Die Zahl der weltweiten Ehrungen, Konferenzen und Neuerscheinungen anlässlich des 100. Geburtstages von Emmanuel Levinas räumen jeden Zweifel aus: Der Denker des Primats der Ethik, der schier übermenschlichen Verantwortung für den Anderen, ist zum Klassiker geworden. In Israel werden Israels Staatspräsident Katsav und Schimon Peres zugegen sein, wenn sich Intellektuelle und Künstler im Jerusalem-Theater an den Philosophen erinnern.

Und die vier soeben von Routledge mit herausragenden Interpretationen zu Levinas' OEuvre veröffentlichten Bände präsentieren ihn, was wahrlich umstritten ist, als einen der bedeutendsten Denker des 20. Jahrhunderts. Auch hierzulande erscheinen rund um das Jubiläumsjahr wichtige Bücher. Den Verlagen Alber, Meiner und Neue Kritik gebührt dabei ein Lob für ihre andauernde Treue zu dem schwierigen Autor.

Es sind die erstmaligen Übersetzungen früher Texte, die eine besondere Beachtung verdienen. 1929 legte Levinas eine exakte Nachzeichnung von Edmund Husserls Ideen vor, die auf seine ein Jahr später erschienene und preisgekrönte Dissertation über den Freiburger Phänomenologen verweist. Der Aufsatz findet sich in dem von Alwin Letzkus souverän übersetzten Band Die Unvorsehbarkeiten der Geschichte, der auch die 1934 publizierte Studie Einige Betrachtungen zur Philosophie des Hitlerismus enthält. Levinas' Analyse zielte auf die Ursprünge des von ihm Hitlerismus genannten Frontalangriffes auf die Zivilisation. Bemerkenswert ist bis heute die Klarheit, mit der ein radikal metaphysisches Denken die Zeitläufte verstanden und ihnen den weiteren Verlauf prophezeit hat: Nietzsches Wille zur Macht, den das heutige Deutschland wiederentdeckt und glorifiziert, ist nicht nur ein neues Ideal - es ist ein Ideal, das seine eigene Form der Universalisierung gleich mitliefert: nämlich den Krieg und die Eroberung.

Mit Ekel revolutiert der Mensch gegen sein Dasein

Für die Entwicklung des Denkens von Levinas stellte der 1935 erstmals publizierte Essay De l'évasion, jetzt bei Meiner unter dem Titel Ausweg aus dem Sein erschienen, eine entscheidende Weichenstellung dar. Er transformierte die Einflüsse von Bergson, Husserl und Heidegger in eine philosophische Zeitdiagnostik. Zunächst geht es vordergründig um eine phänomenologische Beschreibung jenes Ekels, mit dem der Mensch gegen seine unauflösliche Verkettung mit der bloßen Tatsache seines Daseins zu revoltieren versucht. Doch dieser Ekel steht für Levinas jenseits der bisherigen Tradition der Weltablehnung, er muss daher folglich als Reaktion auf die Gegebenheiten ernst genommen und in seiner Neuheit verstanden werden.

Genau dies unternimmt er mit schwer durchschaubaren Überlegungen, die zwischen Kulturkritik und einem neuen Seinsdenken changieren. Letztlich ist De l'évasion sowohl ein Nein gegenüber den angebotenen Lösungen zur Krise der Zeit als auch ein Versuch, die Überlieferung für die Gegenwart ohne Kompromisse mitverantwortlich zu machen. Die Idee der Verantwortung wird es dann sein, die Levinas von den Philosophien des Seins hin zum menschlichen Seienden und schließlich zum Anderen führen wird.

Durch Interpretation soll der Talmud gegenwärtig bleiben