Zu dieser Politik gehören die Wiederverstaatlichung der Energiekonzerne, die Monopolstellung von Gasprom, die korrupt-bürokratische Verflechtung des Kremls mit dem Konzern, die Übernahme von strategischen Energiebetrieben in den Nachbarstaaten. Gasprom will auf dem eurasischen Gasmarkt unersetzbarer Produzent und Händler zugleich sein. Treten Konkurrenten auf wie Turkmenistan, so kauft Gasprom dessen Produktion weitgehend auf, um sie zu eigenen Bedingungen weiterzuvermarkten. Deshalb strebt Gasprom nach der Herrschaft über die Pipelines, nicht nur in Russland. Gerade hat Moskau in Weißrussland eine strategische Rohrleitung gegen Billiggas eingetauscht. Der Streit mit der Ukraine hatte auch die Übernahme der dortigen Gasleitung zum Ziel, was misslang. Mit dem Bau der Putin-Schröder-Pipeline auf dem Ostseegrund nach Deutschland will Gasprom direkten Zugang zu den Abnehmern erlangen – um am Ende die Preise zu kontrollieren.

Das alles ist weder besonders durchtrieben noch besonders verwerflich. Man muss diese Politik nur zur Kenntnis nehmen, wenn man mit Russland Geschäfte macht. Genauso wichtig ist es, zu begreifen, dass Russland kaum in der Lage sein wird, die stark wachsende europäische Erdgasnachfrage voll zu befriedigen. Weil die meisten Russen die Zimmertemperatur mangels Thermostat durch geöffnete Fenster regulieren und Gas wenig kostet, wächst der Energieverbrauch im eigenen Land. Russland macht Versprechen in alle Richtungen. Die föderale Energiekommission plant Exportsteigerungen vor allem nach China, Japan und Amerika, Europas Anteil an der Ausfuhr soll sinken. Das ist das gute Recht Russlands: Es möchte nicht von Europa als einzigem Abnehmer abhängig sein. Dem Schröder-Projekt "gegenseitiger Abhängigkeiten" fehlt also auf lange Sicht die Gegenseite. Umgekehrt ist Russland bei Europas Suche nach Energiequellen nicht die Lösung, wohl aber ein wichtiger Lieferant. Einer von mehreren.

Denn ein Blick auf die Karte Europas und Westasiens zeigt, dass der alte Kontinent einen strategischen Vorteil gegenüber den USA und China hat: Alle großen Erdgaslagerstätten der Welt liegen an Europas Peripherie. Man muss nur Rohre dorthin bauen. Von Russland führen zwei große Pipelinetrassen nach Europa, in fünf Jahren werden es drei sein. Wie werden Nordafrika, das Kaspische Meer und der Golf an Europa angebunden?

Die Großmächte der Welt umwerben das kleine Gasemirat Qatar

Algerien liefert heute bereits über zwei Pipelines unter dem Mittelmeer Gas nach Südeuropa. Spanien und Italien aber bauen längst an weiteren Direktverbindungen. Algerien leitet heute rund ein Fünftel des europäischen Gasbedarfs zu, es wird also auf dem nach EU-Willen liberalisierten europäischen Gasmarkt ein wichtiger Spieler sein. Die Kunden sind vor allem Spanien, Italien und Frankreich, doch bei Bedarf könnte es auch Deutschland sein. Algerien verfügt zwar nur über ein Zehntel dessen, was Russlands frostiger Boden an Gas verheißt, aber das Maghrebland hat immerhin doppelt so viele nachgewiesene Gasreserven wie Deutschlands zweiter Großlieferant Norwegen. Nebenan, noch ohne Pipeline nach Europa, schickt sich Libyens Diktator Muammar al-Gadhafi an, Gas zu exportieren.

Keinen Anschluss nach Europa zu haben ist das große Problem der Kaspischen Region und Zentralasiens. Neue Probebohrungen im Kaspischen Meer haben viel Erdgas in Gebieten nachgewiesen, wo zuvor Öl vermutet wurde, vor allem in Aserbajdschan. Vor seiner Küste liegen noch große unerschlossene Felder. Turkmenistan auf der östlichen Seite des Kaspischen Meeres ist reich an Erdgas, allerdings durch Gasprom-Verträge gebunden und mit einem unberechenbaren Diktator geschlagen. In Kasachstan werden neue Gasquellen entdeckt. Der Champion der Region ist unzweifelhaft Iran, das Land mit den zweitgrößten Vorkommen der Welt. Mit seinem Präsidenten Ahmadineschad und dem provozierenden Atomprogramm wird es zwar vorerst nicht zum geschätzten Lieferanten des Westens werden, aber China und Indien dürfte das nicht bekümmern. Sie werden sich an Rohstoffsanktionen des Westens nicht beteiligen, Indien plant eine große Pipeline. Iran wird deshalb, mit oder ohne Atomwaffen, einer der drei größten Gaslieferanten der Welt sein.

Doch wie kann Europa vom Reichtum der Kaspischen Region profitieren? Die Antwort kommt aus Österreich. Der OMV-Konzern hat sich mit mehreren südosteuropäischen Energiefirmen zusammengetan und eine Pipelinetrasse entworfen, die von der Türkei über Bulgarien, Rumänien und Ungarn nach Mitteleuropa verläuft. Das so genannte Nabucco-Projekt wird mit 4,6 Milliarden Euro wohl weniger kosten als die Ostseepipeline und kürzer sein als die Trassen aus Sibirien. Bereits im Bau ist eine Pipeline am südlichen Kaukasus von Aserbajdschan über Georgien in die Türkei. Daran ließen sich Iran und – in besseren Zeiten – auch der rohstoffreiche Irak anschließen. Das mag heute utopisch klingen, doch wer von dort in fünfzehn Jahren mit Gas beliefert werden will, muss heute Entscheidungen treffen. OMV verhandelt mit deutschen Energiefirmen über eine Beteiligung – bisher ohne greifbares Ergebnis.

Am meisten umworben von den Großmächten ist derzeit ein winziger Staat, das Erdgasemirat Qatar am Golf. Es verfügt über die drittgrößten Gasvorkommen der Welt. Amerikaner, Japaner, Franzosen arbeiten schon länger in der Hauptstadt Doha, Chinesen und Inder kommen hinzu. Die langen Wege vom Golf nach Amerika und Ostasien machen den teuren Flüssiggastransport rentabel. Dabei wird das Erdgas bei minus 160 Grad verflüssigt und sein Volumen verkleinert. So lässt es sich auf Tanker verladen. Im Zielhafen wird es in den Gaszustand zurückverwandelt. Flüssiggas macht den Rohstoff genauso flexibel wie Öl. Das ist attraktiv für Produzenten und Abnehmer zugleich, denn sie sind nicht über Jahrzehnte durch Pipelines aneinander gekettet. Fällt ein Lieferant aus, kann kurzfristig Gas bei anderen Produzenten gekauft werden. Bisher zeigte Deutschland daran kein Interesse, auch wegen der hohen Kosten. Doch nun hat sich der E.on-Konzern nach langem Nachdenken zum Bau eines Anlandeterminals für Flüssiggas in Wilhelmshaven durchgerungen. Weitere sollten folgen, damit Deutschland nicht nur auf starre Pipelines festgelegt bleibt.