Südkoreas nordwestliche Grenzprovinz Gyeonggi will das steile Gefälle des geteilten Landes durch Industrieparks einebnen. Gyeonggi umschließt den Stadtstaat Seoul ringförmig und wird vom Han-Fluss in einen nördlichen und einen südlichen Teil getrennt. Im Norden der Provinz begann bisher die Brache, das Zonenrandgebiet, wie es vormals in Deutschland hieß. Im Südteil wie auch in Seoul dagegen begann in den sechziger Jahren das Aschenputtel-Märchen vom Aufstieg der armen Reisbauern. In nur einer Generation brachten sie das von der japanischen Kolonialmacht und dem Bürgerkrieg geschundene Entwicklungsland in den Club der Reichen, in die OECD. Kein anderes Volk hat das geschafft. Heute ist die Provinz Gyeonggi Heimstatt für die Fusionstechnologie der nächsten Generation, für Biotechnologie und auch für das Forschungsinstitut des inzwischen als Betrüger überführten Klonforschers Hwang Woo Suk. 60 Prozent aller ausländischen Investitionen hat dieser Raum mit seiner inzwischen beispiellosen IT-Infrastruktur angezogen, 60 Universitäten sind entstanden.

Zurück blieb dagegen der Norden der Provinz. Ein kriegsversehrter Landstrich.

Investieren und fotografieren verboten. Sperrzone für moderne Technologien, die nicht in Reichweite Nordkoreas gelangen sollten. Einzige Attraktion: das propagandistische Freilichttheater mit dem rostenden Bestiarium des Kalten Krieges für leicht schauernde Touristen und die Reiseteile der Zeitungen.

Doch inzwischen bröckelt das alte ideologische Vorwerk. Der ehrgeizige Gouverneur Sohn Hak Kyu und seine Provinzverwaltung tragen einen etwas anderen Krieg in die verödete Region. Sie nennen ihn den Krieg der Geschwindigkeit. Der Grenzraum wird mit einer wirtschaftspolitischen, staatlich geförderten Blitzoffensive dem Reich der Wissensindustrie südlich des Han-Flusses einverleibt. Sonderwirtschaftszonen sollen Pjöngjang mit Devisen locken (Schalck-Golodkowski lässt grüßen) und Seoul billige Arbeitskräfte verschaffen, damit der Standort Südkorea wieder gefestigt wird (allein Samsung hat 60 000 Arbeitsplätze nach China ausgelagert). Präsident Park von der Korea-Bank rief Anfang 2005 die Unternehmer auf: Wir müssen nach Nordkorea gehen statt nach China und Vietnam! Ausländische Investoren werden mit märchenhaften Konditionen gelockt, um den Grenzraum zu einer politisch entspannten Zone globaler Konzerninteressen zu machen - und damit auch zu einer Barriere gegen die amerikanische Versuchung, Kim Jong Ils nukleare Hexenküche drüben mit einem Präventivschlag gegen den Atomreaktor in Yongbyon auszupusten.

Schwerter zu Pflugscharen heißt es heute am letzten Eisernen Vorhang: Lasst Industrieparks über die Grenze wachsen in den Jurassic Park des Nordens hinein, damit das Gefälle zwischen den beiden Staaten zumindest ein wenig abnimmt. Wovon Südkorea deshalb die internationale Gemeinschaft gern überzeugen möchte, hat Heo Bokmann formuliert. Der Vizepräsident der LCD-Sparte von LG. Philips, einem der Großinvestoren am 38. Breitengrad, hob sein neues Projekt mit den Worten aus der Taufe: Wenn eine Weltfirma wie LG.

Philips eine Anlage an der Demarkationslinie zwischen Süd- und Nordkorea baut, beweist das: Man muss sich um Probleme der nationalen Sicherheit keine Sorgen machen.

In der Stadt Paju und ihrer Umgebung tut man das in der Tat nicht. Paju hat im Jahr 2005 viel Platz in den deutschen Feuilletons gefunden. Korea war Schwerpunktland der Frankfurter Buchmesse, und Autoren wie Verleger staunten nicht schlecht, aber eher etwas mitleidig über Paju Book City. Das ist ein von 50 Architekten aus aller Welt gebautes Dorf nahe der Stadt, in das Südkoreas Verlage, Druckereien, Vertriebsunternehmen, Barsortimenter samt und sonders eingezogen sind oder noch einziehen wollen. Das teure, verstopfte Seoul raubt ihnen zu viel Zeit und Geld. Obwohl die Planer ihre Arbeiten schon vor 17 Jahren begonnen haben, hoffen sie weiter, dass sich auch noch Literaten in dieser kollektiven Idylle ansiedeln, die den lyrischen Namen trägt: Berg, von dem der Kranich kommt.