Jung Hee Noh steht in Südkoreas modernster Bahnhofshalle und wartet. Ganz wie im echten Leben. Der Schnellzug in ihrem Rücken gleitet durch eine grenzenlos blühende Landschaft. Unter dem Hochglanzfoto halten sich drei grüne Topfpflanzen tapfer im Schatten des Fahrkartenschalters. Links neben ihm leuchtet das Schild Nach Pjöngjang in Himmelblau, ganz als ginge hier ein echter Zug.

Hinter dem Schalter strahlt Jung Hee Noh mit Engelsgeduld. Das macht ihre Gesichtszüge weicher, als es die randlose, etwas strenge Brille eigentlich erlauben möchte. Die taubenblaue Bahnuniform schmücken sorgsam zu Rüschen gefaltete Halstuch-Enden. Das Tuch ist nicht rot wie das der jungen Pioniere jenseits der Grenze in Nordkorea, sondern fast regenbogenfarben, als habe die Sonne über dem Land die dunklen Wolken gerade vertrieben. Und ohne die so genannte Sonnenschein-Politik der südkoreanischen Regierung gäbe es ja auch den großen Bahnhof mitsamt Jung Hee Noh nicht. Diesen Bahnhof direkt an der Grenze zu Nordkorea, in der alles darauf wartet, dass endlich doch die Schranken hochgehen zwischen den beiden Republiken des einen Volkes.

Irgendwann wird für Jung Hee Noh das Warten ein Ende haben. Ein Zug wird kommen, ein richtiger. Manches spricht dafür, dass der Tag nicht mehr so fern ist, an dem die Kameraleute um den Schalter kämpfen, die Politiker ihre Reden halten und die ersten Passagiere ihre Fahrkarten lösen werden. Nach Pjöngjang. In die 205 Kilometer entfernte Hauptstadt Nordkoreas. Mit freier Fahrt durch den letzten Eisernen Vorhang des Kalten Krieges.

Das Land, in dem dieser Vorhang vor 16 Jahren plötzlich aufriss, wo heute längst Schnellzüge durch mehr oder weniger blühende Landschaften rasen - dieses Land kennt Jung Hee Noh schon gut. Vier Jahre lang hat sie in Deutschland studiert, Mathematik in Hannover, von 1999 bis 2002. Heute wirbt sie 700 Meter südlich der immer noch bedrohlichsten, am schärfsten bewachten Grenze der Welt dafür, dass auch ihre Landsleute endlich eine gemeinsame Spur finden. Jung Hee Nohs Arbeitsplatz nennt sich offiziell Internationaler Bahnhof Dorasan. Er heißt so, weil die Züge von hier über Nordkorea bis Paris fahren sollen. Irgendwann. In der Zukunft. Der hat sich kein Volk so verschrieben wie die High-Tech-Jünger Südkoreas. Selbst in den bisher strukturschwachen, durch militärische Sicherheitsgebote verödeten Grenzraum sind inzwischen die Futuristen eingezogen. Der Bahnhof Dorasan macht mehr her als die Stationen in der 50 Kilometer entfernten Glitzermetropole Seoul.

Allein die Fahrgäste fehlen. Die chromblitzende Halle füllt sich nur, wenn Busladungen einheimischer und ausländischer Touristen hereinströmen, die gerade über den Stacheldraht nach Nordkorea gespäht haben wie einst über die Schandmauer in Berlin. Für sie hält sich Jung Hee Noh lächelnd bereit mit Sondermarken, Stempeln und Auskünften. Ja, sagt sie in samtweichem Deutsch, man kann von hier heute noch nach Seoul fahren. Der Zug kommt dreimal am Tag von dort und kehrt wieder um. Er heißt tongil, Vereinigung.

Sie hat schon mehr als 50 Jahre Verspätung, die Vereinigung. Der Koreakrieg, der von 1950 an drei Millionen Menschenleben forderte, ist offiziell noch gar nicht zu Ende. Es gibt keinen Friedensvertrag, nur den Waffenstillstand von 1953, der das Land längs des 38. Breitengrades geteilt hat. Der unverheilte Schnitt durch die koreanische Halbinsel ist vier Kilometer breit und 238 Kilometer lang. Die so genannte demilitarisierte Zone stand lange in trauriger Konkurrenz mit der Berliner Mauer. Ihr Name trügt. Statt demilitarisiert ist sie mit Panzersperren und Minen gespickt. Gleich hinter ihr stehen 1,1 Millionen nordkoreanische Soldaten und 650 000 Mann südkoreanischer Truppen einander gegenüber, dazu 6000 US-Soldaten (von insgesamt noch 30 000 im Süden stationierten Amerikanern). Bill Clinton nannte die Grenze, als er das kahle nordkoreanische Gelände durchs Fernglas observierte, das furchterregendste Stück Erde. Wer es sehen will, muss eine Erklärung unterschreiben, die ihn verpflichtet, sich kein Zeichen, keinen Ausdruck und keine Gesten zu erlauben, die der nordkoreanischen Seite als Propagandamaterial gegen das UN-Kommando dienen könnten.

Jahrzehntelang haben die Diktatoren beider Seiten zusammen mit ihren jeweiligen Schutzmächten Nord- und Südkorea so hermetisch voneinander abgeschlossen und gegeneinander immunisiert, wie es dem geteilten Deutschland selbst in seinen schlimmsten Jahren nicht widerfuhr. Kinder hörten nie wieder vom Leben und Sterben ihrer Mütter hüben oder drüben. Söhne verloren ihre Väter wie Gefallene, obwohl sie nur ein paar Kilometer getrennt voneinander lebten. Noch heute bleibt eine Million Familien auseinander gerissen.