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DIE ZEIT: Herr Schleif, Sie werden im Namen der Bundesrepublik Deutschland in diesem Jahr Schulden über 230 Milliarden Euro aufnehmen müssen - so viel wie nie zuvor. Werden Sie überhaupt so viele Kredite bekommen?

Gerhard Schleif: Das ist kein Problem. Fragt sich nur, zu welchem Preis. Der hängt jedoch vom Kapitalmarkt ab - ob die Zinsen generell steigen oder nicht.

ZEIT: Der hessische Ministerpräsident Roland Koch hat kürzlich gesagt, die Bundesrepublik sei unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten pleite.

Einem Pleiteunternehmen gibt aber niemand mehr Kredit.

Schleif: Unsere Auktionen ...

ZEIT: ... mit denen Sie die Wertpapiere des Bundes auf den Markt bringen, um mit den Einnahmen die Löcher im Bundeshaushalt zu füllen ...

Schleif: ... zeigen, dass die Investoren die Bonität des Bundes ganz anders einschätzen. Die Kreditwürdigkeit des Bundes am Kapitalmarkt ist nicht beeinträchtigt. Wir haben ein Rating von Triple A mit stabiler Prognose für die Zukunft - eine bessere Note gibt es nicht.

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ZEIT: Keinem anderen europäischen Land werden günstigere Kredite eingeräumt als dem Bund?

Schleif: Wir bekommen die billigsten Kredite. Einige kleinere Länder liegen zwar bei Papieren mit kürzeren Laufzeiten etwas günstiger. Aber das sind keine vergleichbaren Märkte, da werden quasi Raritätenpreise gezahlt. Das Gesamtpaket, das der Bund geschnürt hat, ist in der Euro-Zone nicht zu toppen.

ZEIT: Warum wurde dann die Finanzagentur gegründet?

Schleif: Natürlich hat sich das Wettbewerbsumfeld mit der europäischen Währungsunion verändert. Auch andere Staaten im Euro-Raum haben das AAA-Rating. Insofern war die Entscheidung richtig, das Schuldenmanagement des Bundes mit der Gründung der Finanzagentur neu zu strukturieren. Eine unserer Hauptaufgaben ist, näher an die Banken und die Investoren heranzukommen. Das machen wir mit hoher Intensität und entsprechendem Erfolg.

ZEIT: Aber wenn der Bund als Schuldner so glänzend dasteht, warum haben Sie dann bei der Auktion der letzten zehnjährigen Anleihe weniger untergebracht, als Sie wollten? War das ein Warnschuss?

Schleif: Nein. Wir haben exakt den geplanten Betrag untergebracht und das, obwohl ein großer Bieter mit seiner Offerte wenige Sekunden zu spät kam.

ZEIT: Kritiker der hohen Staatsverschuldung haben immer wieder gerügt, der Staat verdränge private Kreditnehmer vom Markt und erschwere damit der Wirtschaft die Finanzierung von Investitionen. Drängen Sie die private Konkurrenz aus dem Markt?

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Schleif: Keinesfalls. Auch der Markt für Unternehmensanleihen hat einen Aufschwung genommen, den wir früher nicht für möglich gehalten hätten. Das Liquiditätsangebot ist groß genug.

ZEIT: Seit September vergangenen Jahres sind die Zinsen gestiegen. Wird die Verschuldung für den Bund jetzt teurer?

Schleif: Gegen steigende und fallende Zinsen kann man sich nicht wehren. Wir können ja nicht je nach Zinsprognose die Kreditaufnahme verdoppeln oder halbieren. Unsere Strategie muss so ausgerichtet sein, dass wir kontinuierlich im Markt präsent sind und überraschende Entwicklungen abfedern können.

ZEIT: Und wie federn Sie ab?

