Gerade noch hatte Israel mit den Opfern der Londoner Terrorattentate getrauert, da wurde das gebeutelte Land am Dienstag selbst zum Ziel eines Anschlags - des ersten seit fünf Monaten. Bei dem Selbstmordanschlag vor einem Einkaufszentrum in Netanya kamen fünf Menschen ums Leben, über 90 wurden zum Teil schwer verletzt. Der "Horror kehrte zurück" schrieb die israelische Tageszeitung Jediot Achronot am Tag danach. Ausgeführt wurde die Tat durch einen 18jährigen Palästinenser, der sich noch am Morgen des Attentats sein Abiturzeugnis abgeholt hatte, wie die Zeitung berichtete. Er stammte aus den Reihen der Terrororganisation Islamischer Dschihad. Die israelische Reaktion fiel prompt und hart aus. Bei der Militäraktion am Mittwoch gegen den Islamischen Dschihad wurden zwei bewaffnete Palästinenser getötet wurden, die vor kurzem geräumte Stadt Tulkarem abermals von israelischen Sicherheitskräfte besetzt, das Westjordanland und der Gazastreifen abgeriegelt. Die Antwort militanter Palästinenser ließ nicht lange auf sich warten: Am gestrigen Donnerstag wurden jüdische Siedlungen mit Kassam-Raketen und Mörser-Granaten beschossen, eine junge Frau wurde dabei in der Kollektivsiedlung Netiv Ha-Asara nördlich des Eres- Kontrollpunktes getötet. Die Raketen sollen von Hamas abgefeuert worden sein, womit sich nun auch wieder die andere große Terrorgruppe am "Geschehen" beteiligt. Die Gewaltspirale im Nahen Osten dreht sich wieder – die Extremisten haben ihr Ziel erreicht.Das Attentat fällt in eine Zeit, wo sich Israel und die Palästinenser um Aufrechterhaltung einer brüchigen Waffenruhe bemühen. Scharons Regierung riskiert innenpolitisch Kopf und Kragen, den Rückzug aus dem Gazastreifen gegen den Widerstand der jüdischen Siedlergemeinschaft voranzubringen. Seinerseits kämpft der palästinensische Präsident Mahmud Abbas darum, sich das Vertrauen der Israelis sowie der eigenen Bevölkerung zu erhalten.Der Zeitpunkt des Attentats ist nicht zufällig gewählt. Fünf Wochen vor dem als "historisch" bewerteten Abzug der Israelis aus dem Gazastreifen, stellt das Attentat eine schwere Belastung in den israelisch-palästinensischen Beziehungen dar. Die Stellung von Mahmud Abbas ist geschwächt: Die Aufkündigung der Waffenruhe durch militante Palästinenser bedroht seine Autorität. Bei den Israelis, im Ausland und in den eigenen Reihen könnte Abbas dadurch an Rückhalt und Ansehen verlieren.Abbas war angetreten, die Gewalt von palästinensischer Seite aus, zu beenden und damit eine Grundlage, für einen erneuten Dialog mit israelischen Politikern aufzubauen. Gewalt als politische Option hatte er, anders als sein Vorgänger Arafat, immer mit deutlichen Worten verurteilt. Dadurch wurde er zu einem glaubhaften Verhandlungspartner für Israel. Doch vor allem für junge Palästinenser wäre eher Marwan Barghouti, der Chef der el-Fatah, der in Israel wegen des Terrorvorwurfs eine Gefängnisstrafe absitzt, der Wunschkandidat als Präsident gewesen. Abbas hatte als einer der Architekten des Osloer Abkommen 1993 in den Augen vieler Palästinenser, gegenüber Israel zu große Zugeständnisse gemacht. Die Israelis hatten von Anfang befürchtet, dass mangelnder Rückhalt in der palästinensischen Bevölkerung Abbas zum Verhängnis werden könnte. In der israelischen Zeitung Haaretz wurde eine israelischer Politiker mit den Worten zitiert: "Der (Islamische) Dschihad hat Abu Mazen’s ins Gesicht gespuckt", wobei er den Spitznamen von Abbas aus alten PLO-Zeiten verwendete. "Das Bombenattentat hat Abbas Autorität in Frage gestellt. Israel müsse sich nun fragen, ob die Palästinenser, ein Stadium erreicht haben, indem sich nicht länger ihrem