Die Korea-Connection

Jung Hee Noh steht in Südkoreas modernster Bahnhofshalle und wartet. Ganz wie im echten Leben. Der Schnellzug in ihrem Rücken gleitet durch eine grenzenlos blühende Landschaft. Unter dem Hochglanzfoto halten sich drei grüne Topfpflanzen tapfer im Schatten des Fahrkartenschalters. Links neben ihm leuchtet das Schild Nach Pjöngjang in Himmelblau, ganz als ginge hier ein echter Zug.

Hinter dem Schalter strahlt Jung Hee Noh mit Engelsgeduld. Das macht ihre Gesichtszüge weicher, als es die randlose, etwas strenge Brille eigentlich erlauben möchte. Die taubenblaue Bahnuniform schmücken sorgsam zu Rüschen gefaltete Halstuch-Enden. Das Tuch ist nicht rot wie das der jungen Pioniere jenseits der Grenze in Nordkorea, sondern fast regenbogenfarben, als habe die Sonne über dem Land die dunklen Wolken gerade vertrieben. Und ohne die so genannte Sonnenschein-Politik der südkoreanischen Regierung gäbe es ja auch den großen Bahnhof mitsamt Jung Hee Noh nicht. Diesen Bahnhof direkt an der Grenze zu Nordkorea, in der alles darauf wartet, dass endlich doch die Schranken hochgehen zwischen den beiden Republiken des einen Volkes.

Irgendwann wird für Jung Hee Noh das Warten ein Ende haben. Ein Zug wird kommen, ein richtiger. Manches spricht dafür, dass der Tag nicht mehr so fern ist, an dem die Kameraleute um den Schalter kämpfen, die Politiker ihre Reden halten und die ersten Passagiere ihre Fahrkarten lösen werden. Nach Pjöngjang. In die 205 Kilometer entfernte Hauptstadt Nordkoreas. Mit freier Fahrt durch den letzten Eisernen Vorhang des Kalten Krieges.

Das Land, in dem dieser Vorhang vor 16 Jahren plötzlich aufriss, wo heute längst Schnellzüge durch mehr oder weniger blühende Landschaften rasen - dieses Land kennt Jung Hee Noh schon gut. Vier Jahre lang hat sie in Deutschland studiert, Mathematik in Hannover, von 1999 bis 2002. Heute wirbt sie 700 Meter südlich der immer noch bedrohlichsten, am schärfsten bewachten Grenze der Welt dafür, dass auch ihre Landsleute endlich eine gemeinsame Spur finden. Jung Hee Nohs Arbeitsplatz nennt sich offiziell Internationaler Bahnhof Dorasan. Er heißt so, weil die Züge von hier über Nordkorea bis Paris fahren sollen. Irgendwann. In der Zukunft. Der hat sich kein Volk so verschrieben wie die High-Tech-Jünger Südkoreas. Selbst in den bisher strukturschwachen, durch militärische Sicherheitsgebote verödeten Grenzraum sind inzwischen die Futuristen eingezogen. Der Bahnhof Dorasan macht mehr her als die Stationen in der 50 Kilometer entfernten Glitzermetropole Seoul.

Allein die Fahrgäste fehlen. Die chromblitzende Halle füllt sich nur, wenn Busladungen einheimischer und ausländischer Touristen hereinströmen, die gerade über den Stacheldraht nach Nordkorea gespäht haben wie einst über die Schandmauer in Berlin. Für sie hält sich Jung Hee Noh lächelnd bereit mit Sondermarken, Stempeln und Auskünften. Ja, sagt sie in samtweichem Deutsch, man kann von hier heute noch nach Seoul fahren. Der Zug kommt dreimal am Tag von dort und kehrt wieder um. Er heißt tongil, Vereinigung.

Sie hat schon mehr als 50 Jahre Verspätung, die Vereinigung. Der Koreakrieg, der von 1950 an drei Millionen Menschenleben forderte, ist offiziell noch gar nicht zu Ende. Es gibt keinen Friedensvertrag, nur den Waffenstillstand von 1953, der das Land längs des 38. Breitengrades geteilt hat. Der unverheilte Schnitt durch die koreanische Halbinsel ist vier Kilometer breit und 238 Kilometer lang. Die so genannte demilitarisierte Zone stand lange in trauriger Konkurrenz mit der Berliner Mauer. Ihr Name trügt. Statt demilitarisiert ist sie mit Panzersperren und Minen gespickt. Gleich hinter ihr stehen 1,1 Millionen nordkoreanische Soldaten und 650 000 Mann südkoreanischer Truppen einander gegenüber, dazu 6000 US-Soldaten (von insgesamt noch 30 000 im Süden stationierten Amerikanern). Bill Clinton nannte die Grenze, als er das kahle nordkoreanische Gelände durchs Fernglas observierte, das furchterregendste Stück Erde. Wer es sehen will, muss eine Erklärung unterschreiben, die ihn verpflichtet, sich kein Zeichen, keinen Ausdruck und keine Gesten zu erlauben, die der nordkoreanischen Seite als Propagandamaterial gegen das UN-Kommando dienen könnten.

Jahrzehntelang haben die Diktatoren beider Seiten zusammen mit ihren jeweiligen Schutzmächten Nord- und Südkorea so hermetisch voneinander abgeschlossen und gegeneinander immunisiert, wie es dem geteilten Deutschland selbst in seinen schlimmsten Jahren nicht widerfuhr. Kinder hörten nie wieder vom Leben und Sterben ihrer Mütter hüben oder drüben. Söhne verloren ihre Väter wie Gefallene, obwohl sie nur ein paar Kilometer getrennt voneinander lebten. Noch heute bleibt eine Million Familien auseinander gerissen.

