Und wieder kommt die Zeit der großen Spiele.
Sieh, unsre Söldner jagen übers Grün.
In jeder Kneipe lodern die Gefühle.
Nun frag’ ich dich: Wohin soll man da fliehn?

Kein Zweifel: Fußball ist ein Sport für viele,
zielt geradewegs ins jedes Mannes Herz.
Nicht immer sind sie sportlich, diese Ziele,
und manches Ziel ist nur ein schlechter Scherz.

Der eine sprüht – wie recht du hast! – vor Geifer,
denn hier ist jeder Depp ein ganzer Mann,
vorausgesetzt, er kommentiert mit Eifer,
selbst wenn er sonst nur mürrisch grunzen kann.

Des andern Brust bläht nationaler Stolz,
und ist sein Herz auch längst verfettet.
Er grölt: "Das sind noch Jungs aus hartem Holz!"
und hofft, daß "Klinsi" "unsre" Ehre rettet.

Ach, hier ist Mann per se ein Mann vom Fach,
erklärt die Welt in breitbeinigem Sitzen,
und wären seine Beinchen auch zu schwach,
um drei Minuten nach dem Ball zu flitzen.

Es ist wie Porno: Statt im Bett zu schwitzen,
betätigt man sich lieber als Voyeur.
Danach sind sie so voll wie Strandhaubitzen
und liefern Weisheit kostenlos zum Bier.

"Sie" meint natürlich: die mit einem Pimmel.
Ich sage das nicht ohne Selbstkritik.
Fachsimpelnd torkeln sie gen Fußballhimmel.
Ich habe da durchaus mich selbst im Blick.

Kein Zweifel: Fußball ist ein Sport für viele,
da gibt es, Schatz, im Grunde kein Entfliehn.
In jeder Kneipe lodern die Gefühle.
Kann ich jetzt endlich mit den Jungs losziehn?


Steffen Jacobs, geboren 1968, veröffentlichte u.a. "Angebot freundlicher Übernahme", 2002

Bis zur Fußballweltmeisterschaft 2006 stellt die ZEIT eine deutsche Dichter-Nationalmannschaft auf. 33 bisher unveröffentlichte Fußballgedichte erscheinen wöchentlich im Ressort Leben. Sie werden im Radioprogramm NDR Kultur dienstags und donnerstags jeweils um 15.45 Uhr und um 19.25 Uhr ausgestrahlt

Die Texte sind auch zu lesen und zu hören unter www.zeit.de/fussballpoesie