Die Ortstafeln fallen. Wann fallen wir?", so sang Tomaz Pengov, einer der populärsten slowenischen Liedermacher. Vor über dreißig Jahren war das. Pengov verband in diesen Zeilen seines Liedes die Bedrohung des Symbolischen, der zweisprachigen Ortstafeln in Südkärnten, mit jener der Menschen, der slowenischen Minderheit, die dort seit Jahrhunderten lebt. Deutschsprachige Österreicher haben wahrscheinlich niemals diesen Appell für ein friedfertiges Zusammenleben der beiden Bevölkerungsteile in Kärnten gehört. Aber sie hörten und sahen die Ereignisse, die das Lied beschreibt. Das waren die symbolischen Pogrome des Jahres 1972, als deutschsprachige Fundamentalisten von einem Dorf zum nächsten zogen und jede zweisprachige Ortstafel, die sie finden konnten, aus ihrer Halterung rissen. Ihr Hass richtete sich gegen alles, wodurch die kollektive Präsenz ihrer Mitbürger, der slowenischsprachigen Österreicher, bezeugt wurde. In wenigen Nächten eines unbehinderten Aufruhrs zerstörten damals diese Aufwiegler im Lärm ihrer chauvinistischen Parolen alle sichtbaren Zeichen des multiethnischen Charakters des Bundeslandes.

Wenn die europäischen Nationalstaaten heute ein gemeinsames Merkmal besitzen, so ist es aber gerade dieser multiethnische Charakter. In der Vergangenheit wurde das Zusammenleben der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen auf zwei Arten geregelt: durch die imperiale und durch die nationalistische Methode. Das imperiale Modell erlaubte den verschiedenen ethnischen Gruppen unter einer gemeinsamen administrativen Autorität noch ein gewisses Maß an Autonomie in kulturellen Angelegenheiten. Das nationalistische Modell, das es ablöste, billigte hingegen jenen ethnischen Gruppen, die sich von der Mehrheit unterscheiden, diese Rechte nicht mehr zu. Dieses neue Modell entwickelte sich zum Rückgrat des modernen Nationalstaates.

Seit je war in Europa die Angst vor dem Anderen der kleinste gemeinsame Nenner der gesellschaftlichen Integration. Während des Mittelalters wurde die islamische Kultur als das Andere empfunden. In den vergangenen Jahrzehnten waren es Osteuropa, die Slawen und der Balkan, die in Union mit der kommunistischen Ideologie die negative Rolle in jenem Prozess übernahmen, durch den die Grenzen zwischen "uns" und "ihnen", zwischen "heimatlich" und "fremd" definiert werden.

Im Unterschied zu einem Imperium ist der Nationalstaat in der Regel stets eine Maschine zur ethnischen Homogenisierung gewesen. Die dominante Ideologie durfte niemals etwas anderes sein als die Ideologie der dominanten ethnischen Gruppe, also der Nationalismus. Er hob die Idee der nationalen Einheit und Konformität über alle anderen Loyalitäten. Der Nationalismus sieht in der Kultur der dominanten ethnischen Gruppe das überlegene öffentliche Gut. Allen jenen, die ihr nicht angehören, offerierten die nationalistischen politischen Eliten lediglich zwei Alternativen: Assimilation oder schlimmstenfalls die Auslöschung.

Die romantische Vorstellung, in der Sprache die Wiege einer nicht weiter beschreibbaren nationalen Wesenhaftigkeit zu sehen, kommt dem nationalistischen Projekt dabei zu Hilfe. Die neuen Nationalstaaten, die in Europa nach dem Ersten Weltkrieg entstanden, unterwarfen die gesamte Öffentlichkeit – staatliche Verwaltung, Erziehung und kulturelles Leben – den jeweiligen Normen der dominanten Bevölkerungsgruppe. Der Prozess einer vollkommenen Durchdringung von Staat und Gesellschaft mit nationalistischen Werten schuf autokratische und diktatorische Regimes. Diese neigten dazu, alle Symbole, die auf die Anwesenheit ethnischer Minderheiten hinwiesen, möglichst einzuschränken, wenn nicht gar ganz auszulöschen.

Mitunter führte diese Praxis auch zu einer tatsächlichen physischen Ausrottung. Man rufe sich nur die ethnischen Säuberungen auf dem Balkan in Erinnerung: Die serbischen und kroatischen Bemühungen, alle Anzeichen muslimischer Präsenz in Bosnien zu entfernen, ebneten dem Versuch, die ganze Bevölkerungsgruppe auszurotten, den Weg. Generell geht einem Völkermord immer ein Kulturmord voraus.