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Es waren die Wende in Osteuropa, der Zerfall der Sowjetunion und die Wiedervereinigung Deutschlands, die - fast unmerklich zunächst - auch die vereisten Trutzburgen Koreas erschütterten. Pjöngjangs Diktator Kim Jong Il verlor fast alle seine Warentauschpartner von der DDR bis Kyrgystan und damit auch jede Hoffnung, der Wirtschaftskatastrophe ohne massive Hilfe noch entkommen zu können. Südkorea, inzwischen von der Diktatur zur Demokratie gereift, jubelte in den ersten Tagen des Berliner Mauerfalls in froher Hoffnung auf die eigene Wiedervereinigung. Doch bald erkannte die Regierung geschockt, dass ihr Land eine ähnliche Implosion des Hungerreichs im Norden nicht verkraften könnte.

Park Chang Bong vom Ministerium für Vereinigungspolitik, wie die meisten Experten seines Hauses ein hervorragender Deutschlandkenner, erinnert sich noch an den regelmäßigen Erfahrungsaustausch mit dem Ministerium für innerdeutsche Beziehungen: Wir glaubten damals zwar alle, dass sich Süd- und Nordkorea eher wiedervereinigen würden als die beiden Deutschlands. Aber wir warteten gemeinsam in einer Klasse. Und dann wurden wir Südkoreaner über Nacht zu Studenten der deutschen Wiedervereinigung.

Im Frühjahr 1998 präsentierte Präsident Kim Dae Jung die alte sozialdemokratische Ostpolitik in südkoreanischem Gewand. Er nannte sie Sonnenschein-Politik. Wandel durch Annäherung war und blieb ihr Ziel. Kim Jong Il auf der anderen Seite, der liebe Führer und ungenierte Lügenbaron auf seiner Bombe, wollte keinen Sonnenschein. Aber er brauchte einen Strohhalm für sein darbendes Land. Im Juni 2000 kam es in Pjöngjang zum historischen, sentimental inszenierten Gipfeltreffen der beiden Präsidenten.

Kim Dae Jung erhielt den Friedensnobelpreis für seine Sonnenschein-Politik.

Gut zwei Jahre später fiel ein Schatten auf sie. Der Nobelpreisträger räumte ein, dass seine Regierung noch vor dem Gipfel rund 100 Millionen Dollar an den erpresserischen Gastgeber zahlen musste. Blutgeld aus Steuereinahmen, schrie die Opposition - eine langfristige Investition im übergeordneten nationalen Interesse, beschwichtigte die Regierung.

Nur noch die Alten schreckt die Armee aus dem Norden

Auf diesem Gipfel hatten beide Präsidenten auch den Bau des Bahnhofs Dorasan und damit die Wiederherstellung der alten, durch den Koreakrieg zerstörten Gyongui-Eisenbahnlinie vereinbart. Südkorea machte sich im IC-Tempo daran, lieferte Material und Ausrüstungen, räumte seine Minenfelder mit deutschem Gerät. Kim Jong Ils Streckenarbeiter saßen zumeist im Bremserhäuschen.

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Dennoch verbinden die Gleise inzwischen das geteilte Land. Seouls Vereinigungsminister Chung Dong Young hausiert mit der Hoffnung, dass die Südkoreaner schon 2008 mit dem Zug durch Nordkorea zu den Olympischen Spielen nach Peking fahren können. Doch der Traum des abgeschnittenen Südkoreas, das so viele Autos baut und aus dem doch keine Straße hinausführt, reicht viel weiter. Von Busan und Seoul soll - irgendwann - eine transeuropäische Eisenbahn über Shinuiju in Nordkorea, Peking, Omsk, Moskau, Berlin bis nach Frankreich führen und in nur wenigen Tagen Güter expedieren, die bisher noch einen Monat lang über die See reisen müssen.

Hinter solchen Visionen steckt der Glaube der erfolgreichen Südkoreaner an die Machbarkeit von allem - und die Furcht, eines doch nicht bewältigen zu können: die plötzliche Wiedervereinigung. Nur noch die Alten schreckt die Armee aus dem Norden, die sie zu Beginn des Koreakrieges überrannte. Jüngere Politiker und Wirtschaftsführer dagegen beunruhigt eher, dass verarmte Arbeiterheere in Millionenstärke gen Süden ziehen könnten, sollte Kim Jong Ils Hungerzone im Norden kollabieren.

Das stolze, auch herostratische Seoul mit seinen Weltkonzernen in ihren hochfliegenden Glaspalästen ist zwar noch immer die Geisel der nordkoreanischen Artillerie. Die Megastadt könnte aber auch von einer Flüchtlingswelle verheerend getroffen werden: verzweifelte Menschen von einem anderen Stern auf dem Marsch in die IT-Metropole. Darbende Dorfbewohner ohne einen Schimmer von Marktwirtschaft und moderner Arbeitswelt, von Konsum und E-Commerce - konfrontiert mit einer durch Messenger, Blogs und Handys wie nirgendwo sonst vernetzten Jugend. Verhärmte Bauern und Bergleute ratlos vor der Werbung auf den Tag und Nacht flimmernden Großleinwänden der Einkaufstürme, verwirrt von den nie gehörten Anglizismen in der südkoreanischen Sprache.

Sie kämen ja nicht aus dem realen Sozialismus wie die DDR-Bürger 1989 mit Westfernsehen, Rentnerbesuchen, Trabi-Fahrten nach Prag und Polen, Flugreisen nach Jalta oder Samarkand. Die Nordkoreaner flöhen aus dem von ständigen Stromsperren vergrößerten Dunkel einer drakonischen Diktatur mit minimalen Produktions- und Einkommensniveaus. Ihr Bruttosozialprodukt ist etwa dreißig Mal niedriger als das im Süden. Die Arbeitssuche dieser desorientierten Reservearmee würde die Löhne für alle einfachen Beschäftigungen in Südkorea abstürzen und die Arbeitslosigkeit von heute 3,9 Prozent raketengleich in zweistellige Bereiche hochschießen lassen. Dazu hätten die gut 47 Millionen Südkoreaner den Aufbau Nord für 23 Millionen Menschen zu stemmen - also für prozentual fast doppelt so viele Landsleute wie 1990 die alten Bundesländer.

