Als der Gefreite Zahirul Islam die Taschen packte, standen neben ihm seine Frau und sein Sohn. Seine Frau reichte ihm zehn Seifenstücke der Marke Imperial, im Dorf gekauft in einer Wellblechhütte. Reichte ihm mehrere Tuben Kool Shaving Foam, Deostifte der Marke Do it!, Talkumpuder von Pond’s. Reichte ihm das Nescafé-Glas mit den Medikamenten, sie hatte es in ihrer Sorge randvoll gestopft. Kein gesunder Mann braucht so viele Tabletten und Zäpfchen, nicht einmal in einem Jahr, aber seine Frau hätte Zahirul gern noch mehr mitgegeben, ihre Liebe, ihren Schutz. Es war unmöglich, die blaue Tasche war voll. Während seiner Recherchen führte Jörg Burger mit Kamera und Stift ein Tagebuch Foto: Jörg Burger BILD

Sie traten vor die Tür des sandfarbenen Hauses aus Lehm, die Erde war aufgeweicht vom Monsunregen, er drohte das Haus wegzuspülen zwischen den Eukalyptusbäumen – Zahiruls Familie, seine Eltern, die sechs Geschwister, das Dorf im Norden Bangladeschs und seine 1000 Menschen. Zahirul hatte für sich und seine Frau ein neues Haus gebaut, eines aus Stein, wie es reiche Leute tun, näher am Dorfplatz, auf dem die Kühe grasen. Das Haus war aber nicht rechtzeitig fertig geworden.

"Betet für mich", sagte er zu Vater und Mutter, dem älteren Bruder, den fünf Schwestern. Zu seiner Frau und seinem Sohn sagte er: "Betet für mich, dann wird mir nichts geschehen." – "Er hatte keine Angst", sagt heute sein Bruder.

Der Sohn, sechs Jahre alt, will Kampfpilot werden, den Vater rächen

Es war der 12. August 2004, ein Donnerstag, Zahirul fuhr zurück in die Kaserne. Er holte zwei Uniformen aus dem Spind, eine Jacke, zwei Hemden, hellblau und dunkelblau, vier Unterhemden in Tarnstoff, zwei Polohemden, weiß, einen Trainingsanzug, hellblau, eine kurze Hose, vier Paar Frotteesocken, sechs Taschentücher, drei Baseballmützen, zwei Barette, das zweite Stiefelpaar. Er nahm vier Lungis, bunte Wickelröcke, die in seiner Heimat auch Männer tragen, dazu den Rucksack, zwei Bettbezüge, Wolldecke, Blechtasse, zwei Plastikteller, Besteck, Moskitonetz, Taschenlampe, Reinigungsbürste. Er stopfte alles in die größere der beiden Taschen, tat den Gebetsteppich hinzu, die Gebetsmütze, den Schlafsack, den Regenmantel, das Survival-Kit mit Messer und Angelschnur und Tabletten, die man ins Wasser tut, um Keime zu töten – für den Fall, dass er im Dschungel verloren ging. Er dachte auch an das Erste-Hilfe-Set und vergaß nicht das Passfoto seiner Mutter.

Zahirul trug schwer, als er zum Flughafen von Dhaka fuhr, bereits im Kampfanzug. Gefreiter Zahirul Islam, 31 Jahre alt, Dienstnummer 4009330 der Armee von Bangladesch. Er schleppte klaglos, wie alle 450 Soldaten des 5. Infanterieregiments auf dem Weg in die Demokratische Republik Kongo, Ablösung für bereits dort stationierte Truppen. Von morgen an war Zahirul UN-Soldat. Er würde seinen Teil des Weltfriedens tragen – für Deutschland, die USA, für jene reichen Länder unter den 191 Mitgliedern der Vereinten Nationen, die es ablehnen, das Leben ihrer Söhne in Afrika zu riskieren. Die vor allem Geld geben, sich freikaufen von der moralischen Verpflichtung. Seit Ende der achtziger Jahre waren junge Männer aus Bangladesch unter der Flagge der Vereinten Nationen in 30 Länder ausgerückt. Nun standen sie im Kongo, in Sierra Leone, Liberia, an der Elfenbeinküste, in Äthiopien, im Sudan. Sie trugen schwer an dieser Aufgabe, wie Zahirul.

