Das Land, das es nicht gibt, ist per Bus zu erreichen, mehrmals täglich. Die enge, kurvenreiche Straße führt mitten hindurch, daneben fällt der Fels steil ab, weit unten rauscht der Fluss. Mit routinierter Schweigsamkeit lenken die Fahrer die Busse am Abgrund entlang, den Rosenkranz am Rückspiegel. Gleich hinter St. Lorenzen im Pustertal, beim Gasthof Palfrad, beginnt das Land, dessen Grenze eigentlich eine Sprachscheide ist: Ladinien. Das Gadertal, das sich von hier verästelt durch die Felsen zieht, ist eins von fünf Dolomitentälern rund um das Sellamassiv, in denen sich in aller Abgeschiedenheit eine uralte Sprache erhalten hat. Entstanden vor 2000 Jahren aus einer Mischung von Rätischem und Volkslatein, unverständlich für Fremde, in jedem Tal ein wenig anders.