Es waren die Wende in Osteuropa, der Zerfall der Sowjetunion und die Wiedervereinigung Deutschlands, die - fast unmerklich zunächst - auch die vereisten Trutzburgen Koreas erschütterten. Pjöngjangs Diktator Kim Jong Il verlor fast alle seine Warentauschpartner von der DDR bis Kyrgystan und damit auch jede Hoffnung, der Wirtschaftskatastrophe ohne massive Hilfe noch entkommen zu können. Südkorea, inzwischen von der Diktatur zur Demokratie gereift, jubelte in den ersten Tagen des Berliner Mauerfalls in froher Hoffnung auf die eigene Wiedervereinigung. Doch bald erkannte die Regierung geschockt, dass ihr Land eine ähnliche Implosion des Hungerreichs im Norden nicht verkraften könnte.

Park Chang Bong vom Ministerium für Vereinigungspolitik, wie die meisten Experten seines Hauses ein hervorragender Deutschlandkenner, erinnert sich noch an den regelmäßigen Erfahrungsaustausch mit dem Ministerium für innerdeutsche Beziehungen: Wir glaubten damals zwar alle, dass sich Süd- und Nordkorea eher wiedervereinigen würden als die beiden Deutschlands. Aber wir warteten gemeinsam in einer Klasse. Und dann wurden wir Südkoreaner über Nacht zu Studenten der deutschen Wiedervereinigung.

Im Frühjahr 1998 präsentierte Präsident Kim Dae Jung die alte sozialdemokratische Ostpolitik in südkoreanischem Gewand. Er nannte sie Sonnenschein-Politik. Wandel durch Annäherung war und blieb ihr Ziel. Kim Jong Il auf der anderen Seite, der liebe Führer und ungenierte Lügenbaron auf seiner Bombe, wollte keinen Sonnenschein. Aber er brauchte einen Strohhalm für sein darbendes Land. Im Juni 2000 kam es in Pjöngjang zum historischen, sentimental inszenierten Gipfeltreffen der beiden Präsidenten.

Kim Dae Jung erhielt den Friedensnobelpreis für seine Sonnenschein-Politik.

Gut zwei Jahre später fiel ein Schatten auf sie. Der Nobelpreisträger räumte ein, dass seine Regierung noch vor dem Gipfel rund 100 Millionen Dollar an den erpresserischen Gastgeber zahlen musste. Blutgeld aus Steuereinahmen, schrie die Opposition - eine langfristige Investition im übergeordneten nationalen Interesse, beschwichtigte die Regierung.

Nur noch die Alten schreckt die Armee aus dem Norden

Auf diesem Gipfel hatten beide Präsidenten auch den Bau des Bahnhofs Dorasan und damit die Wiederherstellung der alten, durch den Koreakrieg zerstörten Gyongui-Eisenbahnlinie vereinbart. Südkorea machte sich im IC-Tempo daran, lieferte Material und Ausrüstungen, räumte seine Minenfelder mit deutschem Gerät. Kim Jong Ils Streckenarbeiter saßen zumeist im Bremserhäuschen.