Gaza

Ein Soldat prüft den Pass. Dann weist er den Weg durch ein eisernes Drehkreuz. Dahinter führt ein überirdischer Tunnel in eine endlos scheinende Ferne. Winterregen trommelt auf das undichte Dach, auf dem Boden knöcheltiefe Wasserlachen. Auf halbem Weg öffnen sich von unsichtbarer Hand betätigte Tore. Nach einer kleinen Ewigkeit endet der Tunnel in einer Welt, in der ein eingesperrtes Volk sich selbst zerfrisst. Der Gaza-Streifen. BILD

Wer nur das Westjordanland kennt, ist auf das Elend und die Verwüstung Gazas nicht vorbereitet. Kinder spielen trotz der Winterkälte barfuß in schmutzigen Pfützen. Esel und Pferde ziehen zusammengeschweißte Fuhrwerke. Das Blut am Straßenrand geschlachteter Rinder läuft in dünnen Rinnsalen über die Straße, Haut und Gedärme liegen im Schlamm. Ein junger Mann, der zwei Jahre lang in Europa gelebt hat und nun hier nicht mehr fortkommt, sagt mit Tränen in den Augen: "Ich möchte jeden Tag sterben."

Die Israelis beobachten den Landstrich seit dem Abzug der Siedler mit einer Mischung aus Furcht und Neugier, wie einen unkontrollierbaren Laborversuch. Militäreinheiten und vor der Küste kreuzende Schnellboote passen auf, dass niemand entkommt. Ein mit Aufklärungstechnologie voll gepackter, über der Grenze verankerter Heliumballon verfolgt, was drinnen vor sich geht. Erzählt man Israelis, dass man nach Gaza fährt, hört man immer wieder: "Haben Sie keine Angst?"

Im Flüchtlingslager von Deir al-Balah konfrontiert ein Mob zehn Polizisten. Die Polizisten tragen, um sich unkenntlich zu machen, Masken. Anders trauen sie sich nicht in diesen Bezirk. Die Aufrührer, stellt sich heraus, gehören einem Clan namens al-Akraa an. Ein Clanmitglied war einem Ladenbesitzer das Geld für eine Satellitenschüssel schuldig geblieben und hatte das Strafgeld für ein Verkehrsdelikt nicht bezahlt. Am Vortag war die Polizei gekommen, um das Geld einzutreiben. Sie wurde von einem Kugelhagel empfangen. Zwei Beamte wurden verletzt, einer schwebt in Lebensgefahr.

Die Palestinian Human Rights Monitoring Group (PHRMG) stellte unlängst eine Liste aller in den letzten zehn Jahren erschossenen Palästinenser zusammen. Bis 2004 fielen sie meistens israelischen Kugeln zum Opfer. 2005 waren über die Hälfte der Opfer Landsleute der Täter, vor allem in Gaza. Unter den Opfern sind elf- und zwölfjährige Kinder, