Witebsk im Nordosten Weißrusslands ist heute ein ziemlich abgelegener Ort, von dem die Welt wenig weiß. 350000 Menschen leben hier, in einer der größten Städte jenes Landes Belarus, das unter dem Regime des Autokraten Alexander Lukaschenko leidet und vom Westen seltsam vergessen scheint. Marc Chagall: "Das blaue Haus" (1920) BILD

Doch dieses Witebsk ist zugleich eine Metropole – eine Hauptstadt der europäischen Kulturgeschichte. Denn hier fanden sich zwischen 1917 und 1922 in einem Laboratorium von geradezu ekstatischer Produktivität etliche Genies der Epoche: Marc Chagall, El Lissitzky, Kasimir Malewitsch. Hier wurden Bilder produziert, von deren Zauber die Welt bis heute zehrt und vor deren Radikalität sie einst zusammenzuckte. Chagalls dunkel leuchtende Szenen aus dem jüdischen Schtetl, Lissitzkys Plakat Schlagt die Weißen mit dem roten Keil von 1920 und die von Malewitsch gestalteten Buchumschläge gehören zum ikonografischen Inventar des 20. Jahrhunderts.

Vor allem Chagall, der am 6. Juli 1887 in Liosno bei Witebsk geboren wurde und dort bis zu seiner Emigration im Jahre 1922 zu Hause war, hat das Bild der Heimatstadt in die Welt hinausgetragen und zu einem Ort gemacht, der uns allen, wenn der Name fällt, unbestimmt vor Augen schwebt. Sein Witebsk kann man besichtigen in den Galerien von Basel, Chicago, New York, London und Paris, und die Farben seiner Heimat leuchten uns entgegen von der Decke des Palais Garnier in Paris, in der Metropolitan Opera in New York, aus den Glasfenstern, die er für Kirchen und Synagogen in Mainz und Metz, Zürich und Jerusalem geschaffen hat.

Durch Chagalls Gemälde hindurch blicken wir in Stuben mit dem warmen Licht des Sabbatabends, mit der Pendeluhr an der Wand, den Leuchtern auf dem Tisch. Es entrollt sich der Lebenszyklus zwischen Geburt, Beschneidung, Hochzeit und Tod. Wir treffen auf das Personal, das die Gassen und Märkte des Schtetl bevölkerte: alte Juden, aufspielende Musikanten, Wasserträger und Heringshändler, Heiratsvermittler und Soldaten. Das Theater der Hinterhöfe zeigt drastische Szenen, Harlekine haben vor schneebedeckten Hütten ihren Auftritt, auf den Ladenschildern entziffern wir kyrillische Schriftzüge. Im Himmel über Paris fliegen Liebespaare, üppige Hähne, muntere Ziegen und Kühe mit leuchtenden Augen. Chagalls biblische Bilder sind bevölkert von Gestalten aus dem weißrussisch-litauischen Grenzgebiet, und auf seinen Golgatha-Darstellungen erkennen wir auch den Mob der Pogrome, die das Zarenreich in seiner Endphase erschütterten.

Und immer wieder ist da die Silhouette der Stadt – einer mehr als tausendjährigen Stadt, deren Gründung der Legende nach auf einen Besuch der Großfürstin Olga im Jahre 974 zurückgeht. Die Lage an der Stelle, wo sich der Oberlauf der Düna und der des Dnjepr nähern, war von großem Vorteil. Hier verlief der Handelsweg "von den Warägern zu den Griechen", zwischen Ostsee und Schwarzem Meer, hier kreuzten sich die Routen, die von Smolensk nach Westen führten, mit denen nach Kiew und Lemberg. Immer wieder zogen Kaufleute und Armeen durch das "große Völkertor". Im 12. Jahrhundert selbstständiges Teilfürstentum, kam Witebsk im 14.Jahrhundert zu Litauen und nach der Lubliner Union 1569 zur Rzeczpospolita. Witebsk lag nun im umkämpften Grenzland zwischen Polen und dem Moskauer Reich.

Eine Arche Noah in den Wirren des Bürgerkriegs

Nach der polnischen Teilung von 1772 fiel die Stadt an Russland und wurde 1802 Sitz eines Gouverneurs. 1812 zog Napoleons Grande Armée durch ihre Straßen, im Ersten Weltkrieg war sie zeitweise von deutschen Truppen besetzt.