinesischen Bürgerkrieges im Jahre 1949, als der unterlegene KMT-Chef Chiang vor den Truppen Mao Tsetungs floh und sein Regime nach Taiwan rettete, hat sich am Zustand des Kalten Krieges zwischen Taipei und Peking nichts geändert. Taiwan muss sein China-Problem lösen, sagt Cheng. Dafür steht sie an diesem Tag vor dem Pult in der Parteizentrale und gibt die zwei Kandidaten für die Wahl des neuen KMT-Vorsitzenden am 16. Juli bekannt. Mit einem von ihnen will sie die Macht erobern.

Kurz darauf sitzt die Parteisprecherin mit übergeschlagenen Beinen auf der Rückbank einer schwarzen Limousine und lässt Taiwans moderne Hauptstadt an sich vorbeiziehen: lauter bunte Hochhäuser, übersät mit Reklame. Früher war Taiwan Synonym für den asiatischen Wirtschaftsboom. Bis zur Jahrtausendwende herrschte Vollbeschäftigung. Heute ist bereits jeder Zehnte ohne Arbeit. Die Politik, meint Cheng, reagiere darauf bisher nicht, weil sie zu sehr mit dem China-Streit beschäftigt sei. Unabhängigkeit oder Wiedervereinigung - Die Leute können es nicht mehr hören, sagt Cheng.

Auf der Fahrt sinniert sie über die Kandidaten für den KMT-Vorsitz. Ma Ying-jeou stand eben noch neben ihr im Fahrstuhl. Er gilt als liberal und integer, hat in Harvard studiert und sich als Bürgermeister der Hauptstadt Taipeh einen tadellosen Ruf erworben. Umfragen sehen in Ma den derzeit populärsten Politiker der Insel. Er ist unser Star, sagt Cheng. Doch auch sein Konkurrent, der Parlamentsvorsitzende Wang Jinpyng, kann sich Chancen für den Parteivorsitz ausrechnen. Er kommt aus dem ländlichen Süden Taiwans und ist im Gegensatz zu Ma nicht chinesischer, sondern taiwanischer Abstammung - wie 80 Prozent aller KMT-Mitglieder. Cheng glaubt dennoch, dass es zweitrangig ist, wer die Abstimmung unter den eine Million Parteimitgliedern gewinnen wird. Aus ihrer Sicht sind beide Kandidaten gestandene Demokraten und haben mit der diktatorischen Vergangenheit der KMT nichts mehr zu tun.

Die Limousine bringt Cheng ins Talkshow-Studio eines Fernsehsenders. Sie ist dort an jedem Wochentag zu Gast. Im vergangenen Jahr moderierte Cheng noch ihre eigene Show. Sie ist ein Medienstar. Mit frischem Makeup tritt sie vor die rosa Wände des TV-Studios. Sie redet viel, lächelt noch mehr, verzaubert die politischen Gegner im Studio, die mitlachen müssen. Nach der Show sagt sie, dass sie wirklich an den Generationswechsel in ihrer Partei glaube.