DIE ZEIT: Wir feiern 2006 das Mozartjahr, das Freud-Jahr, das Jahr der Fußball-WM und des Neandertalers. Nun kommen Sie uns auch noch mit dem Informatikjahr. Wozu brauchen wir das? Vorstandschef Kagermann hat gut lachen: Für SAP wird 2006 wohl nicht das erste erfolgreiche Informatikjahr BILD

Henning Kagermann: Zunächst möchte ich klarstellen: Das Informatikjahr wird von der Bundesregierung veranstaltet. Aber SAP unterstützt das. Denn wenn wir Mozart oder den Neandertaler feiern, ist das eher rückwärts gewandt. In der Informationstechnik geht es um die Zukunft Deutschlands. Sie bestimmt unser tägliches Leben, auch wenn wir es kaum mehr bemerken. Da ist es gut, der Bevölkerung die große Bedeutung des Fachs klarzumachen.

ZEIT: Ist das notwendig? Jede neue Digitalkamera findet doch die Aufmerksamkeit der Medien.

Kagermann: Sicher. Neue Unterhaltungselektronik, große Bildschirme – darüber wird stets ausführlich berichtet. Aber für die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands sind solche Produkte nicht mehr ausschlaggebend. Neue Geräte werden heute weitgehend in Asien produziert und in den USA vermarktet. Da nützt es auch nichts, wenn wir Weltmeister im SMS-Verschicken werden. Wir sind nur Konsumenten, aber keine Produzenten. Daher möchten wir mit dem Informatikjahr verdeutlichen, dass wir in Deutschland eine riesige Chance verpassen, wenn es nicht gelingt, uns in dieser Disziplin – zumindest in einigen Bereichen – wieder an die Spitze zu setzen.

ZEIT: Was müsste dazu getan werden?

Kagermann: Die EU-Kommission in Brüssel setzt auf zwei Felder: Software und IT-Services. Was die Serviceleistungen angeht, bin ich skeptisch. Denn unsere Gehälter sind viel zu hoch, als dass wir etwa mit Indien konkurrieren könnten. Bei Software ist das anders. In diesem Bereich kann man auch mit hoch bezahlten Kräften wettbewerbsfähig sein, das sieht man etwa am Silicon Valley. Denn während die Hardware immer billiger wird, nimmt der Wert von Software zu. Sie bestimmt immer mehr, ob ein Produkt für einen Kunden interessant wird. Daher würde ich empfehlen, in Deutschland mehr in Software zu investieren.

ZEIT: Was erhoffen Sie sich in diesem Zusammenhang vom Informatikjahr?

Kagermann: Wir hoffen, dass es nicht bei einem Jahr bleibt, sondern dass wir eine Agenda bekommen, die auch zu messbaren Erfolgen führt. Das beginnt in der Ausbildung und endet im öffentlichen Bereich. Warum setzt sich die Bundesregierung nicht an die Spitze, wenn es um bessere Verwaltungs-IT geht? Oder nehmen Sie die Gesundheitskarte, die seit mehreren Jahren diskutiert wird, bislang ohne Ergebnis.

ZEIT: Wenn man Ihnen zuhört, könnte man glauben, das Informatikjahr richtet sich vor allem an Politiker.

Kagermann: Es richtet sich an die ganze Gesellschaft. Wir müssen bewusst machen, dass Informatik die Wettbewerbsfähigkeit nahezu aller Branchen berührt. Wir müssen mehr hoch qualifizierte Arbeitsplätze nach Deutschland ziehen. Und da ist Informationstechnologie ganz entscheidend.