Zwei angenehm entspannte Bücher über 1968 und die Folgen gibt es zu lesen, die nicht schlecht in eine Zeit passen, in der behäbig gewordene Altlinke sich aus der Politik verabschieden und die Große Koalition die schon seit längerem eher verbalen Unterschiede zwischen rechtspragmatisch und linkspragmatisch vollends verwischt. In nächster Zeit werden wir kaum noch das christlich-konservative Keifen über 68er-Umtriebe und -Verfehlungen zu hören bekommen. Mildes Lächeln und Spätgeborenheit vereint alle. In den Talkshows sitzen die Zankhähne von gestern brüderlich nebeneinander, schlagen im selben Augenblick auf dieselbe Art die Beine übereinander und demonstrieren mit dieser synchronen Körpersprache Einigkeit. Alles für unser Land.

Es war einmal anders. Daran erinnern Richard David Precht in einem autobiografischen Rückblick, der sich komisch und verheißungsvoll Lenin kam nur bis Lüdenscheid nennt, und Bernd Cailloux in einem Roman, der so knackig und trocken ist wie sein Titel: Das Geschäftsjahr 1968/69 – zwei völlig verschiedene Bücher zweier völlig verschiedener Autorentemperamente, die fast eine Generation trennt. Was sie verbindet, ist ihre Lässigkeit, ihr liebenswürdiger Blick, die Distanz zu ihrem Gegenstand: dem linken Milieu der sechziger beziehungsweise siebziger Jahre.

Der 1964 geborene Precht beschreibt seine Kindheit in Solingen bei DKP-Eltern. Die moskautreue Deutsche Kommunistische Partei lieferte zwar mit Lehrern und Postboten, gegen die als Beamte zu Beginn der siebziger Jahre das berühmte Berufsverbot verhängt wurde, etliche angeblich verfassungsfeindliche Märtyrer, mit ihrer Nähe zur DDR aber war diese Partei der studentischen Linken zu spießig und nicht revolutionär genug. Die DKP spielt in der linken Erinnerungsliteratur kaum eine Rolle. Man hörte lange nichts aus dieser Ecke. Um so dankenswerter, dass wir nun intimen Einblick in eine dieser mattroten Privatzellen bekommen, in diese Sommerfeste, wo das Sandalentragen und Kettenrauchen noch kein Widerspruch war.

Das Buch sollte von all denen gelesen werden, die früher nicht oft genug Marx zitierten, heute in die Kirche rennen und sich bei jeder Gelegenheit beeilen, das Liebäugeln mit sozialistischen Idealen als groteske Jugendsünde darzustellen. So schlimm nämlich kann der westdeutsche Kommunismus mit seinen verschwörerischen Liedern von Franz Josef Degenhart und seiner DDR-Sympathie nicht gewesen sein. Die Unstimmigkeiten kommunistischer Eltern führen im Gegensatz zu religiösen Repressalien zu keinen psychischen Beschädigungen. An diese Kindheit erinnert sich der Autor gern und amüsiert. In Prechts Elternhaus herrschen durchaus vernünftige Erziehungsideale und eine politische Nachdenklichkeit, die im gegenwärtigen Zeitalter des politischen und pädagogischen Schulterzuckens jedem Unionspolitiker Tränen der Rührung in die Augen treiben dürften, und der peinliche Radikalenerlass (der Brandt-Regierung), mit dem harmlose DKP-Mitglieder vom öffentlichen Dienst ausgeschlossen wurden, müsste mittlerweile sogar Frau Schavan als historischer Wahn erscheinen.

Seinen Charme gewinnt Prechts Buch aus der Perspektive. Gekonnt und konsequent berichtet der Autor – solange es geht, aus der Warte des heranwachsenden Kindes – von der Wärme und den Ungereimtheiten im häuslichen Nest: ein scheinbar naiver Simplizissimus, der sich langsam und pfiffig die Welt erschließt. Sehr komisch, wie er sich in der Schule auf Anraten der Eltern nichts gefallen lässt, noch komischer, wie er Ferien in der DDR verbringt und den neugierigen Ostkindern keine Auskunft über beliebte Westfernsehsendungen geben kann, weil er die als braver Verächter des kapitalistischen Fernsehens gar nicht kennt.