Die Finanzierung der Arbeitslosigkeit und ein fast unvorstellbar hoher Kapitaltransfer zur Implantation von moderner Verwaltung, Landwirtschaft, nationalen Institutionen, Bildungssystemen, Gesundheitswesen würde von Südkoreas Wirtschaftswunder wenig übrig lassen.

Der Zusammenbruch des Nordens kann sich lange hinauszögern. Aber irgendwann wird das Regime fallen, und seine Opfer wie auch die Täter werden Südkoreas Bürde sein. Der zehntstärkste Industriestaat der Welt muss sich auf dieses Erbe notgedrungen anders einrichten als die USA. Die Regierung Bush hat Nordkorea Anfang 2002 auf die Achse des Bösen gesetzt. Sie arbeitet auf eine Implosion des ruinösen Schattenreichs von Kim Jong Il mit seinem halben Dutzend Atombomben hin. Seither gehen Schützling und Schutzmacht von einst getrennte Wege im Umgang mit Pjöngjang. Wie weit sie auseinander führen, zeigte sich im letzten Dezember. Mitten in Seoul veranstaltete eine amerikanische Stiftung mit Geldern des US-Kongresses eine große Konferenz über Menschenrechtsverletzungen in Nordkorea. Die südkoreanische Regierung blieb der von Präsident Bush unterstützten Aktion in ihrer eigenen Hauptstadt fern.

Wie die Mehrheit der Koreaner heute denkt, hat Roh Moo Hyun, der Nachfolger des Sonnenschein-Präsidenten Kim Dae Jong, kurz nach seinem Amtsantritt im Februar 2003 ausgesprochen. Von der Diplomatie noch ungeschliffen, erklärte der Neuling in der Politik: Er könne eher mit einem atomar bewaffneten als mit einem kollabierenden Nordkorea leben. Das musste der frühere Anwalt der Menschenrechtler und Gewerkschafter zwar auf der Stelle als politisch inkorrekt zurücknehmen. Doch für viele Politiker und Unternehmer ist der Satz inzwischen zur Handlungsmaxime geworden.

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Die Touristen, die in den voll besetzten Bussen von Seoul über den Freedom Highway wie in einer Zeitmaschine zu den alten Checkpoints des Kalten Krieges fahren, richten ihre Aufmerksamkeit und Camcorder angestrengt nach links.

Immer noch trennen hoher Stacheldraht und Wachtürme mit bewaffneten Posten die Autostraße vom breiten Han-Fluss. Die Reiseführerinnen erzählen die überlieferten Gruselgeschichten von den Spionen, die über den Fluss setzten, von der See aus mit U-Booten oder unter der Erde durch Tunnel Südkorea infiltrierten. Was sich im Grenzraum heute wirklich tut, zieht unbeachtet am rechten Straßenrand vorbei. Häuser mit Swimmingpools, hochragende Kreuze neuer Kirchenbauten, frisch gezimmerte buddhistische Tempel, Industrieanlagen, Bauhöfe, Tankstellen, die sich eng aneinanderdrängen.

Lange Zeit hatten die Invasionen und Wenden des Koreakrieges, die das Land hin und her warfen, hier nur Grasnarben hinterlassen. Die Stadt Ilsan, deren Hochhäuser von dem Bus aus in der Ferne zu sehen sind, war nach ihrem Wiederaufbau seit Mitte der fünfziger Jahre weniger ein Wohnort als eine überdimensionale Straßensperre gegen neuerliche Einfälle. Noch in den achtziger Jahren zog es nur wenige zur unwirtlichen Stätte unter den nordkoreanischen Kanonen. Im Mai 2004 zählte Ilsan fast schon eine halbe Million Einwohner. Noch 2006 sollen es 630 000 werden. Die Bodenpreise sind so hoch wie in den Außenbezirken von Seoul. Immobilienhändler werben erfolgreich mit der reinen Luft im Vorfeld der demilitarisierten Zone. Und wenn Pjöngjang einen Atomtest unternimmt, wie die Amerikaner argwöhnen? -

Die Sorgen hat hier keiner, sagen PR-Leute wie Passanten im Chor, da drüben leben Koreaner wie wir.

High Tech und High Life direkt am Eisernen Vorhang

Nicht weit von Ilsan wird die Regierung der Grenzprovinz eine Hallyuwood-Showbiz-Stadt hochziehen. Sie selbst will dafür umgerechnet eine halbe Milliarde US-Dollar investieren und 1,5 Milliarden von lokalen und ausländischen Investoren hereinholen. Der Siegeszug koreanischer Popkultur in Asien soll genutzt werden für ein Mammut-Zentrum mit Konzertsälen, Freiluftarenen, Malschulen, Film- und TV-Sets, einem Dorf mit Stars zum Anfassen, Parks à la Disneyland, Shopping Malls, Hotels, einer Chinatown und sogar einem Klein Japan - obwohl in Tokyo gerade wieder ein Comic-Bestseller rassistische Stimmung gegen Südkorea schürt. Wenn Hallyuwood steht, wird das Vorfeld der Grenze allein hier mit 50 000 neuen Jobs und sechs Millionen Touristen jährlich animiert - so sehen es die Pläne der Provinz vor.

Der rastlose Unternehmergeist der Südkoreaner, aber auch das politische Kalkül schieben High Tech und High Life immer dichter an den Eisernen Vorhang heran. Nirgends sonst auf der Welt grenzen Zukunftstechnologie und groß dimensionierte Event-Kultur so dicht an ein staatliches Mittelalter mit Fronarbeit und Folterstrafen. Im nordöstlichen Gangwong, der einzigen durch einen Todesstreifen getrennten Provinz der Welt, wächst das Mekka des ostasiatischen Wintersports südlich dieser Grenze. Die Stadt PyeongChang will 2014, assistiert von Pjöngjang, das weiße Olympia an die Demarkationslinie holen. Ein nordkoreanisches IOC-Mitglied hat mir die Unterstützung für unsere Bewerbung zugesagt und für eine gemeinsame Olympiamannschaft plädiert, versichert Kim Jin Sun der ZEIT. Der 59-jährige Provinzgouverneur spricht fließend Englisch und kennt ein deutsches Wort: Edelweiß. Es blüht im östlichsten Winkel der demilitarisierten Zone, die dort eine märchenhafte Bergwelt teilt.

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Südkoreas nordwestliche Grenzprovinz Gyeonggi will das steile Gefälle des geteilten Landes durch Industrieparks einebnen. Gyeonggi umschließt den Stadtstaat Seoul ringförmig und wird vom Han-Fluss in einen nördlichen und einen südlichen Teil getrennt. Im Norden der Provinz begann bisher die Brache, das Zonenrandgebiet, wie es vormals in Deutschland hieß. Im Südteil wie auch in Seoul dagegen begann in den sechziger Jahren das Aschenputtel-Märchen vom Aufstieg der armen Reisbauern. In nur einer Generation brachten sie das von der japanischen Kolonialmacht und dem Bürgerkrieg geschundene Entwicklungsland in den Club der Reichen, in die OECD. Kein anderes Volk hat das geschafft. Heute ist die Provinz Gyeonggi Heimstatt für die Fusionstechnologie der nächsten Generation, für Biotechnologie und auch für das Forschungsinstitut des inzwischen als Betrüger überführten Klonforschers Hwang Woo Suk. 60 Prozent aller ausländischen Investitionen hat dieser Raum mit seiner inzwischen beispiellosen IT-Infrastruktur angezogen, 60 Universitäten sind entstanden.

Zurück blieb dagegen der Norden der Provinz. Ein kriegsversehrter Landstrich.

Investieren und fotografieren verboten. Sperrzone für moderne Technologien, die nicht in Reichweite Nordkoreas gelangen sollten. Einzige Attraktion: das propagandistische Freilichttheater mit dem rostenden Bestiarium des Kalten Krieges für leicht schauernde Touristen und die Reiseteile der Zeitungen.

Doch inzwischen bröckelt das alte ideologische Vorwerk. Der ehrgeizige Gouverneur Sohn Hak Kyu und seine Provinzverwaltung tragen einen etwas anderen Krieg in die verödete Region. Sie nennen ihn den Krieg der Geschwindigkeit. Der Grenzraum wird mit einer wirtschaftspolitischen, staatlich geförderten Blitzoffensive dem Reich der Wissensindustrie südlich des Han-Flusses einverleibt. Sonderwirtschaftszonen sollen Pjöngjang mit Devisen locken (Schalck-Golodkowski lässt grüßen) und Seoul billige Arbeitskräfte verschaffen, damit der Standort Südkorea wieder gefestigt wird (allein Samsung hat 60 000 Arbeitsplätze nach China ausgelagert). Präsident Park von der Korea-Bank rief Anfang 2005 die Unternehmer auf: Wir müssen nach Nordkorea gehen statt nach China und Vietnam! Ausländische Investoren werden mit märchenhaften Konditionen gelockt, um den Grenzraum zu einer politisch entspannten Zone globaler Konzerninteressen zu machen - und damit auch zu einer Barriere gegen die amerikanische Versuchung, Kim Jong Ils nukleare Hexenküche drüben mit einem Präventivschlag gegen den Atomreaktor in Yongbyon auszupusten.

Schwerter zu Pflugscharen heißt es heute am letzten Eisernen Vorhang: Lasst Industrieparks über die Grenze wachsen in den Jurassic Park des Nordens hinein, damit das Gefälle zwischen den beiden Staaten zumindest ein wenig abnimmt. Wovon Südkorea deshalb die internationale Gemeinschaft gern überzeugen möchte, hat Heo Bokmann formuliert. Der Vizepräsident der LCD-Sparte von LG. Philips, einem der Großinvestoren am 38. Breitengrad, hob sein neues Projekt mit den Worten aus der Taufe: Wenn eine Weltfirma wie LG.

Philips eine Anlage an der Demarkationslinie zwischen Süd- und Nordkorea baut, beweist das: Man muss sich um Probleme der nationalen Sicherheit keine Sorgen machen.

In der Stadt Paju und ihrer Umgebung tut man das in der Tat nicht. Paju hat im Jahr 2005 viel Platz in den deutschen Feuilletons gefunden. Korea war Schwerpunktland der Frankfurter Buchmesse, und Autoren wie Verleger staunten nicht schlecht, aber eher etwas mitleidig über Paju Book City. Das ist ein von 50 Architekten aus aller Welt gebautes Dorf nahe der Stadt, in das Südkoreas Verlage, Druckereien, Vertriebsunternehmen, Barsortimenter samt und sonders eingezogen sind oder noch einziehen wollen. Das teure, verstopfte Seoul raubt ihnen zu viel Zeit und Geld. Obwohl die Planer ihre Arbeiten schon vor 17 Jahren begonnen haben, hoffen sie weiter, dass sich auch noch Literaten in dieser kollektiven Idylle ansiedeln, die den lyrischen Namen trägt: Berg, von dem der Kranich kommt.

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Die Fertigung von Flachbildschirmen sorgt für 35 000 neue Jobs

Den Koreanern fällt beim Stichwort Paju allerdings eher ein dramatisches Schauspiel ein, bei dem in nur 17 Monaten ganze Berge versetzt worden sind.

Hoch türmen sich jetzt, nur zehn Kilometer von der Demarkationslinie, die Halden aus Steinschutt. 8000 Mann in Blauhelmen haben mit 3000 Maschinen 100 Millionen Kubikmeter Erde abgetragen, weiße Betonburgen für 1500 Arbeiter und ein mächtiges Viadukt für Abwässer hochgezogen - alles in eineinhalb Jahren, die Planung inbegriffen. Von hier aus wird die jüngste Generation der Flachbildschirme in die Welt gehen. Auf der Baustelle bei Paju, im Schatten Nordkoreas, entsteht der größte TFT-LCD(Liquid Crystal Display)-Produktionskomplex der Welt. Wo sich eben noch Wald und Hügel wellten, liegt jetzt, aus der Höhe betrachtet, ein großes erdbraunes Tablett, auf dem Hallen und Wohnblocks angerichtet werden. 25 000 neue Jobs soll es hier geben, mit Zulieferern sogar 35 000. Philips und der südkoreanische Konzern LG Electronics, die das Großprojekt gemeinsam angehen, wollen in den nächsten Jahren noch mehr als 21 Milliarden Dollar investieren.

