Ein Skitag in Telluride beginnt manchmal noch genau wie vor 100 Jahren ein Arbeitstag in den Minencamps der winterlichen Rocky Mountains: Man tritt hinaus in die dünne Luft des Hochgebirges, schaut misstrauisch auf das Außenthermometer, das trotz Sonnenschein 50 Grad unter null anzeigt, und spuckt prüfend in den Schnee. So machte es schon der Goldschürfer in Jack Londons Erzählung To Build a Fire: "Er wusste, dass Spucke bei fünfzig Grad Minus im Schnee knisterte, aber jetzt hatte sie schon in der Luft geknistert." Dieses Geräusch signalisiert dem europäischen Skitouristen, dass er die Welt des Schmerzes betritt, die legendäre nordamerikanische Wildnis, wo bärtige Jack-London-Typen ihren einsamen Kampf gegen sich selbst ausfechten. 

Sonnencreme gibt es in Telluride aus dem Plastikfass. Wie Mayonnaise

Winter in Telluride ist mehr als eine Jahreszeit – ein metaphysischer Zustand, der selbst Gore-Tex-gepanzerte Großstadtmenschen ergreift, sobald sie die Schlucht am äußersten Rand des Colorado Mineral Belt erreichen. Dann blicken sie fröstelnd hinauf zu den steilen, menschenleeren Pisten oberhalb des historischen Western-Städtchens, das Ende des 19. Jahrhunderts für seine reichen Erzvorkommen berühmt und für seine zahllosen Bordelle berüchtigt war. Telluride liegt in einem schattigen Flusstal der San Juan Mountains, der schroffsten, unwegsamsten Bergkette der Rockies – durchzogen von den Passstraßen der Goldgräberzeit, beherrscht von den Ruinen des Minenbooms. Nirgendwo sieht man den Zusammenhang zwischen Amerikas imposanter Landschaft und seiner abenteuerlichen Historie deutlicher als hier, sieben Autostunden südwestlich von Denver: die verfallene Hütte auf der Marlboro-Wiese, die Elche am Waldrand, eine vergessene Bergwerkslore und dazu die rostroten Felswände aus den Hollywood-Western, überragt von einer endlosen Reihe schneebedeckter Gipfel.

2637 Meter hoch liegt das alte Telluride, 2905 Meter das moderne Mountain Village mit seinen Hotels, Apartments, Chalets, und darüber erst beginnt das imposante Skidorado, ein noch kaum ausgebeuteter Claim für sportliche Fahrer. "Unsere Pisten", sagt Captain Jack Carey zur Begrüßung am ersten Morgen, "sind fast so gefährlich wie früher ein Marsch nach Klondike." Der Rentner mit dem langen eisgrauen Trapperbart steht im Schnee oberhalb der Millions-Abfahrt wie ein Kapitän an der Reling seines Schiffes. Unter sich das brodelnde Meer der San Juans, vor sich das elektrisierende Blau des Himmels. Er erklärt, dass der Name Telluride sich von to hell you ride herleite: "Fahr zur Hölle!" Vielleicht ist das der Grund, warum außer uns keine Menschenseele hier heraufkommt. Geschlagene zehn Minuten schweben die leeren Gondeln vorbei und singen ihr Klagelied zum Knirschen der Seilwinden. Während der alte Mann spricht, verwandelt sich seine Atemluft in ein Kälteknistern.

"Captain" Jack, der seinen fiktiven Dienstgrad als eine Art Kriegsnamen trägt, ist ehrenamtlicher Fremdenführer. Er treibt den Adrenalinpegel seiner Gäste gern auf das ortsübliche Maximum, indem er sie zum höchsten Punkt des Skigebietes bringt. 3736 Meter. Das ist höher als Aspen, Vail, Breckenridge, Beaver Creek – all die gepriesenen Winterparadiese Colorados. Auf dem eisverkrusteten Wegweiser mit der Aufschrift "Millions" sieht man zwei schwarze Diamanten, dazu ein "EX" für "extreme terrain", eine Pistenkategorie, die es in Europa nicht gibt und die selbst in Amerika nur selten vorkommt. Zufrieden lächelnd sagt Captain Jack, Tellurides sechs (!) doppelt schwarze EX-Hänge seien so abschüssig, dass die Pistenbullis mit Stahltrossen gesichert werden müssten. Wenn man es schaffe, im Hang anzuhalten, könne man mit dem abgewinkelten Ellbogen die Schneeoberfläche berühren. Irgendein Flachlandjournalist hat Telluride zwar mal als "Aspen der San Juan Mountains" bezeichnet. Wer jedoch beide Gebiete kennt, der nennt Aspen – das "Sankt Moritz der USA" – allenfalls ein Telluride für Warmduscher. "Die schwarzen Pisten dort", sagt der Captain verächtlich, "würden bei uns höchstens als doppelt blau durchgehen."

Lediglich einen Skipass bekommt er dafür, dass er seine nie erlahmende Liebe zur Telski Area mit Fremden teilt. So funktioniert sanfter Tourismus nach Trapperart: Der Gast freut sich, dass er einen kostenlosen Guide bekommt, und der Guide freut sich, dass er kostenlos Ski fahren darf. Von diesem Win-win-System profitieren auch viele ortsansässige Ski-Bums, Schneesüchtige, die dem bürgerlichen Trott zugunsten eines reinen Skifahrerlebens entsagt haben – und fast alle von erstaunlicher Bärtigkeit sind, wie wir bei einer Pause in der Gorrono Ranch feststellen. Hier treffen sich die typischen Tellurider, die Frühaufsteher, Bäumeausreißer, Käuze. Auch wir europäischen Gelegenheitsskihelden, die wir an den grob gezimmerten Holztischen sitzen und unser Chili con Carne löffeln, sind schon nach einem halben Tag beinahe so wettergegerbt wie die einheimischen Skiwölfe. Zwinkernd weisen sie uns auf ein Plastikfass hin, aus dem man kostenlos Sonnencreme zapfen kann. "Nicht zu verwechseln mit der Mayonnaise!" Während wir unsere glühenden Gesichter für die nächsten Runs präparieren, verkündet einer von Jacks Freunden, dass die Außentemperatur auf angenehme minus 22 Grad Fahrenheit gestiegen sei, das entspricht minus 30 Grad Celsius.