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Ein Sommertag mitten im Winter. Eine Terrasse im Schatten, ein sanfter Wind, und der Blick geht hinaus aufs Meer vor Floridas Küste. Robert Rauschenberg kommt, geschoben im Rollstuhl, nach Schlaganfällen halbseitig gelähmt. Ein wenig verhalten ist er, die Stimme tonlos. Das Gespräch soll eine Stunde dauern, doch Reden fällt ihm schwer, fern ist alles Vergangene. Dann das Essen, dann Wein, dann noch mehr Wein. Und mit einem Mal ist vieles wieder da. Plötzlich blicken seine Augen, als sei die Welt noch immer Abenteuer, vergnüglich und voll des Unentdeckten. Am Ende sprechen wir drei Stunden lang. Manchmal schweigt Rauschenberg auch, versinkt und will nicht wieder auftauchen. Doch fast immer lacht er, bübisch, in sich hinein. Als hätte er sein Künstlerleben nur gelebt, um jetzt im Alter amüsiert darauf zurückzublicken.

Robert Rauschenberg: Mr Rauterberg, wissen Sie was?

DIE ZEIT: Sagen Sie.

Rauschenberg: Wissen Sie, warum wir jetzt dieses Interview führen?

ZEIT: Sie meinen, weil Sie eigentlich keine Interviews mehr geben?

Rauschenberg: Genau. Aber Ihr Name klingt so ähnlich wie meiner. Da dachte ich, hm, das könnte doch lustig sein. Gibt ja nichts Schlimmeres als so Leute, die sich an ihre Regeln klammern. Ich setze mich ganz gern über meine Regeln hinweg, auch über Interview-Regeln. Ist doch gut, oder? Sonst säßen wir nicht hier. Wir könnten nicht über Rauschenberg und Rauterberg philosophieren.

ZEIT: Waren Sie einmal in Rauschenberg?

Rauschenberg: Sie meinen diesen kleinen Ort? Da waren wir mal vor einigen Jahren, irgendwo in der Mitte von Deutschland. Das war sonderbar, der eigene Name plötzlich so groß, als Ortsschild. BILD

ZEIT: Kommen Ihre Vorfahren von dort?

Rauschenberg: Mein Großvater kommt, so viel ich weiß, aus Berlin. Ich habe aber keine besondere Erinnerung an ihn.

ZEIT: Fühlen Sie sich denn Ihrer deutschen Herkunft verbunden?

Rauschenberg: Sollte ich? Vielleicht wär das nicht schlecht. Mehr Ernst, mehr Disziplin, ein bisschen penibler. Aber dann, diese Last der Geschichte, das würde mich lähmen. Da fühle ich mich meiner Großmutter näher. Die war Indianerin, eine Cherokee. Von ihr habe ich meine Nase, meinen Instinkt. Auch meine Ruhelosigkeit. Ich fühle mich oft als Nomade, ziemlich unverwurzelt.

ZEIT: Sie leben doch sehr sesshaft seit fast vierzig Jahren hier in Florida, auf Ihrer Insel Captiva.

Rauschenberg: Das ist mein Reservat. Hier habe ich meinen Dschungel, meine Tiere, meinen Himmel, wenn das nicht zu schmalzig klingt. Unterwegs bin ich trotzdem viel, war immer viel verreist. Na ja, und meine Beziehung zur Welt ist wohl auch nomadisch.

ZEIT: Gilt das ebenso für Ihre Kunst?

Rauschenberg: Woran denken Sie?

ZEIT: Sie haben sich nie in einer Kunstform fest eingerichtet, Sie sind immer herumgewandert zwischen Malerei, Bildhauerei, Performance.

Rauschenberg: So kann man es wohl sehen. Ich mochte mich nie festlegen. Ich mochte nie das Endgültige. Das ist doch eine kranke Idee, die Kunst müsse irgendwie ideal und schön und in sich abgeschlossen sein. Wissen Sie, jedes Bild von mir könnte auch ganz anders aussehen. Und am liebsten ist es mir, wenn Sie meine Bilder nicht als Bilder ansehen. Es sind Spielfelder. Sie sollen Lust bekommen, selbst weiterzumalen und weiterzubauen.