Wer Lee Se Jong, dem Vizedirektor des Investitionsbüros von Gyeonggi, auf der Baustelle zuhört, bekommt eine Ahnung, mit welchem Einsatz diese Provinz an ihre Grenze geht. 2002 hatte LG. Philips LCD, der Marktführer für die Flüssigkristall-Bildschirme, nach einer neuen Produktionsanlage Ausschau gehalten. Bewerber kamen aus Südkorea (das den TFT-LCD-Weltmarkt mit 44,5 Prozent Anteil beherrscht), aus China, Taiwan und Nordeuropa. Die Provinz Gyeonggi hatte anfangs gute Karten. Doch dann standen allerlei administrative Auflagen, die für den Großraum der Metropole Seoul gelten, im Weg. Den Investor zog es nach China.

Als Gyeonggis Gouverneur Sohn Hak Kyu davon Wind bekam, setzte er eine Task Force ein. Das Militär, das den Bau von Industrieanlagen in der Sperrzone grundsätzlich untersagt hatte, ließ sich in sechs Monaten überzeugen.

Entwicklungspläne und Beseitigung der bürokratischen Hemmnisse benötigten ein Jahr. Der Staat planierte das Gelände auf seine Kosten und schloss es an Straßen und Stromquellen, Wasser- und Abwässernetze an. Stolz berichten die unternehmerischen Grenzgänger, dass sie am Ende sogar die Tradition besiegten. Es gab Familiengräber auf dem Areal. Alles sprach dagegen, dass die Verwandten ihre Toten umbetten würden. Die würdevollsten Vertreter der Provinz suchten die Familien selbst an den Gedenktagen für die Vorfahren auf.

Bis sie deren Ruhestätten verlegen durften.

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Sohn Hak Kyu, der 55-jährige Provinzgouverneur und Politikprofessor, trägt gerne Blau. Ob er eine neue Produktionsstätte von ThyssenKrupp einweiht oder den Vorstand eines in Texas beheimateten Partnerunternehmens begrüßt - immer wuselt er unter all den schwarz gekleideten Herren in einer himmelblauen Windjacke herum. Das gute Stück ist ungleich moderner als die immergraue Blousonkluft mit Gummizug um den Bauch, in der sein nordkoreanischer Nachbar Kim Jong Il auf der anderen Seite die Huldigungen des Volkes entgegennimmt.

Der Gouverneur gibt sich allerdings auch flotter als seine eigene Partei, die konservative Große Nationalpartei (GNP). Die führende Oppositionspartei lehnt die Sonnenschein-Politik des Präsidenten und seiner linksliberalen Regierung mehrheitlich ab. Gouverneur Sohn befürwortet sie. Vor allem anderen müssen wir die Wirtschaft im Norden für die Vereinigung stärken, lautet sein Credo, unsere Provinz hat dabei eine Schlüsselrolle. Siebeneinhalb Mal sei er seit seinem Amtsantritt 2002 schon um die Erde gereist, um Investoren anzuwerben, berichtet der Gouverneur stolz.

Im April 2004 schloss Sohn mit Nordkoreas Komitee für nationale Aussöhnung einen Vertrag über wirtschaftliche Zusammenarbeit. Auf dieser Grundlage versorgte seine Provinz noch im selben Jahr die Stadt Sariwon jenseits des Eisernen Vorhangs mit Landmaschinen, medizinischen und zahntechnischen Ausrüstungen. Seit Anfang 2005 entwickelt Gyeonggi zusammen mit dem Institut für Agrarwirtschaft das Modell für eine Landwirtschaftsreform mit den Experten und der Technologie der Provinz, aber auf dem Farmland und mit Landarbeitern Nordkoreas.

Kim Song Sik, der asketische Vizegouverneur für politische Angelegenheiten, der schon morgens um 7 Uhr zum Gespräch bittet, nimmt kein Blatt vor den Mund: Da wir nur über die Wirtschaft irgendwann zur politischen Vereinigung kommen können, werden wir auf Dauer nicht nur Fleisch und Reis liefern, sondern auch High Tech einbringen müssen. Wir wissen natürlich, dass die USA jede Unterstützung und ganz besonders den technischen Ausbau Nordkoreas ablehnen.

Ein Lehrstück dafür spielt in Kaesong. Der Ort, der heute 12 Kilometer nördlich der demilitarisierten Zone in Kim Jong Ils Einsiedlerreich liegt, war vom 10. bis zum 14. Jahrhundert Koreas Hauptstadt. Heute läuft dort das bisher größte Experiment, das Seoul und Pjöngjang bisher miteinander wagen.

Südkorea baut, wie auf dem historischen Gipfel im Juni 2000 vereinbart, einen Industriepark auf, der die Arbeitskräfte aus dem Norden und die Technologie des Südens zusammenführen soll. Noch steckt das Projekt in den Anfängen, 15 südkoreanische Unternehmen beschäftigen 5000 nordkoreanische Arbeiter, die am Morgen wie Bataillone in den Komplex ein- und am Abend wieder abmarschieren.

Töpfe aus rostfreiem Stahl, umgerechnet zu 15 Dollar das Paar, gehören zu den ersten Produkten. Auch wenn es hier keine Sprachbarrieren gibt, sind die Maschinen für die Nordkoreaner noch sehr gewöhnungsbedürftig.

