Es gab einen gewaltigen Knall. Die Explosion sprengte mehrere Meter Leitung weg; sie gehörte zum Sprühsystem des Reaktorkerns. Splitter flogen durch die Sicherheitszone des Meilers. Instrumente und Rechner signalisierten steigenden Druck, das Ultraschall-Überwachungssystem schlug an. Der Knall ereignete sich am 14. Dezember 2001 im Kernkraftwerk Brunsbüttel. Die Schichtmannschaft diagnostizierte eine "Leckage in einem unbedeutenden Sicherheitsbereich", schaltete den vermuteten Bereich per Fernbedienung ab – und ließ das Atomkraftwerk unter Volllast weiterlaufen. BILD

Die Verlockung dazu war groß. Atomstrom beschert den Meiler-Betreibern mehr Gewinn als jedes andere E-Werk.

Vor allem einige Landespolitiker lässt diese Verlockung nicht ruhen. Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber zum Beispiel. Aus dem verschneiten Wildbad Kreuth forderte er kürzlich, die "sicheren" deutschen Kernkraftwerke länger als geplant laufen zu lassen. Atomstrom, so Stoiber, mache die hiesige Energieversorgung unabhängiger vom Import russischen Erdgases. Das Argument ist zwar fragwürdig, weil mit Gas weniger Strom als vielmehr Wärme erzeugt wird. Dennoch: Stoiber eröffnete zum wiederholten Mal die heikle Diskussion vom Ausstieg aus dem Atomausstieg – vier Monate vor dem 20. Jahrestag der Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl.

Bundeskanzlerin Angela Merkel ließ zwar um des Koalitionsfriedens willen umgehend verkünden, das Bündnis von Union und SPD stehe zum Koalitionsvertrag. Und dort sei der von der Vorgängerregierung vereinbarte Atomausstieg festgeschrieben. Einige Parteifreunde brachte die Botschaft allerdings nicht zur Räson. Es sei "volkswirtschaftlicher Unsinn", die "sicheren Kernkraftwerke" abzuschalten, die "billigen Strom" produzieren, wetterte Hessens Ministerpräsident Roland Koch – und plädierte sogar für eine Neubau-Option. Ist also Geiz auch geil, wenn es um so sensible Bauwerke wie nukleare Stromfabriken geht?

"Unfallsicher" sei kein einziges Kernkraftwerk, warnt Helmut Hirsch. So habe "nur doppeltes Glück" im Jahre 2001 einen Strahlungsunfall in Brunsbüttel verhindert, sagt der Österreicher, der seinen Sachverstand für Kerntechnik seit 28 Jahren als unabhängiger Berater anbietet. Wie durch ein Wunder beschädigten die umherfliegenden Trümmer keinen der sensiblen Messfühler. Und das explosive Wasserstoff-Sauerstoff-Gemisch entlud sich in gerade noch ausreichender Entfernung vom Reaktorkern. Nur "drei bis vier Meter weiter" wäre es zu einem Störfall mit "Kühlmittelverlust" gekommen, bestätigt ein Bericht der obersten Aufsichtsbehörde für deutsche Kernkraftwerke, des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Das "Vorkommnis mit Abriß einer Kühlleitung im Atomkraftwerk Brunsbüttel" hätte sich sogar zum größtmöglichen Unfall auswachsen können: zur Kernschmelze mit radioaktiver Verstrahlung.

Mit der Entscheidung für oder gegenKernkraft sei es wie mit einer Schwangerschaft, sagt Torsten Volkert, der Sprecher des hessischen Umweltministeriums. "Ein bisschen davon geht nicht." Die Behörde beaufsichtigt die vom Essener Energiekonzern RWE betriebenen Reaktorblöcke in Biblis. Biblis A ist der ältere, geplant Mitte der sechziger Jahre, 1975 ans Netz gegangen und nach Stade und Obrigheim das nächste Kernkraftwerk, das dem Atomausstiegsfahrplan zufolge 2007 dichtmachen soll. Dreiundvierzig Vollzeitbeschäftigte der Abteilung Reaktorsicherheit des hessischen Umweltministeriums und noch mehr externe Gutachter kontrollieren akribisch den Betrieb der Anlage – nicht immer zum Gefallen des Betreibers.

"Sicherheitstechnische Optimierungen" am Reaktor Biblis A haben RWE seit 1999 rund 540 Millionen Euro gekostet. In ein paar Monaten, sagt ein Konzernsprecher, werde die Chefetage entscheiden, ob sie das Kernkraftwerk länger am Netz halten will. "Sollte RWE einen solchen Antrag stellen, muss die Anlage neu bewertet werden", erläutert Volkert das mögliche Procedere, und zwar inklusive Risikoabschätzung, Leittechnik, Reaktortechnik, Mechanik und Elektronik. Endgültig entscheiden werden Kanzlerin Merkel, Wirtschaftsminister Michael Glos und Umweltminister Sigmar Gabriel. Letzterer versichert, er kenne "bis heute kein Argument", das für das Abnicken eines solchen Antrags spreche.

Bedenken existieren auch unter Fachleuten. Jeder Reaktor sei "im Prinzip immer ein katastrophenträchtiges Gebilde", sagt der einstige Kernenergiebefürworter Klaus Traube, der schon vor Jahren die Seite wechselte und nun für den Umweltverband BUND arbeitet. Nachrüstungen garantierten längst nicht den neuesten Stand der Technik, im Zweifel steige durch das Verbinden alter und neuer Teile sogar die Unfallgefahr. Und: Trotz aller Sicherheitsmechanismen "geschehen Unfälle immer dort, wo sie nicht erwartet werden".

Tatsächlich werden in jedem der 17 hiesigen Kernkraftwerke, die zusammen rund 12,6 Prozent des deutschen Energieverbrauchs decken, fast jeden zweiten Tag unerwartete Betriebsstörungen registriert: "meldepflichtige Vorfälle" – bestes Bürokratendeutsch für Störungen, die schlimme Ausmaße annehmen können. Bereits in den achtziger Jahren sprang im Kernkraftwerk Brunsbüttel beim Anfahren des Reaktors das Schnellabschaltesystem wiederholt an. "Das Team fand keine Ursache und legte mit Schraubenziehern das Sicherheitssystem einfach lahm", erinnert sich Traube.

Als im längst stillgelegten Uralt-AKW Lingen beim ersten Anfahren die Steuerstäbe klemmten, experimentierte die Mannschaft am mit Brennelementen beladenen Reaktorkern. "Erst später haben wir uns für die Gefahr sensibilisiert", so Traube. Viele Beinaheunfälle seien zudem niemals zuvor in Prognosen aufgetaucht. Ein klemmendes Ventil und menschliches Versagen ließen 1987 etwa 107 Liter radioaktives Kühlwasser im Reaktor Biblis A auslaufen – ein Unfall, der zur Kernschmelze führen kann und der sich in dem betagten Kraftwerk wiederholen könnte.

Im Jahr 1998 schaltete die Schichtmannschaft des niedersächsischen Kernkraftwerks Unterweser vorschriftswidrig ein Sicherheitssystem ab. Als nach der Schnellabschaltung des Reaktors der Dampfdruck stieg, stellte sich heraus, dass die Ventile versiegelt waren und nicht funktionierten. "Schlamperei" wachse mit den Betriebsjahren zu einer großen Gefahr, warnt Traube. Bei einem Team, das nukleare Anlagen 20 Jahre lang als "gutmütig" erfahre, lasse die Anspannung nach.