ZEIT: Leider ist Anfassen im Museum ja strengstens untersagt. BILD

Rauschenberg: Sie dürfen mir glauben, es fällt mir verdammt schwer, meine Bilder nicht mehr anfassen zu dürfen, sobald sie aus dem Atelier raus sind. So etwas wie ein fertiges Kunstwerk, das gibt es für mich nicht.

ZEIT: Begreifen Sie denn Ihre Kunst als Antikunst? Als Rebellion gegen die klassischen Vorstellungen vom Ewigen und Erhabenen?

Rauschenberg: Ich muss zugeben, so viel Pathos wie Barney Newman oder wie Bill de Kooning habe ich nie aufbringen können. Die waren so wahnsinnig selbstsicher, sie schwelgten in ihrer Freiheit. Mich hat der Abstrakte Expressionismus, diese ganze Kunst der fünfziger Jahre, ziemlich eingeschüchtert. Ich mochte es immer bescheidener.

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ZEIT: Und haben ganz bescheiden ein Werk des Heroen William de Kooning vernichtet.

Rauschenberg: Ich habe es nicht vernichtet.

ZEIT: Sie haben ein Bild von ihm ausradiert und das Ausradierte dann zum Kunstwerk erklärt.

Rauschenberg: Ja, aber da war ich noch sehr jung, es war ein Experiment. Ich wollte sehen, ob auch das Ausgelöschte noch ein Bild abgibt. Ich bin damals zu Bill hin, mit einer Flasche Jack Daniels. Und in der Hoffnung, dass er bitte nicht zu Hause sein möge. Dann wäre das Vorhaben als solches für mich Kunstwerk genug gewesen. Leider war er aber da und freute sich über den Whiskey. Das tat ich dann auch. Ich erzählte ihm von meiner Idee, und er fragte mich, ob das denn wirklich sein müsse. Dann rückte er irgendwann ein Bild raus, eines, mit dem ich wirklich zu tun hatte. Ein Bild mit lauter Ölspritzern, Tintenspuren, Kreidelinien.

ZEIT: Wie lange mussten Sie radieren?

Rauschenberg: Vier Wochen waren das, glaube ich. Und so ungefähr fünfzehn Radiergummi. So lange habe ich wohl nie wieder an einem Bild gearbeitet.

ZEIT: Vor allem nicht an einem Nichtbild.

Rauschenberg: Ja, das Auslöschen blieb die Ausnahme.

ZEIT: Warum eigentlich?

Rauschenberg: Ich bin niemand, der zerstört. Ich umarme die Welt lieber.

ZEIT: Sie sind so eine Art Konservativer.

Rauschenberg: Na, das hat noch niemand behauptet.

ZEIT: Ihre Kunst ist eine Aufbewahrungskunst, sie konserviert lauter Dinge, die sonst auf den Müll wandern würden, Glühbirnen, Autoreifen oder eine alte Steppdecke.

Rauschenberg: So ist das halt bei mir, alles weckt meine Neugier. Und gern lasse ich mich verblüffen, auch von den unscheinbaren Dingen. Da braucht es gar nicht die großen Gesten. Auch nicht die tollkühnen Künstlerschöpfungen. Es reicht, sich dem zu widmen, was uns ständig umgibt. Auch das Unbedeutende hat eine Würde, ein Geheimnis.

ZEIT: Bleibt nicht Müll auch dann Müll, wenn er im Museum an der Wand hängt?

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Rauschenberg: Ich weiß schon, es gibt Leute, die so denken. Mir tun sie leid, denn sie sind ja ständig von Müll umgeben und leiden offenbar schwer darunter. Das wäre nicht meine Sache. Ich versuche lieber, in meiner Kunst dem Gewöhnlichen etwas abzugewinnen. Etwas, das mich überrascht. Viele Menschen leben doch in dem Gefühl, dass ihnen für ihr Glück etwas Wichtiges fehlt. Oder dass sie das Entscheidende in ihrem Leben versäumen. Dabei ist die Welt doch ungeheuer reich. Man muss den Reichtum nur einsammeln.

