Ich hatte ans Meer gewollt, ich hatte bei der zuständigen Kollegin gefragt, ob mal wieder ein Testauto frei wäre, es war von einem Pick-up die Rede gewesen, Nissan Navara, das hatte gut geklungen, nach frischer Luft, nach Gummistiefeln, vielleicht sogar nach Pferden. Ein Pick-up also. Das hatte mich überrascht, denn manchmal kommt es mir so vor, als ob es eine lose Korrelation gäbe, zwischen dem Modell, das einem zugewiesen wird, und der Position in der Hierarchie der Zeitung. BILD

Dann sah ich das Auto. Es ragte eine halbe Autolänge hinten aus dem Parkplatz, unübersehbar, fett, amerikanisch. Ich brauchte 25 Schritte, es zu umrunden. Die Fahrerkabine war so groß wie die eines normalen Autos, zwei Sitze vorn plus Rücksitz – nur dass sich dahinter noch eine meterlange Ladefläche anschloss, die mit einem kastenförmigen, fensterlosen Aufsatz abgedeckt war, wie man ihn von Leichenwagen kennt. Das gab meinem Wagen etwas Trauriges.

Schon auf dem Weg aus dem Parkhaus sah ich, dass der Parkwächter, der in seinem Beruf sicher schon einiges gesehen hat, dem Auto hinterherschaute.

Ich fuhr in Richtung Prenzlauer Berg, vier Kilometer. Als ich kurz an einem Imbissstand anhielt, blieben zwei Jugendliche mit offenem Mund stehen und sagten: "Was ist denn das für ein Riesenbaby?" Das sollte noch die netteste Reaktion bleiben.

Natürlich kann man das nicht nur dem Auto vorwerfen. Es gibt Situationen, da hätte sich das Auto von selbst erklärt, auf einem Pferdegestüt in Niedersachsen oder in Downtown LA. Man kann sich auch Fahrertypen vorstellen, mit denen das Auto eine andere Wechselwirkung gehabt hätte als mit mir, mit einer Bande cruisender Millionärstöcher aus Kalifornien, die betrunken vom Nachtschwimmen kommen, zum Beispiel, oder mit einem grau melierten Tierarzt mit blutverschmierter Gummischürze und neugeborenem Lämmchen im Arm. Stattdessen saß ich da.

Manchmal, wenn Dinge – Auto und Fahrer; Mann und Frau; Text und Bild – nicht zusammenpassen, ergeben sich daraus Dissonanzen, eine kleine Lücke, die durch eine Fantasie des Betrachters überbrückt werden muss. Das Gehirn produziert dann zur Erklärung schnell eine Geschichte, die von A nach B führt. Manche Kombinationen erzeugen gute Geschichten, die den Fahrer toll oder lässig erscheinen lassen. Die Kombination Pick-up/urbane Mittdreißigerin produzierte im Kopf der Betrachter folgende Assoziation: "Sie impotenter Kotzbrocken!" (Zuruf zweier kleiner Mädchen an der Ampel.) Später bot überraschend ein junger Mann an, mir beim Einparken zu helfen. Er winkte mich heran, ließ mich die Scheibe runterkurbeln, und dann sagte er ganz leise und kalt: "Schon mal was von Kyoto gehört?" Das alles passierte auf der kurzen Heimfahrt aus der Redaktion.

Ich versuchte, die negative Energie weiterzugeben. Anruf bei Nissan Deutschland, was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht – schon mal was von Kyoto gehört?