Als Kurt Georg Kiesinger am 1. Dezember 1966 mit den Stimmen von SPD und CDU/CSU zum Bundeskanzler gewählt wird, ist die Zeit des Wirtschaftswundermachers Ludwig Erhard endgültig vorbei. Erstmals ist die deutsche Wirtschaft ein Jahr lang nicht gewachsen, erstmals ist der Bundeshaushalt ins Minus gerutscht. Die Zahl der Arbeitslosen liegt bei 673.000.

Um Bürgern und Unternehmen wieder Vertrauen und Zuversicht einzuflößen, greift die neue Regierung auf die Lehren des englischen Wirtschaftswissenschaftlers John Maynard Keynes zurück. Der Ökonom hatte in den dreißiger Jahren die These aufgestellt, dass der freie Markt allein eine Volkswirtschaft mitunter nicht aus einer Konjunkturkrise befreien könne. Stattdessen müsse der Staat für neues Wachstum sorgen, indem er zusätzliches Geld ausgibt. Im nächsten Aufschwung könne er dann die Steuermehreinnahmen zur Schuldentilgung nutzen.

Von diesem Gedanken getrieben, verabschiedet die Große Koalition unter Federführung von Wirtschaftsminister Karl Schiller (SPD) und Finanzminister Franz Josef Strauß (CSU) im Februar 1967, was unter Ludwig Erhard noch undenkbar gewesen wäre: das erste Konjunkturprogramm der Bundesrepublik Deutschland. Dafür nimmt die Regierung einen Kredit über 2,5 Milliarden Mark auf. Die öffentlichen Investitionen kommen der Bahn zugute, der Post, dem Straßenbau sowie Bildung und Forschung. Am 8. September 1967 beschließt die Bundesregierung ein zweites, noch größeres Konjunkturprogramm mit einem Volumen von 5,3 Milliarden Mark.

Die Wirkung bleibt nicht aus. Die zusätzliche Nachfrage erzeugt zusätzliche Umsätze. 1968 wächst die deutsche Wirtschaft um 7,3 Prozent. Die Zahl der Arbeitslosen sinkt bis zum Frühjahr 1969 auf 243000, die Zahl der offenen Stellen steigt auf 700.000. Die Große Koalition wird mit Lob überschüttet, Schiller und Strauß – "Plisch und Plum" – gelten als Väter des Erfolgs.

Zu diesem Zeitpunkt deutet sich jedoch schon an, dass die Politik nur den ersten Teil der Keynesschen Empfehlungen befolgt. Anstatt die Schulden wieder abzubauen, zahlt die Regierung nur einen Teil der angehäuften Kredite zurück. Die restlichen Mehreinnahmen verteilt sie lieber an ihre Wähler.

Im Oktober 1969 kommt die sozial-liberale Koalition unter Willy Brandt an die Regierung. Auch sie vernachlässigt die Rückzahlung offener Kredite. Im Juli 1972 tritt Finanzminister Karl Schiller zurück. KRK