ZEIT: Das klingt auch recht indianisch.

Rauschenberg: Vielleicht haben Sie Recht, vielleicht ist das auch ein Erbteil meiner Großmutter. Jedenfalls habe ich meine Kunst nie gesucht, ich habe sie immer gefunden.

ZEIT: Sie wollten niemals ein Schöpfer, ein Erfinder sein?

Rauschenberg: Ich bin kein Künstler, der Ideen hat. Ich hasse Ideen. Und wenn ich trotzdem mal eine habe, dann gehe ich spazieren, um sie zu vergessen. Ich brauche die Unsicherheit, das Nichtwissen. Das ist eigentlich wie bei einer Performance, da weiß man vorher auch nicht genau, was eigentlich passieren wird. Also, am besten bin ich ein unbeschriebenes Blatt, wenn ich ins Atelier gehe. Nicht selten bin ich leider auch beim Rausgehen ein unbeschriebenes Blatt.

ZEIT: Sie haben immer wieder etwas anderes gemacht, warum?

Rauschenberg: Wenn ich etwas zu gut kann, wenn es mir zu geläufig wird, dann wird es mir schnell langweilig. Dann mache ich etwas anderes. Deshalb fotografiere ich auch so gern, immer wieder lassen sich mit der Kamera die Dinge ganz neu entdecken.

ZEIT: Schon als Student haben Sie gern fotografiert. Damals am Black Mountain College in Asheville hatten Sie die Idee, die ganzen USA zentimetergenau abzufotografieren. War das schon dieser Impuls, der auch später ihre Kunst prägte: nichts auslassen zu wollen und das Übersehene zu sehen?

Rauschenberg: Das Übersehene sehen, ja, so lässt sich das sagen. Allerdings hat sich das Vorhaben dann ziemlich bald zerschlagen. Selbst heute wäre ich wohl erst knapp über die Stadtgrenze von Asheville hinaus.

ZEIT: Heute gibt es ja auch Satelliten, die alles fotografieren.

Rauschenberg: Ja, die haben aber ebenfalls ziemlich lange gebraucht.

ZEIT: Auch wenn Sie kein Schöpfer sein wollen, haben Sie damals doch mit einer Art Schöpferperspektive gespielt, mit der Vorstellung, der Künstler sollte alles erfassen und alles gleichrangig bewahren.

Rauschenberg: Hm, das ist interessant. Ich habe vor einiger Zeit für die katholische Kirche gearbeitet, da sollte ich für die Riesenkirche von Renzo Piano in Süditalien etwas entwerfen. Gott war für mich auf diesem Bild eine Antenne, eine Satellitenschüssel, die alles sieht, alles weiß, alles hört. Hat mir viel Spaß gemacht diese Arbeit. Nur leider der Kirche nicht. Hat den Entwurf abgelehnt.

ZEIT: War es Ihre erste Arbeit für die Kirche?

Rauschenberg: So ziemlich. Ich habe mal was aus Holz und lauter Schleifen gemacht, das hing über dem Taufstein. Da war ich aber noch Kind. Und die Kirche, in die ich mit meinen Eltern ging, war eine dieser ganz strengen. Da galt selbst das Tanzen als Sünde.

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ZEIT: Aber wollten Sie nicht Priester werden?

Rauschenberg: Das wollte ich wohl. Aber in dieser Kirche war das Hier und Jetzt so voller Sünde, und das Gute schien es nur im Jenseits zu geben. Ich hoffe, meine Kunst erzählt da etwas anderes.

ZEIT: Wussten Sie denn als Kind schon, dass Sie Künstler werden wollten?