Präsidenten folgen", wurde der Regierungsvertreter in Haaretz zitiert. Abbas hatte vor einer harten Konfrontation mit den militanten Gruppen zurückgescheut und stattdessen auf deren Einbindung in die palästinensischen Polizeikräfte gesetzt. Sharon hatte dagegen von Abbas verlangt, dass die Terrorgruppen zerschlagen werden müssten. Der Palästinenserpräsident dürfte darauf gesetzt haben, dass ihn die militanten Gruppen solange unterstützten, wie kleine, aber immerhim kontinuierliche Fortschritte für die Palästinenser zu verzeichnen waren, wie die Freilassung von palästinensischen Häftlingen, Rückzug des israelischen Militärs aus einigen palästinensischen Städten im Westjordanland wie Tulkarem und vor allem die anstehende Rückgabe des Gazastreifens, die in fünf Wochen erfolgen soll – all dies, war offensichtlich kein Hinderungsgrund für den Islamischen Dschihad.Die Antwort von Abbas auf den Selbstmordanschlag war dementsprechend eine scharfe Verurteilung der Täter. Immer wieder betonte er, wie "dumm die Männer seien, die hinter dem Anschlag steckten" und wie "sehr sie der palästinensischen Sache" schadeten. Damit dürfte der Palästinenserpräsident nicht nur den Annäherungsprozess zwischen Israelis und Palästinensern und den geplanten Gazaabzug, sondern auch sein eigenes politisches Schicksal gemeint sein. Abbas kündigte an, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Allerdings weisen Nahost-Experten daraufhin, dass Abbas und seine Palästinenserpolizei den schwer bewaffneten militanten Gruppen, wenig entgegenzusetzen hat und eine Zerschlagung der Terrorgruppen, wie von Israel gefordert, zum jetzigen Zeitpunkt kaum möglich wäre. Diese Einschätzung scheint sich, zu bewahrheiten. Nach schweren Gefechten im Gazastreifen zwischen der palästinensischen Polizei und Kämpfern der radikalen Hamas- Organisation in der Nacht auf Freitag rief die palästinensische Autonomiebehörde laut Haaretz den Ausnahmezustand aus. Israel hat sich dagegen nicht darauf beschränkt, die Täter zu verfolgen, sondern hat mit dem Einsatz von Kampfhubschrauber und einer vollständigen Abriegelung der besetzten Gebiete regiert. Damit droht die israelische Regierung die gesamte palästinensische Bevölkerung für die Taten, verantwortlich zu machen. Die letzten fünf Monate waren eine Periode relativer Ruhe in der krisengeschüttelten Region, die Anlass zur Hoffnung gaben, dass mit dem Abzug der Israelis aus dem Gazastreifen, der Friedensprozess zwischen den beiden verfeindeten Seiten an Fahrt gewinnen würde. Die Stimmung unter der palästinensischen Bevölkerung hatte sich in den vergangenen Monaten stark verändert, und die Mehrheit stand hinter dem Kurs von Präsident, Abbas, der jegliche Gewalt verurteilte. Wenn Israel die Palästinenser für die Attentate in Kollektivhaftung und palästinensische Zivilopfer billigend in Kauf nimmt, wird der Friedenskurs der Palästinenser auf eine harte Probe gestellt.Bereits in der Vergangenheit war es Extremisten auf beiden Seiten wiederholt gelungen, den Verständigungsprozess zwischen Israel und den Palästinensern durch Gewalttaten, zu torpedieren. Dann hätten Extremisten einmal mehr erreicht, dass sich friedenswillige Kräften, dem Kalkül von Terrorangriffen beugen und sich vom Friedensweg abbringen lassen. Unfreiwilliger Beobachter der Gewalteruptionen wurde der Grüne Außenminister Joschka Fischer (Grüne), der in den letzten zwei Tagen zu Gesprächen bei Ariel Sharon und Mahmud Abbas in der Region gewesen war und ebenfalls die Wichtigkeit betont haben dürfte, sich nicht durch militante Gruppen von dem Rückzug aus dem Gazastreifen und dem weiteren Friedensdialog abhalten zu lassen.