Schweinfurt/Fürth

Dies sind schöne Wochen für die Landesvorstände der linken "Wahlalternative", der WASG, wie sie noch heißt. Zumindest in den starken Verbänden Bayern oder Nordrhein-Westfalen strahlt man voller Zuversicht: Jeden Tag würden neue Mitglieder eintreten, der Zuspruch sei immens, die Umfragen liegen schon bei elf Prozent, in Wirklichkeit aber sei das Potenzial größer, mindestens bei 15. Schon wurde behauptet, mit dem kommenden Bündnis von WASG und PDS hole die Linke die deutsche Einheit nach. Doch da wächst nichts zusammen. Eher versuchen die beiden Parteiführungen, in aller Eile zwei einander sehr fremde politische Strömungen zusammenzuzwingen.

Das kann nicht gelingen, die Funktionäre wissen das. Im Moment führt die WASG eine Urabstimmung unter ihren Mitgliedern durch. Eine Zustimmung von weniger als 70 Prozent wäre eine Enttäuschung. Die Zahlen werden am Freitag veröffentlicht. Die PDS, deren Parteitag am Sonntag beginnt, wartet gespannt darauf. Kommt die "Linkspartei" zustande, werden sich etwa zehn Prozent der WASG-Mitglieder wieder verabschieden.

Schweinfurt, wo der dortige IG-Metall-Bevollmächtigte Klaus Ernst im März 2004 die "Initiative für Arbeit und Soziale Gerechtigkeit" gegründet hatte, ist politisch fern von Berlin. Hier arbeitet der bodenständige Teil der "Wahlalternative". Mit Verwunderung registrieren ihre Aktivisten, dass sie sich ausgerechnet jetzt, da der Zuspruch einsetzt und ihr Idealismus sich konsolidieren müsste, strategisch verhalten sollen: Sie verstehen sich noch als Basisbewegung, die Partei treibt schon Bundespolitik. Als jüngstes politisches Phänomen ist die WASG für viele Projektionen offen, die ihrer Basis seltsam vorkommen: Rettung der Linken, Westausdehnung der PDS, den einen gelten sie als Neomarxisten, anderen als Spalter. Und für Oskar Lafontaine sind sie die Chance zur Rückkehr in die große Politik.

Jemandem wie Heinz Amling, 59, Betriebsratsvorsitzender eines Unternehmens mit 380 Beschäftigten, geht das zu schnell. Alle hier, sagt Amling, vertrauten auf Klaus Ernst. Der soll dafür sorgen, dass man von der PDS nicht über den Tisch gezogen wird. Heinz Amling ist gar kein Linker. Er kommt aus dem Umland, wo schon immer die Schwarzen regiert haben, und er ist stolz auf seine Firma, die Fahrradnaben herstellt, einmal den Ursprung des großen Sachs-Konzerns bildete und nun den Amerikanern gehört. "1979 bin ich in die CSU eingetreten", erzählt er. Von 1984 an saß er im Gemeinderat, war Ortsvorsitzender. "Daneben war ich Mitglied im Elternrat in der Schule meiner Kinder sowie im Bayerischen Siedler und Eigenheimbesitzer Verband, einer Interessenvertretung für kleine Hauseigentümer." Der Mann könnte Musterbeispiel für eine engagierte Zivilgesellschaft konservativer Prägung sein. "Dinge wie Worthalten, Zuverlässigkeit oder Berechenbarkeit haben für mich einen hohen Wert. Ich musste feststellen, dass die CSU dem nicht entsprach."

Seit 95 habe es Anzeichen gegeben, dass der Betrieb geschlossen werden soll. Da hätten die Leute ihn zum Betriebsrat gewählt. "Wir konnten damals eine Schließung verhindern und überstanden auch den Verkauf, eine schwierige Zeit, aber ich glaube, ich habe die Leute nicht enttäuscht." Heute hat der Betrieb einen gewerkschaftlichen Organisationsgrad von 63 Prozent. Darauf ist Heinz Amling stolz. Und er meint, von seinen IG-Metallern würden gut die Hälfte WASG wählen.

Schweinfurt ist im Wesentlichen von drei Arbeitgebern der Autozulieferung und der Metallverarbeitung abhängig, ZF Sachs, FAG Kugelfischer, SKF. In den vergangenen 15 Jahren, erzählt Frank Firsching, örtlicher DGB-Regionsvorsitzender und WASG-Aktivist der ersten Stunde, habe Schweinfurt etwa die Hälfte seiner 30000 Arbeitsplätze verloren. Es gab Bürgerproteste, mehrere Streiks, eine lange Phase sozialen Unfriedens. Dennoch konnte der Arbeitsplatzabbau gebremst werden: "Das gehört halt auch zu der Geschichte hier, die Leute fühlen sich nicht nur als Verlierer, sie haben erfahren: Man kann auch siegen."