Rauschenberg: Wo denken Sie hin? Künstler, das Wort gab es bei uns zu Hause gar nicht. Dass ich immerzu gezeichnet und alle Schulbücher voll gekritzelt habe, das lag daran, dass ich nicht lesen und schreiben konnte. Ich bin Legastheniker, aber das wusste damals natürlich niemand. Vor ein paar Jahren habe ich einen Preis bekommen, dafür, dass ich mit meiner Legasthenie so weit gekommen bin. Tom Hanks hat damals auch einen Preis bekommen und noch ein paar Leute. Ich war sehr stolz und habe meine Mutter angerufen. Aber Tom Hanks kannte sie nicht. Und zur Legasthenie hat sie nur gesagt: »So heißt das also. Wir dachten immer, du bist einfach dumm.«

ZEIT: Nach einer glücklichen Kindheit hört sich das nicht gerade an.

Rauschenberg: Es war schon ziemlich einsam damals. Immer waren da die vielen Tanten, die mein Bett belagerten, sodass ich auf der Veranda schlafen musste. Kinder gab es rundum so gut wie keine, nur meine Schwester, und die war zehn Jahre jünger. In der Schule war ich der Clown, ich kam im Unterricht einfach nicht mit. Außerdem musste ich immer Hemden tragen, die meine Mutter selbst genäht hatte. Mein erstes richtiges Hemd bekam ich erst, als ich mit der Highschool fertig war. Wissen Sie, ich war immer ein bisschen scheu, die Menschen machten mir Angst. Und etwas davon ist wohl geblieben, etwas von der Bescheidenheit, in der ich damals mit meiner Familie lebte.

ZEIT: Meinen Sie, auch Ihre künstlerische Vorliebe für das Gewöhnliche stammt aus jener Zeit?

Rauschenberg: Ich komme ja aus dem Gewöhnlichen, warum sollte ich das nicht zeigen? Mein Freund Darryl meint, dass in der Rauschenberg-Kindheit schon der ganze Rauschenberg-Künstler da war. Es gibt ein Foto von mir, da bin ich acht und stehe irgendwo hinter unserem Haus, das eher eine Hütte war. Überall Müll, überall Stoffreste von meiner Mutter. Und irgendwie stimmt es wohl, dass ich schon damals zum Müllmenschen wurde. Ich hatte auch viele kleine Schachteln, in denen ich meine Funde sammelte. Käfer zum Beispiel, die versteckte ich unter dem Haus. Es war so ein aufgebocktes Holzhaus, unter das ich als Kind prima drunterkriechen konnte. Eigentlich habe ich immer unten im Halbdunkel gespielt, oder ich bin auf den Baum geklettert und weiter aufs Hausdach. Ich war immer im Dreck oder im Himmel.

ZEIT: Und haben Sie sich im Dreck oder im Himmel dafür entschieden, Ihrer engen Heimat zu entfliehen?

Rauschenberg: Das kam ja erst später. Und dass ich Künstler wurde, war ein ganz schöner Zufall.

ZEIT: Sie wollten gar nicht Künstler werden?

Rauschenberg: Irgendwann war ich bei der Marine in Los Angeles gelandet. Da hat sich das mit dem Zeichnen gut entwickelt. Die Kameraden wollten alle eine Skizze von sich selbst nach Hause schicken, zu ihren Eltern oder ihrer Liebsten. Und so habe ich sie alle gezeichnet, meist in den Waschräumen, denn überall sonst war nachts das Licht ausgeschaltet. Damals begann ich langsam zu begreifen, dass Zeichnen überhaupt etwas Besonderes ist. Bis dahin hatte ich gedacht, das könne jeder, das sei etwas ganz Normales.

ZEIT: Gut, dass es noch keine Foto-Handys gab.

Rauschenberg: Ja, heute zeichnet ja kein Mensch mehr. Aber auch damals war das ziemlich brotlos. Ich habe dann in einer Fabrik für Badeanzüge als Packer gearbeitet. Und erst eine gute Freundin hat mich dann zur Kunst überredet. Sie meinte, ich hätte immer so betrübt ausgesehen. Und warum ich nicht Kunst studieren wollte. Kunst studieren, das schien mir völlig absurd zu sein. Sie hat mich aber dann mit nach Kansas-City genommen, und ich war dann tatsächlich dort auf der Kunstschule.

