Die Touristen, die in den voll besetzten Bussen von Seoul über den Freedom Highway wie in einer Zeitmaschine zu den alten Checkpoints des Kalten Krieges fahren, richten ihre Aufmerksamkeit und Camcorder angestrengt nach links.

Immer noch trennen hoher Stacheldraht und Wachtürme mit bewaffneten Posten die Autostraße vom breiten Han-Fluss. Die Reiseführerinnen erzählen die überlieferten Gruselgeschichten von den Spionen, die über den Fluss setzten, von der See aus mit U-Booten oder unter der Erde durch Tunnel Südkorea infiltrierten. Was sich im Grenzraum heute wirklich tut, zieht unbeachtet am rechten Straßenrand vorbei. Häuser mit Swimmingpools, hochragende Kreuze neuer Kirchenbauten, frisch gezimmerte buddhistische Tempel, Industrieanlagen, Bauhöfe, Tankstellen, die sich eng aneinanderdrängen.

Lange Zeit hatten die Invasionen und Wenden des Koreakrieges, die das Land hin und her warfen, hier nur Grasnarben hinterlassen. Die Stadt Ilsan, deren Hochhäuser von dem Bus aus in der Ferne zu sehen sind, war nach ihrem Wiederaufbau seit Mitte der fünfziger Jahre weniger ein Wohnort als eine überdimensionale Straßensperre gegen neuerliche Einfälle. Noch in den achtziger Jahren zog es nur wenige zur unwirtlichen Stätte unter den nordkoreanischen Kanonen. Im Mai 2004 zählte Ilsan fast schon eine halbe Million Einwohner. Noch 2006 sollen es 630 000 werden. Die Bodenpreise sind so hoch wie in den Außenbezirken von Seoul. Immobilienhändler werben erfolgreich mit der reinen Luft im Vorfeld der demilitarisierten Zone. Und wenn Pjöngjang einen Atomtest unternimmt, wie die Amerikaner argwöhnen? -

Die Sorgen hat hier keiner, sagen PR-Leute wie Passanten im Chor, da drüben leben Koreaner wie wir.

High Tech und High Life direkt am Eisernen Vorhang

Nicht weit von Ilsan wird die Regierung der Grenzprovinz eine Hallyuwood-Showbiz-Stadt hochziehen. Sie selbst will dafür umgerechnet eine halbe Milliarde US-Dollar investieren und 1,5 Milliarden von lokalen und ausländischen Investoren hereinholen. Der Siegeszug koreanischer Popkultur in Asien soll genutzt werden für ein Mammut-Zentrum mit Konzertsälen, Freiluftarenen, Malschulen, Film- und TV-Sets, einem Dorf mit Stars zum Anfassen, Parks à la Disneyland, Shopping Malls, Hotels, einer Chinatown und sogar einem Klein Japan - obwohl in Tokyo gerade wieder ein Comic-Bestseller rassistische Stimmung gegen Südkorea schürt. Wenn Hallyuwood steht, wird das Vorfeld der Grenze allein hier mit 50 000 neuen Jobs und sechs Millionen Touristen jährlich animiert - so sehen es die Pläne der Provinz vor.

Der rastlose Unternehmergeist der Südkoreaner, aber auch das politische Kalkül schieben High Tech und High Life immer dichter an den Eisernen Vorhang heran. Nirgends sonst auf der Welt grenzen Zukunftstechnologie und groß dimensionierte Event-Kultur so dicht an ein staatliches Mittelalter mit Fronarbeit und Folterstrafen. Im nordöstlichen Gangwong, der einzigen durch einen Todesstreifen getrennten Provinz der Welt, wächst das Mekka des ostasiatischen Wintersports südlich dieser Grenze. Die Stadt PyeongChang will 2014, assistiert von Pjöngjang, das weiße Olympia an die Demarkationslinie holen. Ein nordkoreanisches IOC-Mitglied hat mir die Unterstützung für unsere Bewerbung zugesagt und für eine gemeinsame Olympiamannschaft plädiert, versichert Kim Jin Sun der ZEIT. Der 59-jährige Provinzgouverneur spricht fließend Englisch und kennt ein deutsches Wort: Edelweiß. Es blüht im östlichsten Winkel der demilitarisierten Zone, die dort eine märchenhafte Bergwelt teilt.