Es war seine erste Auslandsreise, und sie führte ihn an einen Ort außerhalb seiner Vorstellungskraft. Auch die Aussicht, ein Jahr lang nicht nach Hause zu kommen, erhöhte das Gewicht seiner Taschen. Nur Stolz linderte die Last. Alle Ausrüstungsgegenstände mit UN-Aufdruck – die Polohemden, die Bettwäsche, den Trainingsanzug – hatte er selbst bezahlt.

"Er ging für Bangladesch", sagt sein Vater.

Die Familie sitzt vor dem Haus aus Lehm, Zahirul ist seit mehr als einem Jahr fort. Die Wände des Hauses, das Dach, alles scheint der Erde entwachsen, dem Boden, der den Reis großzügig nährt und den Bauern nur das Nötigste gibt. Jeder Zweite ist ohne Arbeit in dem kleinen Land am Golf von Bengalen, kann nicht lesen, schreiben. Zahiruls Familie gehört nicht zu den Ärmsten, zur Reisernte stellt sie ein Dutzend Tagelöhner ein. Der jüngste Sohn wollte trotzdem weg aus dem Dorf Mashimpur Chalunga, die schlammigen Wege hinter sich lassen, die Hütten aus Lehm. Mit 19 kehrte er dem Dorf den Rücken, er wurde Berufssoldat. Seine Eltern sagten ja ohne Bedenken. Zahirul lebte in Kasernen, tat Dienst bei immer neuen Regimentern. Nach Hause kam er nur alle paar Monate, auch als er später verheiratet war.

Sein Bruder Hamidur sitzt auf einem wackligen Holzstuhl, in Hemd, Anzughose, mit polierten Schuhen. Er ist der Einzige, der lächelt. Wenn er den Mund öffnet, dann, um Gutes zu sagen. Zahiruls Schicksal hat Größe, Bedeutung. Der Bruder ist zwölf Jahre älter, klein gewachsen, zu klein für die Armee. Er arbeitet bei einer Versicherung. Die Mutter blickt düster und schweigt.

Die Frau, die der jüngste Sohn liebte, heißt Samsunnahar. Sie ist schmal, kindlich, 26 Jahre alt. Ihre Name bedeutet "Sonnentag". Zahiruls bester Freund arrangierte die Ehe, sie sprachen kein Wort vor der Hochzeit, da war er schon sieben Jahre Soldat. Samsunnahar hat die Augen niedergeschlagen, auf dem Schoß sitzt der Sohn. Ihr Kleid ist lang und braun. Kopf und Brust sind mit einem weißen Tuch umschnürt. Sie trägt ein Foto bei sich, aufgenommen kurz vor dem Abschied. Sie hat es in Kunststoff schweißen lassen: Zahirul im weißen Hemd, neben ihr. Er hatte sanfte Augen, einen ernsten Mund. Seine Brauen sind zweifelnd hochgezogen. Sie blickt vorwurfsvoll, er melancholisch, als wäre er in Gedanken schon fort.

Der Sohn, sechs Jahre alt, will Kampfpilot werden, Vater rächen. "Er wird Arzt", sagt die Mutter.

Das Flugzeug der Linie Orient Thai, in das Zahirul stieg, flog nach Bangkok, das Essen war scharf gewürzt. Das nächste Flugzeug blieb lange in der Luft. Das dritte, ein UN-Transporter, sank nieder in einer Stadt voller Straßenkinder und verrotteter Kolonialgebäude. Zahirul und die anderen 33 Soldaten seiner Einheit bezogen in einer Kaserne Quartier. Zahirul bekam noch mehr zu tragen: eine schusssichere Weste, zwölf Kilogramm. Einen Helm, zwei Kilogramm. Eine AK 47, chinesische Maschinenpistole mit ausklappbarem Bajonett, vier Kilogramm, dazu 120 Schuss Munition, zwei Handgranaten. Er war in Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo, wo seit zwei Jahren offiziell Frieden herrschte.