ZEIT: Später haben Sie in North Carolina bei dem Bauhaus-Lehrer Josef Albers studiert, bekannt für seine strengen geometrischen Bilder. Waren Sie damals ein ganz anderer Künstler? Oder was hatten Sie bei ihm verloren?

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Rauschenberg: Zuvor war ich noch in Paris. An die Zeit kann ich mich nur schlecht erinnern. Ich weiß eigentlich nur noch, dass ich einige Aktstudien nach Hause geschickt habe. Als ich die dann irgendwann wiederhaben wollte, hatte meine Mutter sie alle bemalt. Sie hatte die nackten Frauen angezogen, mit Unterwäsche.

ZEIT: Und Albers?

Rauschenberg: Albers war unerbittlich, er malte in so einem Laborantenkittel und trug gern weiße Handschuhe. Ich hingegen liebte es, mit den Händen zu malen und die Farbe ordentlich spritzen zu lassen. Er hat mich oft beschimpft, er hat mich klein gemacht, er nannte mich einen Versager und wollte, dass ich mir meine langen Haare abschneide. Aber ich brauchte wohl die Disziplin, ich brauchte Widerstand, um mich selbst zu finden. Immer hat er gesagt: »Kunst ist Schwindel.«

ZEIT: Das haben Sie dann ja beherzigt.

Rauschenberg: Meinen Sie?

ZEIT: Na, zumindest sind Sie kein Illusionist geworden. Eher so eine Art Naturalist.

Rauschenberg: Eine Zeit lang habe ich aber schon monochrome Bilder im Geiste von Albers gemalt. Auch wenn meine Leidenschaft für das Kramen und Horten mich nie verlassen hat. Am College habe ich sogar freiwillig den Müllwagen gefahren, immer auf der Suche nach etwas Brauchbarem. Und ich habe so ziemlich auf allen Dingen herumgepinselt, die es gab. Einmal sogar, als ich keine Leinwand mehr hatte, auf einer Steppdecke, mit ein bisschen Nagellack und rot gestreifter Zahnpasta. Viele Kritiker meinten später, ich hätte wohl Dada weiterentwickeln wollen oder den Surrealismus. Es waren aber nur Lust und Laune.

ZEIT: Woher dieser Mut zum Überschwang?

Rauschenberg: Wenn ich das wüsste. Vielleicht lag’s auch daran, dass mich die anderen Künstler nicht so ernst genommen haben. Ich war eher mit Musikern und Tänzern zusammen, mit John Cage und Merce Cunningham oder Earle Brown. Ein wenig neidisch war ich immer auf die, weil ihre Kunst so ganz für den Augenblick war. Nicht statisch, kein Möbel, nichts Festgelegtes. Das hat mir sehr imponiert.

ZEIT: Ihre Kunst hat ja ebenfalls etwas recht Ephemeres. Manches sieht heute schon aus, als könnte es die nächsten Jahrzehnte kaum überstehen. Stört Sie das nicht?

Rauschenberg: Meine Kunst will ja nicht zeitlos und unvergänglich sein. Doch bitte, verraten Sie’s nicht meinen Sammlern.

ZEIT: Soll denn nichts von Ihnen bleiben?

Rauschenberg: Was vergangen ist, ist vergangen und interessiert mich nicht mehr sonderlich. Da bin ich wohl sehr amerikanisch. Nur manchmal sehe ich eine Arbeit von mir und denke: »Hm, den Künstler würdest du gerne mal kennen lernen.« Eigentlich ist das einzig Ewige, was ich besitze, meine Schildkröte Rocky, eine Wüstenschildkröte. Sie mag es hier in Florida aber nicht, ich hatte sie mal hier, sie hat zwei Wochen lang nichts gegessen. Also habe ich sie wieder nach New York gebracht, dort zwischen der Kunst fühlt sie sich wohl. Sie mag Kunst, wirklich, das ist kein Witz. Jedes Mal, wenn wir die Kunstwerke umhängen, kriecht sie herum, reckt ihren Hals, und irgendwann findet sie ihr Lieblingswerk. Da sitzt sie dann gern herum, sie ist eine Kunstkritikerin. Die beste, die ich kenne.

