In jeder ordentlichen Rede zum Kummer der Nation tauchen seit einigen Jahren zwei diffuse Bedrohungen auf – die Globalisierung und die "demografische Entwicklung", vulgo: der Kindermangel unserer Gesellschaft. Die Bedrängung durch Billiglöhne anderswo mag uns Furcht einflößen – aber weil sie so schicksalhaft von außen über uns kommt, lässt sich die Globalisierung im Alltag einigermaßen verdrängen. Man kann ja ohnehin nichts dagegen tun.

Anders bei der Geburtenkrise in Deutschland. Die Kinder, die uns später zu Weihnachten nicht besuchen werden, haben wir nicht bekommen. Die Alten, die einen dreißigjährigen Ruhestand mit Geschichtsseminaren oder Schrebergartenpflege herumbringen müssen, werden wir sein.

Die Erkenntnis, dass eine kinderlose Gesellschaft grau und deprimierend anmutet, ist Talkshow-Allgemeingut. Selbst jene Kinderlosen dürften sie teilen, denen die Familienfanfaren inzwischen gewaltig auf die Nerven gehen. Und so leben wir mit einer eigenartigen Schizophrenie: Alle wollen Kinder und nennen in jedweder Umfrage "Familie" als höchstes Lebensziel. Zugleich aber steigt ausgerechnet die Mittelschicht geradezu massenhaft aus diesem Lebenskonzept aus. Statistisch ist es unbestreitbar: Die sozial Schwächeren bekommen nach wie vor Kinder; die Stärkeren, die es durch ihre Bildung und ihr Einkommen oft leichter hätten, ihrem Nachwuchs gute Startchancen zu geben, halten sich zurück.

Dafür gibt es überzeugende und weniger überzeugende Begründungen. Gebildete Frauen wollen nicht länger um jeden Preis einen Mann; und offenbar gehört es für, sagen wir: junge Zahnärzte oder Rechtsanwälte nicht mehr zwingend zur Vorstellung von Bürgerlichkeit, mit einer Familie aufwarten zu können. Frühere Generationen von Familienpolitikern hätten diesen differenzierten Befund nicht zur Kenntnis genommen oder mit Standardlösungen darauf reagiert: mehr Kindergeld, mehr Kindergartenplätze. Sozialpolitisch sympathische Lösungen, durchaus – nur wirksam waren sie nicht. Deshalb ist es so erfreulich, dass die neuen familienpolitischen Akteure den Mut zum Paradigmenwechsel gefunden haben. Nur so kann der trübsinnige Anti-Kinder-Trend in unserer Gesellschaft – vielleicht! – gewendet werden. Wir brauchen mehr engagierte, leistungsfähige, vorbildhafte Eltern. Es ist sinnvoll, zielgenau gegen die Kinderlosigkeit der akademischen Mittelschicht zu werben und dabei zusätzliche Arbeitsplätze in privaten Haushalten zu schaffen.

Natürlich könnte die neue Familienministerin Ursula von der Leyen es auch beim (kostengünstigen) Appell an junge Berufstätige belassen: Im Interesse der Rentenkasse, pflanzt euch fort! Doch wie ihre Vorgängerin Renate Schmidt glaubt von der Leyen nicht an die Wirksamkeit solcher Appelle. Also wird in der Großen Koalition nicht moralisch gewertet, sondern pragmatisch geprüft: Welche Schwierigkeiten hindern die beruflich eingespannten, zögernden und zaudernden Eltern in spe an einer Entscheidung fürs Kind? "Wir müssen uns zwei Dinge klarmachen", sagt Ursula von der Leyen. "Erstens: Frauen in Deutschland sind beim ersten Kind im Durchschnitt 30 Jahre alt. Und zweitens: Über 95 Prozent der 30-jährigen Frauen sind berufstätig." Für diese Frauen werde es künftig nicht mehr um die Frage gehen, ob sie arbeiteten, sondern darum, ob sie trotz ihrer Erwerbstätigkeit Kinder bekämen.

