Mit der Liebe ist es so eine Sache. Besonders wenn es sich um die Liebe zum Vaterland handelt. Noch mehr, wenn dieses Vaterland Deutschland heißt. Right or wrong, my country – das geht nicht, wenn etwas einmal so furchtbar falsch gelaufen ist wie in der deutschen Geschichte. Zwar ist man hierzulande sechzig Jahre danach einigermaßen mit sich selbst versöhnt, dennoch steht deutscher Patriotismus unter einem Restvorbehalt. Außerdem verträgt er keine lauten Töne. Und ganz bestimmt lässt er sich, wie die Liebe, nicht verordnen. Deutscher Patriotismus ist sensibel, er braucht besonders viel Dezenz und Geduld.

Darum würde man sich wünschen, dass die konservativen Lauthals-Patrioten – wie jüngst wieder die aus der CSU – einfach mal aufhören, mehr Vaterlandsliebe einzufordern, eine Patriotismus-Debatte anzumahnen oder in den Schulen die Nationalhymne singen lassen zu wollen. Redet nicht so viel drüber, dann wird’s schon! Schließlich haben wir uns hier einen ziemlich vernünftigen und recht freundlichen Staat zusammengezimmert. Einen, der nicht nur verlangt, dass die Bürger etwas für ihn tun, sondern einen, der sich auch um seine Bürger kümmert und dabei im besten Fall auch sagt: Right or wrong, my citizen.

In den letzten Wochen konnte man das wieder mustergültig beobachten. Die deutsche Archäologin Susanne Osthoff wurde im Irak gekidnappt, nachdem sie sich mutwillig in Gefahr begeben hatte. Nichts deutete darauf hin, dass sie irgendeine innere Verbindung zu ihrem Heimatland hat. Gleichwohl hat die Regierung erhebliche Anstrengungen unternommen (und vermutlich viel Geld bezahlt), um die Bürgerin Osthoff aus der Gefangenschaft zu befreien. Mit Erfolg: Seit elf Tagen ist sie frei. So wünscht man sich seinen Staat, als einen, der im Notfall weder Kosten noch Mühen scheut, um seine Bürger zu retten, ungeachtet dessen, ob diese Bürger ihrerseits loyal sind oder wenigstens besonnen.

Allerdings hat die staatliche Pflicht zur Fürsorge auch ihre Grenzen. Susanne Osthoff macht sich gerade daran, diese Grenzen auszutesten. Dass sie immer noch keinen Kontakt zu ihrer Familie in Bayern aufgenommen hat, das geht weder den Staat noch die Öffentlichkeit etwas an. Dass sie ihr erstes Interview nicht in den deutschen Medien gibt, die ihre Entführung mit hoher Aufmerksamkeit begleitet haben, sondern sich an den arabischen Nachrichtensender al-Dschasira wendet – geschenkt.

Ernstere Fragen wirft indes die Haltung Susanne Osthoffs zu ihren Entführern auf: »Ich hatte Glück, weil sie keine Kriminellen waren, die Geld wollten.« Wenn Entführer keine Kriminellen sind, was sind sie dann? Und wenn sie kein Geld wollten, was wollten sie überhaupt? Schwer zu verstehen ist auch die Aussage: »Als ich arabisch mit ihnen gesprochen habe, erkannten sie, dass ich nicht ihr Feind war und sie mich der deutschen Botschaft übergeben müssen.« Hat sie erst nach drei Wochen mit ihnen arabisch gesprochen? Und wenn da keine Kriminellen waren und wenn es keine Lösegeldforderung gab und wenn die Entführte keine Feindin war, gegen wen richtete sich die ganze Aktion dann, was war ihr Zweck? Man fragt sich schon, welche Rolle Susanne Osthoff der Regierung in Berlin zumisst. Die des Rückversicherers, der keine Fragen zu stellen, sondern nur zu liefern hat?

All das hinterließe lediglich einen bitteren Nachgeschmack, wenn man sicher sein könnte, dass die Sache damit ausgestanden ist. Das scheint nicht der Fall zu sein. Denn Susanne Osthoff will offenbar zurückgehen. Wenn sie das tatsächlich tut, dann überschreitet sie nicht nur die Grenzen des Iraks, sie geht auch an die Grenzen der Fürsorgepflicht des deutschen Staates.