Der Kindheitshauptteil von Lenin kam nur bis Lüdenscheid wurde von den bisherigen Rezensenten einhellig gelobt, Schwächen wollte man am Schluss erkennen, der zu allgemein zeitgeschichtlich geraten sei. Ich finde den Schluss besonders persönlich und interessant. Wie die linken Hoffnungen poröser werden, wie die Roten immer grüner werden, wie der Zusammenbruch der DDR auf eine Familie wirkt, die von außen fest an den Arbeiter-und-Bauern-Staat geglaubt hat – das ist eine West-Wendegeschichte, anders und ebenso aufschlussreich zu lesen wie die gefeierten Wenderomane aus dem Osten. Am eindrucksvollsten eine zufällige Begegnung des Autors 1997 mit dem ehemaligen US-Außenminister Alexander Haig in der deutschen Botschaft in Washington. Precht will dem Mann, der den Tod Tausender von Vietnamesen zu verantworten hat, nicht die Hand geben, und er will ihm auch sagen, warum. Gespenstisch, wie ihm der daraufhin den Arm um die Schulter legt: "These were the good old days, my friend."

Bernd Cailloux, Jahrgang 1945, hat für seinen Rückblick die Romanform gewählt. Auch Das Geschäftsjahr 1968/69 ist keine Abrechnungsliteratur und erzählt keine Märchen von Pflastersteinen und vom wilden Demonstrantenleben. Der Roman ist als dezente Broschur in der traditionsreichen edition suhrkamp herausgekommen, in der seinerzeit viele wichtige 68er-Bücher in ähnlicher, demokratisch gewollter Bescheidenheit dem intellektuellen Publikum präsentiert wurden. Diese Bücher von Adorno, Marcuse und Benjamin waren damals voller Ideologie, sie wurden zumindest ideologisch gelesen. Cailloux’ Roman macht deutlich (und für seine Altersgenossen erinnerlich), dass die 68er keineswegs alle Marx zitierende und auf dem Establishment herumhackende Dutschkes waren, sondern auch schräge und großspurige Vögel mit verrückten Ideen, die Geld verdienen und die Gesellschaft und den Kapitalismus irgendwie für sich ohne viel ideologisches Gerede zurechtbiegen wollten, die lieber zu Drogen griffen als zu linker Literatur. Entsprechend hängt ein großes Poster "mit dem Drahthaarkopf von Jimi Hendrix" in so manchem Zimmer. "Hippie-Businessman", so stellt sich der Ich-Erzähler selbst nicht unzutreffend einem Geschäftspartner vor.

Wie Precht blickt auch Cailloux ohne jeden Zorn zurück. Die Vergangenheit ist komisch und liebenswert. Die linken Hoffnungen scheitern ohne Häme. Wie aus dem Geschäft und aus der Liebe nichts wird – das hält den Leser in Atem. Zu Recht wurde von der Kritik unisono Cailloux’ Sprache gerühmt. Hinreißend zutreffend, wie der Ich-Erzähler seine Zeit bei der Bundeswehr beschreibt, der man sich in den sechziger Jahren nicht so leicht entziehen konnte. Heute, da sich Schröder mit dem großen Zapfenstreich als Kanzler verabschieden lässt und das Tamtam öffentlicher Gelöbnisse ohne nennenswerten Protest vor dem Reichstag über die Bühne geht, kann eine Erinnerung an die Stupidität des Militärs, an die lächerlichen Ausbildungsrituale und an die niederträchtige Psychologie des Gehorchens nicht schaden.

Schön trocken erzählt, man fiebert mit. Makellos die Liebesszenen, die besonders komisch ausfallen, weil die 68er-Befreiungserwartungen im Bett mangels Erfahrung so hübsch mit der Wirklichkeit kollidieren. Régine – man schließt sie als Leser ins Herz und nimmt sie vor ihrem Freund in Schutz. Tröstlich, dass auch ein intellektueller Roman solche Anteilnahme weckt. Es hat dann nicht geklappt mit Régine, schade. Sie hat einen Kinobesitzer in der Lüneburger Heide geheiratet und zwei Kinder. Das alte Lied. In einen großartig einfachen Satz wird ihr ganzes weiteres Leben gefasst: "Régine hatte sich für überschaubare Illusionen entschieden…"