Dementsprechend hat das Kabinett vor zwei Wochen in Genshagen zwei wichtige Instrumente beschlossen: das "Elterngeld", das vom 1. Januar 2007 an bis zu einer Höhe von 1800 Euro monatlich gezahlt werden soll; und eine bessere steuerliche Absetzbarkeit der externen Kinderbetreuungskosten. Konnte ein berufstätiges Paar bisher maximal 1500 Euro im Jahr für Hort, Kindertagesstätte oder Tagesmutter steuermindernd geltend machen, sind es nach den aktuellen Plänen jetzt bis zu 4000 Euro. Beide Regelungen nützen normal bis gut verdienenden Eltern, die einen hohen Verdienstausfall erstattet bekommen und reichlich Steuern sparen. Und sie fördern berufstätige Paare – die Kinderbetreuungskosten werden nämlich als "Aufwendungskosten zur Erwerbstätigkeit" betrachtet, als Werbungskosten also, die bei Nichterwerbstätigen nicht anfallen.

Die Konzentration der Regierung auf Elterngeld und Betreuungskosten wird zur ersten Kraftprobe für die Große Koalition. Denn Kritiker finden sich nicht nur in den Oppositionsparteien und einigen Sozial- und Familienverbänden, sondern auch in den Regierungsfraktionen selbst. Es geht in der Debatte um zwei grundsätzliche Einwände, die mit der traditionellen familienpolitischen Ausrichtung von Union und SPD zu tun haben, und um eine in erster Linie technische Kritik. Der eher "linke" Grundeinwand zielt auf Gerechtigkeit: Ist es legitim, Besserverdienende, die sich doch selbst helfen können sollten, überproportional zu "fördern"? Der konservative Einwand richtet sich gegen die vermeintliche Diskriminierung der traditionellen Ein-Verdiener-Ehe: Warum, fragen manche CDU-Politiker, sollen Paare qua Steuerrecht geradezu in die Doppelberufstätigkeit gedrängt werden, wenn sie ihr Leben gern anders einrichten würden? Dieses Argument ist allerdings schwer aufrechtzuerhalten, wenn man, wie die Regierung, davon ausgeht, dass die Betreuungskosten Folge einer (weiblichen) Berufstätigkeit sind, die unausweichlich steigen wird.

Der technische Einwand schließlich wird von CSU bis SPD erhoben und nimmt die schlecht verdienenden Alleinerziehenden in Schutz. Die werden durch die Neuregelung bei den Betreuungskosten tatsächlich benachteiligt. Durch Veränderungen bei den "Sockelbeträgen", also jenen Summen, die die Eltern auch heute schon für Kindergarten oder Tagesmutter allein aufbringen müssen, bevor die Förderung greift, kommt es für einige von ihnen zu finanziellen Einbußen. Diese liegen zwar nach Berechnungen des Familienministeriums bei weniger als zehn Euro im Monat, aber es wäre trotzdem klug von der Ministerin, sich gegen die Verschlechterung zu stemmen. Dann könnte Ursula von der Leyen in der Gerechtigkeitsfrage umso offensiver argumentieren. Sie könnte sagen, dass es keinesfalls die einzige Aufgabe von Familienpolitik ist, für sozialen Ausgleich zu sorgen. Und dass es richtig sein kann, bestimmte Gruppen mit einer bestimmten Absicht eine Zeit lang zu begünstigen. Langfristig ist der Erfolg der Maßstab für die neue Ausrichtung der Familienpolitik. Fällt es Frauen mit guter Ausbildung leichter, sich für Kinder zu entscheiden, weil ihnen die Organisation von Familie und Beruf weniger kompliziert erscheint? Ändert sich das gesellschaftliche Leitbild – weg von der harten Alternative "Mutter" oder "Berufstätige" hin zu "Berufstätigen mit Kindern" oder "Eltern mit Beruf"?