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Für den Süden arbeiten die Nordkoreaner zum Mindestlohn

Aber schon Ende 2006, so hat Einigungsminister Chung Dong Young im Oktober angekündigt, sollen 300 Firmen und Zehntausende nordkoreanischer Arbeiter gemeinsam werkeln. 700 Unternehmen haben bereits Interesse angemeldet. Was sie lockt, ist der Mindestlohn. Beide Seiten haben für die nordkoreanischen Arbeiter einen Grundlohn von umgerechnet 50 Dollar pro Monat plus 15 Prozent Sozialversicherung vereinbart. Der Mindestlohn im Süden ist siebenmal höher, der in China noch doppelt so hoch.

Dennoch kann auch Nordkorea, wenn es die Tür nicht wieder zuwirft, einen für seinen Standard guten Schnitt machen. Seouls Zentralbank schätzt, dass der Industriepark für Pjöngjang bis 2012 rund 600 Millionen Dollar jährlich und bis zur endgültigen Fertigstellung im Jahre 2020 über zwei Milliarden Dollar abwerfen wird. Yoo Chang Geun, Präsident des Unternehmens S. J. Tech, das in Kaesong Halbleiter-Teile produziert, hat alle früheren Bedenken über Bord geworfen. Noch vor zwei Jahren sah er in Nordkorea nur einen Terrorstaat.

Doch dann, so meint er, hätten ihn die niedrigen Lohnkosten, die gemeinsame Sprache und die Überzeugung, dass freie Unternehmer den Norden doch ein Stück weiter aus seinem Panzer lösen könnten, die Investition wagen lassen: Nordkorea ist nicht das Problem von irgendwem sonst. Es ist unser Problem als Volk.

Das sehen die Amerikaner selbst im Fall Kaesong anders. Sie zählen Nordkorea zu den Ländern, die Terroristen unterstützen. Folglich haben die südkoreanischen Unternehmen jedes Gerät für den Industriepark zur Genehmigung einzureichen. Dazu verpflichtet sie das 1995 in Holland beschlossene Wassenaar-Abkommen. In ihm haben sich 39 Länder - darunter auch Südkorea und die USA - darauf geeinigt, Rüstungsexporte in Länder zu beschränken, die sie als gefährlich einstufen. Für die USA sind aber schon modernere Personalcomputer, wie sie in Seoul inzwischen fast jede Hausfrau gebraucht, strategische Güter. Sie müssen draußen bleiben. Aber auch Produkte aus Kaesong dürfen nicht in die Vereinigten Staaten exportiert werden. Die US-Regierung will grundsätzlich verhindern, dass Nordkorea durch Sonderwirtschaftszonen Devisen einnehmen kann.

Die Planer einer gesamtkoreanischen Zukunft scheint das wenig zu stören. Im Jahr 2020 sollen sich in dem auf 66 Quadratkilometer veranschlagten Industriepark 2000 Unternehmen, 250 000 Arbeiter und 1,5 Millionen Touristen tummeln. Im farbigen Prospekt geht die kapitalistische Sonne bereits im Norden auf und malt Hotels, Shopping-Center und einen Golfplatz mit 38 Löchern auf die Achse des Bösen.

Übernimmt sich Südkorea da nicht? Viel Geld und gute Worte haben am Ende auch der alten Bundesrepublik nicht geholfen, um die DDR auf den langen Marsch in die Evolution zu bringen. Ihr System konnte sich nicht grundlegend reformieren, sondern nur stehen oder fallen. Die Therapie-Entwürfe zur Erhaltung und Gesundung Nordkoreas durch brüderlichen Spenderwillen und kapitalistische Transfusionen erinnern ein wenig an Jules Verne. In 80 Tagen aus der Steinzeit - so ließen sich die optimistischen Rezepte bisweilen überschreiben.

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Doch das Land der Morgenstille hat schon manches Wunder vollbracht, das ihm vorher niemand zugetraut hatte. Und es ist zugleich das unterschwellige Leiden an seiner Geschichte, das Südkoreas Energie, Ehrgeiz und Wissbegier stärkt. Diese Geschichte der fremden Invasionen und kolonialen Unterdrückung, des Bürgerkriegs und der Teilung ohne eigenes Verschulden entließ die Koreaner entfremdet, selbstverloren, orientierungslos in den Kalten Krieg.

In den vergangenen vierzig Jahren, meint der renommierte Publizist Shim Jae Hoon im Coffee-Shop des Seouler Internationalen Finanzzentrums, mussten wir lernen, wovor wir weggelaufen sind: vor Armut, Ignoranz, tradierten Gesellschaftsnormen, Bäuerlichkeit. Aber wir hatten keine Zeit gehabt, darüber nachzudenken, wohin wir uns bewegen - auf Amerika zu, nach Japan, Singapur, Europa? Was wir besaßen, war allein unsere Lernfähigkeit.

Die bewährte sich wie nirgends sonst in den Nachbarländern, als 1997 die Finanzkrise ganz Asien erschütterte. Durch das schwer betroffene Südkorea ging damals der Ruck, von dem später deutsche Politiker redeten. Erst standen die Bürger Schlange, um der Regierung aus freien Stücken ihre Ringe und goldenen Uhren, Hals- und Armbänder abzuliefern. Dann befolgte die Regierung alle vernünftigen Empfehlungen des Internationalen Währungsfonds, der den Staat mit dem größten Kredit aller Zeiten vor dem Bankrott gerettet hatte.

Die Chaebols, die Riesenkonglomerate, in denen jahrzehntelang die Gründerfamilien dominierten, mussten Macht abgeben, die Ministerien und der Staat ebenso, die Banken zogen internationale Fachleute heran, darunter auch deutsche. Dieser Ruck, mit dem Seoul die jahrzehntelange Protektion seiner Wirtschaft abschüttelte, ließ die Wachstumsraten bald in Rekordhöhen steigen.

Doch was die Südkoreaner zu solchen Erfolgen befähigte, was sie aus den Reisfeldern in den Cyberspace trieb, war auch der Druck, sich immer wieder beweisen zu müssen. Sich zu befreien von Selbstzweifeln, von der Geschichte, von den geografischen Fesseln, welche die kleine Halbinsel wie einen Zipfel an den Rockschößen der großen Nachbarn Russland, China und Japan erscheinen lässt. So sind auch die neuen Ambitionen im Verhältnis zum Brudervolk im Norden nicht zuletzt Teil der andauernden Unsicherheit - zu der die nicht berechenbare Zukunft Nordkoreas beiträgt.