Schleif: Indem wir Kredite über die ganze Spanne der Laufzeiten möglichst breit streuen. Damit senken wir die Risiken bei überraschenden Marktentwicklungen. Früher strebte der Bund an, sich möglichst langfristig zu finanzieren. Aber wenn Sie zur falschen Zeit - bei hohen Zinsen - langfristige Kredite aufnehmen, belasten Sie künftige Haushalte mit erheblichen Zinskosten. Wir brauchen in allen Sektoren optimale Flexibilität, wir müssen über alle möglichen Instrumente wirklich verfügen können.

ZEIT: In den vergangenen Jahren hat sich der Bund unter Ihrer Regie zunehmend kurzfristig verschuldet - jetzt laufen die günstigen kurzfristigen Kredite aus, und Sie müssen dafür neue teurere aufnehmen.

Schleif: Wir haben die Risikostruktur optimiert und dazu den Anteil der kurzfristigen Finanzierung erhöht. Gleichzeitig ist der Anteil von Anleihen mit einer zehnjährigen Laufzeit leicht zurückgegangen. Aber wir haben in weitaus höherem Maße Anleihen mit einer Laufzeit von 30 Jahren aufgelegt. Die Restlaufzeit des gesamten Kreditportfolios beträgt heute durchschnittlich knapp sechseinhalb Jahre, verglichen mit einem historischen Mittel von viereinhalb Jahren. Das sollte langfristig auch die Marschrichtung sein. Es ist jedoch nicht möglich, den gesamten Kreditbestand von annähernd 900 Milliarden Euro in drei, vier Jahren umzuschichten. Seit drei Jahren können wir jedoch Zinsswaps ...

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ZEIT: ... durch die Sie am Kapitalmarkt langfristige gegen kurzfristige Zinsverpflichtungen tauschen ...

Schleif: ... einsetzen, um Fristen in der Zinsbindung zu verkürzen.

ZEIT: Wie viel muss der Finanzminister wegen höherer Zinssätze mehr ausgeben?

Schleif: Wir haben zwei gegenläufige Entwicklungen: Einerseits waren die Zinssätze bei den alten Anleihen, die heute auslaufen, immer noch wesentlich höher als die aktuellen Zinsen für die neuen Papiere. Dadurch spart der Finanzminister Geld. Andererseits führt die Nettokreditaufnahme, auch wenn sie in den nächsten Jahren rückläufig ist, zu insgesamt höheren Schulden des Bundes und damit auch zu höheren Zinsausgaben. Per Saldo könnte es für den Bund etwas teurer werden. Dem müssen wir durch unser Management entgegensteuern.

ZEIT: Kennen Sie die Gläubiger des Bundes? Wer kauft Ihre Wertpapiere?

Schleif: 98 bis 99 Prozent der Kreditaufnahme laufen über Auktionen. Wir wissen also zunächst nur, dass die daran beteiligten 39 Banken die Papiere kaufen. Um diese Frage konkreter als bisher beantworten zu können, haben wir mit dem weit überwiegenden Teil der Banken eine Vereinbarung geschlossen: Seit Anfang vergangenen Jahres informieren sie uns, mit wem sie diese Wertpapiere handeln, wohin sie die verkaufen. Wir arbeiten noch an der Auswertung. Nur etwa ein Prozent entfällt auf das Geschäft mit Privatkunden über die Bundeswertpapierverwaltung und die Banken. Hier wäre eine Analyse ungleich schwieriger, weil beispielsweise Investmentfonds die Wertpapiere in der Regel für private Anleger halten. Ähnliches gilt auch für Versicherungen.

ZEIT: Sie wollen mehr Privatkunden?

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Schleif: Der Bund beabsichtigt, nach der für Mitte dieses Jahres geplanten Fusion von Finanzagentur und Bundeswertpapierverwaltung den Anteil des direkten Privatkundengeschäfts zu steigern.

ZEIT: Welche Quote peilen Sie an?

Schleif: Eine schrittweise Erhöhung des Anteils auf drei bis fünf Prozent ist schon ein sehr ehrgeiziges Ziel.

ZEIT: Haben Sie Lockmittel dafür?

