DIE ZEIT: Sie haben im Wahlkampf 1998 die Neue Mitte erfunden. Heute schreibt die SPD in ihr Manifest Mindestlohn und Reichensteuer. Jetzt soll Mitte heißen, was früher links war.

Matthias Machnig: Der Begriff Neue Mitte stammt von Willy Brandt. Er wollte ein neues Bündnis aus Arbeiterschaft und aufgeklärtem Bürgertum. 1998 und 2002 ging es um die Frage, wie man wieder ein solches Bündnis aufbauen kann.

Aber die politische Mitte als Ort, als Milieu, als Wählersegment hat es nie gegeben. Die Mitte ist ein Diskurs, der in einer sich differenzierenden Wählerlandschaft Bündnisse für den Wahltag und darüber hinaus organisieren soll. Sie ist eine Chiffre für politische Deutungshoheit um Vertrauen.

ZEIT: Das hat die SPD verloren.

Machnig: Die Mitte wollte 1998 ökonomische Effizienz und sozialen Ausgleich.

2002 war die Situation schon anders. Da gab es keine Mehrheit für Rot-Grün, sondern gegen Edmund Stoiber. Da hatte die SPD eine sozial-kulturelle Mehrheit, aber keine Mehrheit für die harten ökonomischen Fragen. Die Mitte von 1998 ist in drei Teile zerfallen: den sozialdemokratischen, den grünen Teil und die neue Linkspartei. Die Zukunftsfrage für die SPD ist, ob sie es wieder schafft, Deutungshoheit in ökonomischen Fragen zu gewinnen und Vertrauen aufzubauen.

ZEIT: Die SPD hat über 100 000 Mitglieder verloren, sie liegt in Umfragen bei knapp 30 Prozent. Ist sie überhaupt noch eine Volkspartei?