Die Investitionen in eine Zukunft, wie sie sich Seoul vorstellt, laufen - auch wenn niemand vorhersagen kann, ob sie sich auszahlen werden. Es ist still geworden am Unification Observatory, nicht weit vom Grenzbahnhof, wo sich für umgerechnet 40 Cent über die Demarkationslinie auf die Achse des Bösen schauen lässt. Wenn Touristen am Fernglas früher stolz rapportierten, dass sie in der Ferne ganz winzige Menschen entdeckt hätten, pflegten die Reiseführerinnen daraus gern ihren politischen Vers zu machen: Der Führer Kim Jong Il dort drüben ist so klein, dass er Plateauschuhe trägt und seine Haare toupiert. Jetzt treten sie leiser auf. Auch Nordkoreas lärmende Revolutionsgesänge, die riesige Lautsprecher frei nach Orwells Großem Bruder über den Grenzstreifen trugen, sind seit dem Sommer verstummt.

Die Militärs beider Seiten haben sich - was noch vor kurzem undenkbar schien - auf einen Abbau der Spannungen an der Grenze verständigt. Sie einigten sich auf eine gemeinsame Funkfrequenz und ein Wimpelsystem, um unerwünschte Zusammenstöße ihrer Marineeinheiten vor allem an der umstrittenen Seegrenze im Gelben Meer zu vermeiden. Seit Anfang August 2005 können sie sich sogar über eine Hotline verständigen. Wie dünn diese Fäden allerdings noch sind, zeigt sich daran, dass in Südkorea auch weiter die Rufnummer 113 existiert.

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An sie soll sich jeder Bürger wenden, der einen nordkoreanischen Spion entdeckt hat. Falls sich der Verdacht bestätigt, winkt eine Belohnung von 100 000 Dollar.

Eine Videokonferenz für Familien, die seit Jahrzehnten getrennt sind

Aus der DDR durften einst zuerst die Rentner ausreisen. In Korea treffen sie sich nun virtuell: Ein neues Glasfiberkabel zwischen Süd- und Nordkorea ermöglichte am 15. August 2005 die Videokonferenz zwischen 40 Familien, die der Krieg vor einem halben Jahrhundert trennte. Immerhin steigen jetzt auch die Besucherzahlen: Seit dem Waffenstillstand 1953 konnten inzwischen 170 000 Südkoreaner den Boden im Norden wieder betreten. Allein 2005 waren es 100 000. Hinzu kommen 300 000 Touristen, die auf einer vorgeschriebenen Route Busausflüge zum nordkoreanischen Erholungsgebiet Kumgang, dem Diamantengebirge, unternahmen. Noch steiler ist der Anstieg der wirtschaftlichen und humanitären Hilfe für Nordkorea, die Seouls Haushaltsplan vorsieht - und entsprechend scharf kritisieren Teile der Opposition und ältere antikommunistische Zirkel die Regierung. 2006 gehen 2,6 Milliarden Dollar an den Norden, die Hälfte davon für Leichtindustrie, Bergbau, Agrar- und Fischwirtschaft. Der Rest wird für den geplanten Leichtwasserreaktor zurückgelegt, den Kim Jong Il erhalten soll, wenn er auf Atomwaffen verzichtet.

Seouls Rücksichtnahme auf Pjöngjang zeigt sich auch darin, dass Nordkoreaner, die trotz aller barbarischen Sperranlagen fliehen konnten, heute anders als früher von der Öffentlichkeit möglichst fern gehalten werden.

Pressekonferenzen, Berichte über die noch immer zum Himmel schreienden Menschenrechtsverletzungen, würde Pjöngjang mit Absagen an gemeinsame Projekte strafen. Der Hauptstrom von fast 300 000 geflohenen Nordkoreanern hat sich allerdings in China aufgestaut. Die dortigen Behörden stufen sie als Wirtschaftsflüchtlinge ein und schicken etwa 20 000 Menschen jährlich zurück.

Auf sie warten drakonische Strafen und Folter.

Peking drängt Pjöngjang zwar, auf seine Nuklearwaffen zu verzichten, und hat deshalb die Atomgespräche der sechs Parteien USA, Russland, Japan, China sowie Süd- und Nordkorea initiiert. Aber die Chinesen wollen zugleich Kim Jong Il halten, weil sie ebenso wie Seoul einen plötzlichen Zusammenbruch seines Regimes fürchten. Politisches Chaos in Nordkorea könnte im äußersten Fall zu einer Intervention der noch immer knapp 30 000 amerikanischen Soldaten aus Südkorea führen. Das Reich der Mitte, das bisher nirgendwo an strategische Standorte der USA stößt, hätte dann unversehens US-Truppen an seiner Grenze. So agieren Peking und Seoul heute nolens volens als Lebensversicherer des stalinistisch-orientalischen Despoten.

Die Korea-Connection

Das wiederum hat Kim Jong Il zu einem Wendemanöver genutzt. Nach zehn Jahren Unterstützung durch die internationalen Hilfsorganisationen forderte Nordkorea deren Vertreter im vergangenen Oktober auf, das Land bis Ende 2005 zu verlassen. Pjöngjang versucht offenbar, sich jetzt weitgehend auf die Nahrungsmittelhilfe aus Südkorea und China zu stützen.

Zum einen will der liebe Führer verhindern, dass die bunte Gesellschaft der ausländischen Helfer zu viele schwarze Löcher in seinem Schattenreich ortet.

Denn die internationalen Organisationen mit der Welthungerhilfe voran bestehen darauf, ihre Lieferungen ins Landesinnere zu begleiten, um zu überwachen, ob diese auch an bedürftige Bevölkerungsschichten und nicht nur an die Armee gehen. Südkorea und China üben da weniger Druck aus. So verlangt Pjöngjang von Seoul, dass die meisten Getreideimporte nicht über die Demarkationslinie nach Norden gehen, sondern via China oder mit Schiffen aus Drittländern angeliefert werden - die Bevölkerung soll vom Ausmaß der Hilfe nichts erfahren.

