Zeit online: Das Selbstmordattentat in Netanya, das von einem jungen Palästinenser ausgeführt wurde, der dem Islamischen Dschihad zugerechnet wird, hat fünf Tote und 90 Verletzte gefordert. Nach israelischen Vergeltungsschlägen und palästinensischen Raketenangriffen auf jüdische Siedlungen gab es weitere Tote und Verletzte. Die vorsichtige Annäherung zwischen Palästinensern und Israelis ist durch diese Gewaltspirale bedroht. Von israelischer Seite wurde der Vorwurf erhoben, dass Palästinenserpräsident Mahmud Abbas nicht genügend gegen die militanten palästinensischen Gruppen unternommen hätte? Seine Strategie, die Gruppen einzubinden, sei gescheitert. Teilen Sie diese Einschätzung Herr Perthes?

Perthes: Mahmud Abbas befindet sich in einer sehr schwierigen Situation. Der Palästinenserpräsident hat versucht, die militanten Gruppen politisch einzubinden. Das Problem ist, dass ihm kaum eine andere Option verbleibt. Abbas sind die Hände gebunden, denn er verfügt nicht über die militärischen Möglichkeiten, wirkungsvoll gegen die militanten Gruppen vorzugehen. Dazu bräuchte der Palästinenserpräsident eine größere Anzahl von Polizisten und eine bessere Ausrüstung. Die palästinensischen Sicherheitskräfte sind zudem aufgrund der israelischen Besatzung in ihrer Handlungs- und Bewegungsfreiheit sehr stark eingeschränkt.

Zeit online: Demnach ist die Forderung von Ariel Sharon, die palästinensischen Terrorgruppen zu zerschlagen, unrealistisch?

Perthes: Mahmud Abbas hat ein schweres Erbe angetreten, das zum Teil auf Altlasten aus der Zeit seines Vorgängers Arafat beruht, in dessen Regierungszeit eine Vielzahl von konkurrierenden Sicherheits- und Geheimdiensten gebildet wurden. Hinzu kommen die Gruppen, die sich aus Widerstand zur israelischen Besatzung zusammengeschlossen haben. Diese zahlreichen militanten Gruppen und Großfamilien, die teilweise über ein sehr großes Waffenpotential verfügen, konkurrieren miteinander um den Machterhalt in der palästinensischen Gesellschaft und lassen sich nicht kampflos zerschlagen. Insgesamt existiert eine extrem große Anzahl an Waffen in der palästinensischen Bevölkerung.

Zeit online: Abbas weicht also vor einer Konfrontation mit den militanten Gruppen zurück, weil er einen Bürgerkrieg innerhalb der palästinensischen Gesellschaft befürchtet?

Perthes: Im Gazastreifen besitzen einzelne Gruppen soviel Macht , dass es für die palästinensische Polizei praktisch unmöglich ist, eine einflussreiche Persönlichkeit festzunehmen. Es kommt vor, dass palästinensische Sicherheitskräfte versuchen, Anhänger militanter Gruppen festzunehmen und stattdessen selbst beschossen werden und zurückweichen müssen. So wie das Haus des Sicherheitschefs im Gazastreifen nach einer Polizeiaktion gegen militante Gruppen so stark unter Beschuss genommen wurde, dass diesem nichts anderes übrig blieb, als sich über den israelischen Grenzposten Erez zu flüchten, um den Angriff zu überleben. Bürgerkriegsähnliche Szenarien sind daher keine ganz unbegründete Angst.