Schöbe man diese beiden Partituren in einen Röntgenapparat und spritzte der einen etwas mehr, der anderen etwas weniger Kontrastmittel, man hielte alsbald zwei atemberaubend ähnliche Bilder in Händen. Europäische Bilder aus den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts, die die heraufziehende zeitgeschichtliche Katastrophe mit weißen Flecken antizipieren, mit den Leerstellen des panischen Erschreckens und Sich-Fürchtens. Von fast notengetreuen Bach-Zitaten über die Vierteiligkeit bis hin zum programmatischen Spiel mit leeren Saiten: Materialweise scheinen die Violinkonzerte von Alban Berg (1935) und Igor Strawinsky (1931) tatsächlich aus ein und demselben Stoff gemacht (DG 4763069). Als hätte es in der Luft gelegen, den Blick so konsequent nach hinten zu richten. Als wäre dort ein spätes, letztes Heil zu erhoffen gewesen. Und doch können zwei Stücke kaum unterschiedlicher sein. Das Berg-Konzert: Bekenntnis und doppeltes Requiem (es ist Bergs letzte vollendete Komposition und meint in ihrem legendären Untertitel – Dem Andenken eines Engels – Manon Gropius, die mit 18 Jahren an Kinderlähmung gestorbene Tochter Alma Mahlers und Walter Gropius’), Auftragswerk, dramatische Gesangsszene und erstes zwölftöniges Violinkonzert überhaupt. Strawinsky hingegen: die Überzeichnung, Überzüchtung, ja Karikatur eines barocken Teufelsgeigers in all seinen Facetten, eine Art Daumenkino der Masken und Fratzen, Inbegriff des viel geschmähten "Neoklassizismus".

Was aus dieser Gegenüberstellung zu lernen ist? Dass Differenzen immer spannender sind als Gemeinsamkeiten. Und dass das Material alleine noch keine Musik macht. Dabei fallen der Geiger Kolja Blacher und der Dirigent Claudio Abbado ihrer schönen Idee in diesem Live-Mitschnitt aus dem Theater von Ferrara ein Stück weit selbst zum Opfer. Denn wo ihrer Lesart des Berg-Konzerts bisweilen das Gläserne, Engelsgleiche, bereits Gestorbene fehlt, da vermisst man bei Strawinsky doch die letzte ätzende Bosheit, das lose Mundwerk dieses Komponisten, seinen bildungssatten Hohn und Spott. So gestenreich Blacher auch spielt, so farbenfroh, ja mannasüß das Mahler Chamber Orchestra kontert – es ist, als bewegten sich beide Werke wie magisch aufeinander zu, ja als lägen sie einander zum guten Schluss peinlich berührt in den Armen.