101 und dem gleichnamigen Doppelalbum. Dave Gahan, der Sänger, in weißen Jeans, weißem Unterhemd und schwarzer Lederjacke. Ich war damals zarte fünfzehn und konnte mir nicht vorstellen, dass eine Band über einhundert Konzerte geben könne. Aber ich konnte mir damals so einiges nicht vorstellen. 101 hat sich mir eingebrannt, so wie dort sehen Depeche Mode in meiner Erinnerung seitdem aus, dieses einhunderterste Konzert der damaligen Welttournee ist das Depeche Mode Livedokument schlechthin, monumental, pathetisch, beinahe monolithisch. Und vor allem - das fällt beim Besuch der Color-Line-Arena achtzehn Jahre später auf - werbefrei.

Durch meinem Kopf geistern Ton- und Bildschnipsel des Depeche Mode-Konzertes im Pasadena Rose Bowl. 1988 war das, in den USA, und wurde damals dokumentiert in D.A. Pennebakers Konzertfilm

Depeche Mode spielen also in Hamburg. Soll man erwarten, überrascht zu werden? Beinahe jede Tour der Band ist auf DVD dokumentiert, auch die generellen Funktionsweisen solch monströser Tour-Unternehmungen durch die SAP-, Color Line-, LTU- und Siemens-Arenen dieser Welt - und die damit verbundenen beeindruckenden Konsummöglichkeiten - sind hinlänglich bekannt. Routine kann mal wohl erwarten in der Präsentation einiger älterer Hits und ein paar nicht ganz so guter neuer Songs. Ästhetisch hat sich bei Depeche Mode wenig geändert, seit Anton Corbijn vor 15 Jahren beinahe jede fotografische Dokumentation und die Gestaltung von Bühne und Videos übernahm. Und was die Band spielt, weiß man auch, weil sie die gesamte Tour über die gleiche Reihenfolge der Stücke beibehalten.

Das ist den meisten, die gekommen sind, natürlich vollkommen egal. Längst hat die Band ein Stadium erreicht, in dem jede Tour eine Greatest-Hits-Tour ist, der Besuch eines Konzertes eine nostalgische Reise in die Vergangenheit bietet. Sinngemäß: "Tonight we're gonna play some new songs ..." - Stille - "... and some old Songs." Jubel. Mütter und Väter mit Töchtern und Söhnen auf den Rängen, Depeche Mode eint einerseits die Generationen, funktioniert mehr noch aber als ein Symbol für die verlorene Zeit. Die drei Jungs von Depeche Mode - ein vierter, Alan Wilder, ging ja zwischendurch verloren - sind Teil der Familie.

Sehr plötzlich hat dann alles Theoretisieren, aller intellektueller Abstand ein Ende. Das Licht geht aus, Tausende Menschen springen auf und fangen an zu schreien. Ein harter Rhythmus durchfährt die Glieder, rote Lichtsäulen erglimmen, und Schatten huschen über die Bühne. Dann ein "Hello" , grelles Licht, eine sägende Gitarre, größenwahnsinnige Umarmungsgesten und wir sind drin, A Pain That I'm Used To eröffnet das Konzert. Die fünf Musiker verschwinden fast zwischen den sechs schief gehängten, bunt flimmernden Videoleinwänden im Hintergrund und den UFO-haften Konsolen, denen sie die Klänge entlocken, die man genau so von den Platten kennt. Allein Sänger Dave Gahan vollführt seinen dadaistischen Tanz im Vordergrund, gehockt laufend, wild springend, berauscht von der Menge, die ihn anstarrt. Songschreiber Martin Gore, als schwarzer Engel verkleidet, grinst ein bisschen neidisch rüber und vertieft sich wieder in seine sternförmige Gitarre.

Viele Songs des aktuellen Albums Playing The Angel spielt die Band zu Beginn, sieben insgesamt. Unterbrochen werden sie von Stimmungsaufhellern wie A Question of Time , Policy Of Truth und Walking In My Shoes . Immer wieder erwarte ich Gahans Ruf "Good Evening Pasadena" . Doch nicht einmal Hamburg bekommt einen guten Abend gewünscht, die Kommunikation beschränkt sich auf die Musik.

Zur Halbzeit des Auftritts nach rund einer Stunde sind die neuen Songs abgehandelt, einer Pflichtaufgabe gleich. Von da an geht es immer weiter zurück, Behind The Wheel , Personal Jesus , Enjoy The Silence in dichter Folge, Hit um Hit. Einer feinen Dramaturgie folgend hat Dave Gahan seinen Oberkörper mittlerweile entblößt und erinnert so ein bisschen an Iggy Pop, ein ausgemergelter, dürrer Körper, exzentrisch übertriebene aber kraftvolle Gesten, spitze Schreie. Depeche Mode spielen vier Songs von Violator , dem Album, das 1990 den großen Bruch ankündigte, den die Band dann irgendwie doch nicht vollzog, verdientermaßen nur vier aus den 15 enttäuschenden Jahren zwischen Violator und Playing the Angel . Der Rest ist von 1989 und davor. Just Can't Get Enough , Everything Counts und Never Let Me Down Again zum Beispiel, die Zugaben.