ZEIT: Heute arbeiten ja sehr viele Künstler so wie Sie. Es ist normal, Kunstwerke aus Resten, aus Abgelegtem zu machen. Ehrt Sie das? Betrübt Sie das?

Rauschenberg: Ich kann nichts dagegen haben, wenn die Leute sich vergnügen wollen, oder? Nur wenn es zur Masche wird, dann finde ich’s langweilig. Oder wenn sie es so ungeheuer mit Bedeutung aufladen, das behagt mir nicht. Manche verkriechen sich auch in ihr Selbstmitleid, in so einen merkwürdigen Existenzialismus.

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ZEIT: Sie meinen nicht zufällig Joseph Beuys?

Rauschenberg: Fragen Sie nicht so direkt. Es gibt tatsächlich Leute, die halten Beuys und mich für Vettern oder so was Ähnliches. Doch Beuys verstand sich als großer Erzieher der Menschen, und das bin ich nun ganz und gar nicht. Und ich kann bei ihm auch keinen Humor entdecken, obwohl ja manche sagen, er sei sehr humorvoll gewesen. Ich habe damals die große Schau im Guggenheim-Museum gesehen, und das kam mir wie die depressivste Ausstellung aller Zeiten vor. Ich bin nun mal ein Optimist, ich mag es nicht so düster. Aber, von mir aus, soll doch jeder machen, was er will.

ZEIT: Er war ein politischer Künstler. Sind Sie das nicht?

Rauschenberg: Doch, doch. Ich habe mich immer eingemischt, war bei vielen Kampagnen dabei, bei vielen Spendenaktionen. Ich habe mich immer für die Demokratische Partei eingesetzt, ich war oft bei Carter und bei Clinton im Weißen Haus. Und wenn ich sehe, wie ungerecht es in unserem Land derzeit zugeht, weil die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird, dann würde ich am liebsten die nächste Großaktion starten. Aber eins muss ich sagen, meine Kunst habe ich da rausgehalten. Ich will keine Bedeutung vorschreiben, ich will, dass sie offen ist für alle möglichen Vorstellungen und Beobachtungen.

ZEIT: Kann Kunst überhaupt etwas verändern?

Rauschenberg: Das würd ich schon gern glauben. Und mit ein bisschen Mut kann man doch eine Menge bewirken. Ich würde nicht behaupten, dass es heute unbedingt Frieden im Überfluss gibt, aber immerhin waren wir mit unseren Ausstellungen in Russland und China. An Orten, an denen zuvor nie abstrakte Kunst gezeigt werden durfte. Und wo wir vieles aufgebrochen haben. Der Sozialismus ist tot, es lebe die Kunst!

ZEIT: Zumindest ist die Kunst heute überall zugegen. Aber hat sie sich damit nicht inflationiert?

Rauschenberg: Und was ist mit der arabischen Welt? Da könnten Künstler auch heute viel bewirken. Nur denken die meisten von den Jungen heute eher an ihre Karriere, sie haben Angst, aus dem Rahmen zu fallen. Wobei, wenn ich’s recht bedenke, war das früher wohl auch nicht anders.

ZEIT: Wenn Sie heute jung wären, würden Sie wieder Künstler werden?