Zum anderen sucht Nordkorea den Rat der beiden gefälligeren Nachbarn, um seine verdorrten Äcker und notleidenden Kollektive zu retten. Pjöngjang, das Pekings Wirtschaftsreformer lange als ideologische Abweichler kritisierte, scheint nun doch mit aller Vorsicht vom chinesischen Kapitalismus lernen zu wollen. Funktionäre und Fachleute studieren beim großen Nachbarn bereits Betriebe und Sonderwirtschaftszonen. Unwidersprochen meldete Pekings Nachrichtenagentur Xinhua nach dem Besuch von Parteichef Hu Jintao in Pjöngjang Ende Oktober: Nordkorea erkennt die Errungenschaften Chinas an.

Zu Beginn dieser Woche brach Kim Jong Il überraschend, wegen seiner Flugangst im Sonderzug, zu einem Gegenbesuch nach Peking auf.

Was aber kann Kim Jong Il wirklich ändern? Für den orientalischen Despoten ist es wichtiger, das Überleben des Regimes als das Existenzminimum der Bevölkerung zu sichern. Ihm kommt es deshalb zu allererst auf die Wirtschaftshilfe aus Südkorea und China an. Nichts anderes wünschte sich auch Erich Honecker von Bonn. Nur war die DDR ein System, das manche Kurskorrektur zulassen konnte. Nordkorea ist eine Dynastie. Ihr konfuzianisch-stalinistischer Personenkult und noch mehr die Staatsideologie der juche (wörtlich das Auf-sich-selbst-Verlassen) laufen auf eine unüberwindbare Autarkie hinaus. Dem ersten Staatschef Nordkoreas Kim Il Sung, der zuvor gegen die japanischen Besatzer und in Maos Reihen gekämpft hatte, folgte 1994 sein mit Komplexen beladener Sohn Kim Jong Il. Niemand hatte ihm bis dahin zugetraut, dass er die Dynastie erhalten könnte. Doch der von opulentem Luxus umgebene Lebemann erwies sich als hemmungsloser politischer Überlebenskünstler. Weil nur der Familienkult das Regime verlängern kann, bastelt der 63-Jährige jetzt an der Erbfolge seines zweiten Sohns Kim Jong Chul.

Wie reformiert man eine solche Dynastie?, fragt der Publizist Shim Jae Hoon rhetorisch. Die juche kann niemand verändern, weil der Gründer der Staatsfamilie sie erfand. Mit der juche fiele die Dynastie. Für den Rest gilt: Reformiert Kim Jong Il zu langsam, bricht der Staat zusammen.

Die Korea-Connection

Reformiert er zu schnell, kippt sein Regime.

Für das, was dann auf den Süden zukäme, ist Seoul wirtschaftlich schlechter gerüstet, als seine großen Erfolge erscheinen lassen. Ähnlich wie in Deutschland bleibt die Binnennachfrage schwach. Der Export allein trägt das Wirtschaftswachstum schon seit einigen Jahren. Die Technologie-Riesen und die Stahlkonzerne, die Auto- und die Schiffbauer haben zwar die Weltmärkte erobert. Doch zu Hause investieren die Exporteure nur sehr zurückhaltend.

Auch sie lagern Geschäfte und Arbeitsplätze lieber in das so verlockend nah liegende China aus. Der Standort Korea hat viel Anziehungskraft verloren durch steigende Löhne, die den wachsenden Lebenshaltungskosten folgen. Die hohen Energiepreise steigern die Produktionskosten - das energiearme Land ist der viertgrößte Ölimporteur der Welt.

Auch Politik und Gesellschaft folgen nicht so schwerelos in den Cyberspace, wie bisweilen aus dem fernen Land berichtet wird. Zwar haben sich die lernfähigen Südkoreaner in nur knapp zwanzig Jahren eine gesicherte Demokratie mit konfuzianischen Elementen erkämpft, die für Asien mit seinen tradierten Familienbindungen beispielhaft ist. Doch sind die politischen Institutionen dabei nicht schnell genug mit gewachsen.

Anders als in Europa haben die Parteien keine festen Programme. Sie orientieren sich mehr an Persönlichkeiten als an Sachfragen und hängen ihr Fähnchen nach dem Wind. Führende Funktionäre gründen je nach Laune oder internen Querelen neue Parteien. In Südkorea wächst heute nicht nur der Graben zwischen den Generationen, sondern auch zwischen den Eliten. Sonntags demonstrieren im Zentrum von Seoul, aber auch in anderen Städten, Studenten gegen Studenten oder Lehrer gegen Lehrer, linke Gewerkschafter gegen Arbeitnehmervertreter der Mitte und neuerdings auch Kriegsveteranen gegen Kriegsveteranen.

Deshalb müsste Südkorea erst einmal auch das eigene Haus absichern, um die Lasten Nordkoreas tragen zu können - zumal diese Bürde obendrein noch durch den latenten Konflikt mit den USA erschwert werden wird.

Zum Jahreswechsel haben Süd- und Nordkorea erstmals seit der jahrzehntelangen Teilung eine direkte Telefonverbindung eingerichtet. Sie führt zum Industriepark Kaesong nördlich der Grenze. Schon im Oktober eröffneten beide Seiten dort ein gemeinsames Büro. Damit residieren jetzt 14 Vertreter der südkoreanischen Regierung und der Wirtschaft im Norden. Noch niemals zuvor war das der Fall.

Die Korea-Connection

So liegt der Tag wohl nicht mehr fern, an dem der erste Passagier im Grenzbahnhof von Dorasan die Fahrkarte in das Land hinter dem Stacheldraht lösen wird.

Doch wie die Reise nach Pjöngjang dann ausgeht, ob sie überhaupt weiterführt - wer kann das schon sagen, Jung Hee Noh?