Abseits der Rue Antoine Dansaert, über die der Verkehr rauscht, liegt die kleine Rue d’Alost, Fußgänger kennen sie nicht, doch die Madame am Kiosk weiß Bescheid. Sie weist den Weg zu einem hohen Backsteingebäude mit einem fast mediterranen Innenhof. Hier hat Cathy Pill ihr lichtes Atelier. Unzählige Fädchen überziehen den Boden, auf den Schneiderpuppen ist weiße Gaze drapiert. Und hinter einem großen Schreibtisch, verdeckt vom Computermonitor, sitzt Cathy Pill. Die 24-jährige Modedesignerin wirkt wie eines ihrer Modelle. Schlank, das dunkle Haar um die Schultern verweht, die Augen umschattet. Fast rund um die Uhr arbeitet sie derzeit an den Entwürfen für die neue Frühjahr/Sommer-Kollektion, die sie in Paris vorstellen wird. Blink nennt sie diese, ein Augenzwinkern, wobei ihre Lider kräftig zucken. Nein, wehrt sie ab, keine untermalende Werbestrategie, sondern Resultat der Nachtschichten. Hier kreiert Christophe Coppens Hüte BILD

Vergangenes Jahr haben Cathy Pills grafische Muster die Aufmerksamkeit des Hauses Yves Saint Laurent erregt. Man bescheinigte der jungen Dame, die an der renommierten Brüssler Modeschule La Cambre studierte, die gekonnte Linienführung eines Architekten. Inzwischen wird ihre Kollektion nicht nur in Belgien, sondern in Japan, Österreich und Kuwait verkauft. Klassik mit Pfiff, so wird ihre Arbeit dort beschrieben. Das "kleine Schwarze" hat ein kühnes, aufwärtsstrebendes Zackenmuster. Weiße Hosenanzüge belebt sie mit schwarzen Buchstaben, die die Trägerin in eine Textseite der Vogue verwandeln. Und die fessellangen Kleider? Sie zeigen farbige Drucke, die an die zarten Glasmalereien des Jugendstils erinnern und die Damen aussehen lassen wie die Schönen auf den Bildern von Gustav Klimt. "Brüssels Architektur inspiriert mich", sagt Cathy Pill und blickt hinaus auf die Fassaden, "die Ornamente des Art nouveau finden sich als durchgängiges Motiv in meinen Arbeiten wieder."

Für ihre erste Kollektion wurde Cathy Pill im vergangenen Jahr von Modo Bruxellae mit einem Preis ausgezeichnet. Seit 1994 unterstützt die Organisation junge Designer, um Brüssel als Modestadt zu etablieren. Textilien haben hier eine fast 1000-jährige Tradition. Daran wird angeknüpft. 2006 steht ganz Brüssel unter dem Jahresthema Mode und Design, mit Ausstellungen, Schauen und Stadtrundgängen. Denn die Stadt der Schokolade, Brüsseler Spitzen und des Europaparlaments hat sich – bisher nahezu unbemerkt – hinentwickelt zur City der Kreativen.

Mode aus Brüssel? Viele kennen zwar Marken wie Donaldson mit ihren aufwändigen Maus-Stickereien und die sportliche Kleidung von River Wood, doch die wenigsten wissen, dass diese Label aus Brüssel stammen. Auch im Möbeldesign agieren die Brüsseler inzwischen international. Sie entwerfen Luxuskarossen für Lamborghini, Koffer für Samsonite und Tische, die der populäre italienische Produzent Driade herstellt. Zum Beispiel die von Xavier Lust, der belgischen Antwort auf Philippe Starck. Lust mietete schon Anfang der neunziger Jahre ein Atelier in Brüssel und war damit Vorreiter für einen neuen Trend. Die Absolventen der Mode- und Kunsthochschulen wie La Cambre oder St. Luc verlassen die Stadt nicht mehr, sie bleiben.

Ein Mekka für das neue Design ist das Dansaert-Viertel geworden, ein gemütlicher Stadtteil mit knorrigen Platanen, Kopfsteinpflasterstraßen und Frühstückscafés, in denen man an langen Tischen bei heißer Schokolade und duftenden Landbroten zusammensitzt. Hauptschlagader ist die Rue Antoine Dansaert, ein Boulevard mit fünfstöckigen Häusern, unzerstörten Fassaden und breiten Schaufenstern, die die edle schwarz-weiße Couture der Belgierin Annemie Verbeke ausstellen oder den an die Farbenpracht eines Gemüsemarktes erinnernden Ethnomix von Olivier Strelli.

Eines der kreativsten Hut-Ateliers in Europa aber thront am Place du Nouveau Marché aux Grains, dem glanzvollen Mittelpunkt des Viertels. Christophe Coppens’ Räume sind groß wie eine Bühne. Eine, auf der er sich selbst inszeniert. Der Meister mal als Jüngling mit weißen Kniebundhosen oder als neckische Braut in Spitze und mit Blumenkranz im Haar – auf Postkarten hat er sich für die Kundschaft verewigt. In natura ist Coppens ein schlanker, großer Enddreißiger, sportlich in Lederjacke und Jeans, und ein absoluter Perfektionist. "Ich bin ein Kontrollmensch", gesteht er fast entschuldigend, als man ihn bittet, von ihm ein Foto machen zu dürfen. "Meine Arbeit ist mein bestes Porträt." Statt Ascot-reifen Wagenrädern gibt es bunte Fugger-Kappen, die an die provokativen Bilder der britischen Pop-Art-Künstlerin Tracey Emin erinnern, oder gepunktete Hüte, die aussehen, als hätte sie Audrey Hepburn gerade zur Seite gelegt. Auch die passenden Handschuhe gibt es. Mit Spitzen bedruckt, mit Spielkarten- oder einem Rosa-Schleifchen-Motiv versehen. Perfekt, um ein silbernes Feuerzeug aufzuklappen und ein Zigarillo zu entflammen.