Schleif: Wir denken über eine Ausweitung unseres Angebots nach. Andere Emittenten im Ausland haben extrem viel Fantasie eingesetzt und nutzen sogar den Spieltrieb der Leute.

ZEIT: Eine Art Schulden-Lotto?

Schleif: Die Briten bieten in der Tat lotterieartige Produkte an. Das werden wir wohl kaum machen. Aber das zeigt, wie groß die Ideenvielfalt ist.

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ZEIT: Welche Rolle spielt das Ausland als Gläubiger des Bundes?

Schleif: Schätzungsweise liegen vierzig Prozent der Papiere im Ausland, zuletzt wieder ein steigender Anteil. Es gibt eine große Nachfrage nach unseren Euro-Anleihen, auch von neuen Investorengruppen, zum Beispiel Russland. Die verfügen über Währungsreserven von mehr als 160 Milliarden Dollar.

ZEIT: Wo liegt bisher der Schwerpunkt?

Schleif: Vermutlich ist der Absatz unserer ersten Dollar-Anleihe typisch: Fast sechzig Prozent gingen nach Asien. Zu unserer großen Überraschung wurde ein relativ großer Anteil aber auch in Europa platziert. Die Hälfte des Gesamtbetrags von fünf Milliarden Dollar haben ausländische Zentralbanken übernommen.

ZEIT: Und jetzt muss der Bund zusätzlich zur Schuldenlast auch noch Währungsrisiken tragen?

Schleif: Nein, es ist für den Bund sogar günstiger geworden. Wir haben im Gegenwert alte Euro-Anleihen zurückgekauft, die teurer waren als die fünfjährige Dollar-Anleihe. Und wir haben die komplette Transaktion zins- und währungsmäßig gesichert.

ZEIT: Demnächst wollen Sie auch inflationsgeschützte Anleihen auf den Markt bringen - ist das wirklich ein Vorteil für die Staatskasse?

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Schleif: Nur dann sollen sie angeboten werden. Unter den großen Industriestaaten ist die Bundesrepublik das einzige Land, das dieses Instrument bisher nicht nutzt. Und es gibt einen erkennbaren Bedarf von Investoren, etwa Altersversorgungssysteme vor inflationären Entwicklungen zu schützen. Das Feld wollen wir nicht der ausländischen Konkurrenz allein überlassen. Die Erfahrungen anderer Staaten sind unterschiedlich: Für die Amerikaner wurden diese Anleihen im Vergleich zu den normalverzinslichen teurer, für Briten und Schweden dagegen günstiger. Man muss einen vernünftigen Zeitpunkt für den Start finden, zu dem sich die Chance bietet, dass die inflationsindexierten Anleihen zumindest nicht teurer werden als die traditionellen.

ZEIT: Mit solchen Anleihen werden doch Risiken für den Staat als Schuldner nur in die Zukunft verschoben.

Schleif: Zunächst profitiert der Staat mit einer reduzierten Zinslast. Dann hängt es von der tatsächlichen Inflationsentwicklung ab, ob der Discount, der bei der Ausgabe gewährt wurde, am Ende angemessen war. Fällt die Inflation höher aus als erwartet, wird es für den Staat teurer, fällt sie niedriger aus, wird es billiger. Das ist wie bei normalen Anleihen auch: Der Anleger will die höchste Rendite, wir wollen die niedrigste - und beide müssen sich auf einen Preis einigen.

ZEIT: Bei Gründung der Finanzagentur ging der damalige Finanzminister Hans Eichel davon aus, dass der Bund durch das neue Schuldenmanagement langfristig bis zu 1,5 Milliarden Mark - also gut 750 Millionen Euro - jährlich an Zinsausgaben sparen kann. Erfüllen Sie diese Erwartungen?

Schleif: Dieses Ziel gilt es bis zum Jahr 2013 zu erreichen. Wir sind auf gutem Weg.

DAS GESPRÄCH FÜHRTEN WILFRIED HERZ UND

ROBERT VON HEUSINGER