Als Herbert von Karajan starb, wurden schwere Trauersträuße gebunden. Sechzehn Jahre ist das her. Unheimlich schnell verflog der glanzvolle Schatten des Supermaestros, patiniert wirken heute die Sargreden der Feuilletonisten. Einer aber hat damals anders auf den Überflieger geblickt.

Machtausübung, schrieb Hanjo Kesting, sei in so unumschränkter Form heute kaum irgendwo anzutreffen. Nicht in den Interpretationen erweise sich Karajans epochale Rolle, sondern in der Verschmelzung von Kunst und Kommerz.

Nachzulesen ist der hellsichtige Text, der für NDR und ZEIT entstand, jetzt im Sammelband Abschiedsmusik. Hanjo Kesting leitet seit 1973 die Redaktion Kulturelles Wort beim NDR und hat so viele Größen final gewürdigt, dass eine kleine Kulturgeschichte der zweiten Jahrhunderthälfte daraus wird. Freilich eine fokussierte: Den Musikern und den Dichtern gilt Kestings Interesse.

Letzteren kam er auch persönlich oft nahe. Sein durchschauender Blick weckt auch Unsicherheit, erinnert sich Kesting an Elias Canetti. Man spüre da kristalline Härte als Resultat einer durch Ehrgeiz veredelten Selbstsucht. Es ist zum Frösteln. Mit großer Wärme dagegen erfüllt ihn Erich Fried. Wie der Journalist im Lauf der Jahre dem Dichter immer näher kommt, , wie hinter dem politischen Poeten ein Dichter der Liebe deutlich wird, das ist ein Stück Leben, dessen Hoffnungslust ansteckend wirkt. Gregor von Rezzori, in Deutschland als Unterhaltungsliterat unterschätzt, blüht bei Kesting in faszinierenden Farben auf als Epochenverschlepper, als Epiphanie des Balkans. Eine Schwäche zeigen die Nachrufe: Dem Unverwechselbaren des Musikmachens selbst kommt Kesting selten wirklich nah, es sind die unmusikalischen Seiten des Buchs, die am spannendsten sind.

Hanjo Kesting: Abschiedsmusik

Wehrhahn Verlag, Hannover 2005 - 319 S., 18 e