Wahrscheinlich wird es irgendwann klingeln, und das FBI, der Mossad, der Bundesnachrichtendienst und 124 Anwälte der US-Regierung stehen vor der Tür. Sie werden was von Viren murmeln, und dann wird der Vater ahnungslos stammeln, dass er kerngesund sei, zurzeit absolut virenfrei, nicht zum Mars wolle, Würmer auch nicht möge, und - ich schwöre - noch nie in seinem Leben etwas mit der Nasa zu tun gehabt habe. Dann tritt Paul aus seinem Zimmer.

Schlaftrunken erst, dann verlegen grinsend, dann wird er Oh, shit sagen.

Und das ist dann der Moment, in dem der Vater bereut, Pauls Aktivitäten am Computer nicht genauer beobachtet zu haben. Das wird teuer, knurrt der Mann vom Bundesnachrichtendienst.

Paul ist 17. So alt wie der Erfinder des Sasser-Wurms, der vergangene Woche verurteilt wurde. Paul hat einen Computer. Wie der Sasser-Bube. Anfangs, da war Paul noch 14, hatte der Vater halb scherzhaft, halb mahnend gesagt, dass die Jungs beim Surfen im Internet trotz aller Erregung kühlen Kopf behalten sollen. Das war, als Pubertist Paul und irgendein Mitpubertist blitzschnell Klick machten, wenn der Vater nach kurzem Anklopfen unverhofft ins Zimmer trat. Klick machte es, und die Pornoseite war weg. Dann hatte sich Paul kurzes Anklopfen und unverhofftes Eintreten verbeten. Auch schlief der Vater meist, wenn Paul surfte. Surfte er? Oder leitete er gerade per Mausklick die Marssonde zur Venus? Tauschte den weltweit verfügbaren Dollarbestand in indische Rupien um? Schickte er, der gute Junge, Regen in darbende Dürrezonen? Hockte nächtens in Pauls Zimmer Gott vor dem Monitor und dirigierte vom ersten Stock eines Berliner Mietshauses die Welt nach seinem Gusto um? Man weiß es nicht als früh geborener Computerlaie, aber was der Sasser-Bub vermag, kann doch auch Paul vermögen. Wenn Sasser die Weltbank liquidiert, kann das doch auch Paul. Paul Almighty. Einen Computer, eine Maus, viel mehr braucht es wohl nicht, nur noch die diebische Freude an Streichen.

Was tut man als Vater, wenn man nicht weiß, wo sich der Sohn gerade einloggt?

Schwitzen. Was anderes bleibt nicht. Oder man nutzt die Energie positiv. Wenn das eigene Fleisch und Blut schon die Fähigkeit dazu hat, warum korrigiert es dann nicht den eigenen Kontostand? Für jugendliche Hacker ist es doch gewiss kein Problem, Zugang zur Bank zu bekommen. Oder ins Lottosystem, auf dass es nachträglich abgegebene Tipps anerkennt. Die Frage nach der Moral hat der Computer mit seinem unmoralischen Angebot schon selbst beantwortet. Also, Paul, ans Werke. An der Tür klingelt es. Draußen stehen 97 Anwälte der Lottogesellschaft. Das wird teuer, knurrt der Staatsanwalt. Oh, shit, sagt der Vater.