Rauschenberg: Vielleicht wäre ich auch ein guter Taxifahrer. Ich wollte ja auch gar nicht ein besonders guter Künstler werden, ich wollte nur nicht, dass jemand anderes ein besserer Künstler ist als ich. Nein, das mit dem Künstlersein, das ist nicht schlecht. Auch wenn sich meine Mutter nie so richtig damit anfreunden konnte. Sie genoss die Partys und Empfänge, aber meine Bilder mochte sie nicht. Wissen Sie was? Vor ein paar Jahren bei einem Hurrikan, da rief ich sie an und fragte, ob sie ihr Haus auch gesichert habe. »Natürlich«, sagte sie. »Ich habe alle Fenster mit Sperrholz abgedeckt. Ich wollte aber keine 25 Dollar ausgeben, da habe ich deine alten Kunstwerke dafür genommen.« Und ich: »Was? Und in welche Richtung zeigen die Bilder?« – »Natürlich nicht nach außen. Oder meinst du, dass die Nachbarn erfahren sollen, was du treibst?« Das ist wirklich so gewesen, es gibt ein Foto davon, mein Schwager hat es gemacht.

ZEIT: Und heute? Gehen Sie noch in Ihr Atelier?

Rauschenberg: Ach, heute wundere ich mich über Rauschenberg und was er da draußen in der Welt so alles anstellt. Neulich hat doch tatsächlich das MoMA in New York 30 Millionen Dollar für ein Bild von mir bezahlt. Leider nicht mir, ich hatte es schon vor vielen Jahren verkauft, für 1500 Dollar.

ZEIT: Können Sie denn nach ihren Schlaganfällen noch malen?

Rauschenberg: Sie meinen, so als Krüppel? Meine rechte Seite ist ganz gelähmt, und das macht es natürlich nicht einfacher. Nicht mal meine Kamera kann ich noch halten. Aber zum Glück habe ich viele Leute um mich herum. Und die bekommen alle eine Kamera in die Hand gedrückt, sogar meine Pflegerin. Ich sage ihnen immer, bitte, wählt nicht aus. Und wenn ihr ein schlechtes Motiv seht, dann ist es bestimmt ein gutes. So bekomme ich Tausende von Fotos, eigentlich so wie früher, fremde Bilder, die ich zu meinen eigenen mache. Ich vergrößere sie, färbe sie, verfremde sie.

ZEIT: Gucken Sie noch immer so viel Fernsehen?

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Rauschenberg: Was denken Sie denn? Natürlich. In fast jedem Zimmer steht ein Fernseher und läuft 24 Stunden am Tag.

ZEIT: Wie furchtbar. Warum das denn?

Rauschenberg: Ich brauche sie einfach. Wenn sie alle ausfielen, dann wäre das ungefähr so wie der Tod. Ich wäre abgeschnitten von allem. Dann bliebe mir nur noch die Kunst.

ZEIT: Haben Sie Angst vor dem Tod?

Rauschenberg: Meine große Angst ist, etwas zu verpassen. Ich will einfach nicht gehen. Außerdem sind meine Füße wirklich zu hässlich, um diese goldenen Engels-Puschen zu tragen.

Das Gespräch führte Hanno Rauterberg

Der Alleskünstler
Bildhauer und Maler, Fotograf und Bühnenbildner, Kostümdesigner und Choreograf – kaum ein anderer Künstler des 20. Jahrhunderts hat so viele Gattungs- und Stilgrenzen übersprungen wie Robert Rauschenberg. 1925 in Port Arthur, einem Kaff in Texas, geboren, begann er schon früh zu zeichnen und zu sammeln. Doch erst im New York der fünfziger Jahre hatte er mit seinem ungewöhnlichen Zugang zur Kunst ersten Erfolg: Oft durchstöberte er Mülltonnen, griff sich Cola-Flaschen, Glühbirnen oder Illustriertenbilder und machte daraus seine wilden Alltagscollagen. Seither gilt er vielen als Urvater der Pop-Art, andere sehen in ihm sogar den »Pablo Picasso der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts«. In fast allen großen Museen der Welt sind Rauschenbergs Bilder zu sehen. Derzeit werden frühe Werke, die Combines, in einer fulminanten Ausstellung des Metropolitan Museum of Art in New York gezeigt (bis zum 2. April). Seine jüngste Ausstellung in Deutschland präsentierte kürzlich die Galerie Terminus in München.