Ist al-Qaida eine weltumspannende Terrorgruppe?

Nein.Al-Qaida – das sind viele Organisationen. Ihr Name ("Die Basis") geht auf ein Verzeichnis von muslimischen Kämpfern zurück, das Osama bin Laden 1988 in Afghanistan anlegte, nach dem Krieg der Mudschahedin gegen die Sowjets. Seit 1984 waren über bin Ladens Rekrutierungsbüros etwa 20 000 Muslime aus aller Welt in die Ausbildungslager am Hindukusch gezogen – eine Art internationale Brigade des Islams, die kam, die Ungläubigen zu vertreiben. Und in der Tat: Die Mudschahedin schafften es, mit festem Glauben und amerikanischen Stingerraketen, die Weltmacht Sowjetunion in die Knie zu zwingen. Nach diesem Sieg blieb Afghanistan bis 2001 das Gravitationszentrum für Dschihadisten. Mit terroristischem Training versehen, kehrten sie zumeist in ihre Heimatländer zurück. Zwischen 3000 und 5000 Kämpfer, schätzen die UN, traten dortigen Terrorgruppen bei. Bis zum Jahr 2001 erstreckte sich bin Ladens Netzwerk, laut einer Zählung des US-Außenministeriums, über etwa 55 Staaten. In Algerien heißen die islamistischen Kämpfer "Bewaffnete Gruppe für Predigt und Kampf", in Indonesien "Dschama’at al-Islamija", in Tschetschenien "al-Ansar Mudschahedin", in Ägypten "al-Gama’a al-Islamija", im Irak "Ansar al-Islam", in Europa "al-Tawhid". Unabhängige, so genannte "non-aligned Mudschahedin" oder "Schläfer" stehen im Bedarfsfall Gewehr bei Fuß. Die Diaspora von Glaubenskämpfern wird zusammengehalten durch Schützengräbenbrüderschaften, ihre gemeinsame Ideologie oder, im losesten Fall, ein – aus ihrer Sicht – heiliges Ziel: Die Welt von den Ungläubigen zu befreien. Am besten beschrieben ist al-Qaida heute als ein terroristisches Franchise-Unternehmen. Im Namen des Dschihad kann jeder kämpfen, der die Ziele der Bewegung teilt. Dabei können die Veteranen den Nachwuchs-Dschihadisten mit Know-how, Kontakten, Waffen und Geld weiterhelfen. Was als Adressenverzeichnis afghanischer Kämpfer begann, ist heute also eine Bewegung von Fanatikern, die mal mehr, mal weniger autonom von der Al-Qaida-Gründerriege operieren.

Steht al-Qaida nach dem Irak-Krieg stärker da als zuvor?

Vermutlich ja. Das renommierte und regierungsunabhängige Londoner International Institute of Strategic Studies (IISS) jedenfalls bilanzierte kürzlich, der Irak-Krieg habe in Sachen Terrorbekämpfung so segensreich gewirkt "wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen". Der irakische Präsident Talabani sagt im Juni, es strömten täglich bis zu 70 Dschihadisten oder solche, die es werden wollen, ins Land. Dagegen vermeldet das US-Außenministerium in seinem jährlichen Terrorismusbericht, geballte Polizeimächte auf der ganzen Welt schnürten al-Qaida die Luft ab: 3400 mutmaßliche Terroristen seien dingfest oder unschädlich gemacht worden, darunter zwei Drittel der Führungsebene.

Doch das amorphe Wesen al-Qaida reagiert auf Schläge wie ein wütendes Tier; jede Verwundung macht es aggressiver. Und an Rekruten fehlt es nicht. Rund 18 000 potenzielle Terroristen seien bereit, den Heiligen Krieg zu führen, schätzt das IISS. Die Reihen würden keineswegs lichter, sondern dichter. Mit der Invasion des Iraks hat die Kriegskoalition al-Qaida immerhin eine blendende Propagandavorlage geliefert: Christliche Nationen griffen ohne Grund einen arabischen Staat an, der auf Öl sitzt. Im Irak allein fanden sich nach dem Einmarsch der Koalitionsstreitkräfte Dutzende von islamistischen Widerstandshorden zusammen, zu deren Unterstützung mehrere Tausend ausländische Dschihadisten ins Land reisten. Der Irak ist, ähnlich wie einst Afghanistan, zu einer Heimstatt islamistischer Terroristen geworden.

Eine sich täglich verschlimmernde Stimmungslage in der arabischen Welt registriert der deutsche Bundesnachrichtendienst. Die "Kern-al-Qaida", so formulieren es deutsche Agenten, sei zwar geschwächt, dafür fänden aber regionale Terrorgruppen immer mehr Zulauf. Wie viele es davon gibt? Das wollen nicht einmal Geheimdienstler schätzen. Der BND geht jedenfalls davon aus, dass die Bedrohung mittlerweile so flächendeckend geworden ist, wie es die Ursprungs-al-Qaida nie fertig gebracht hätte. Es ist eine weit verzweigte Terrorfamilie entstanden – mit gestärktem Kampfgeist und hoher Geburtenrate. Amerikanische Nachrichtendienste gehen von 6 bis 7 Millionen radikalen Muslimen aus, die mit al-Qaida sympathisieren. 120 000 seien willens, Gewalt anzuwenden. Diese Zahlen berücksichtigen noch nicht, was die Folterbilder aus Abu Ghraib in der islamischen Welt angerichtet haben. Der ehemalige Terrorismusberater im Weißen Haus, Richard Clarke, wirft der Bush-Regierung vor, nach dem Afghanistan-Krieg die Chance vertan zu haben, al-Qaida endgültig das Rückgrat zu brechen. Stattdessen sei mit dem Irak-Krieg der Feind gestärkt worden.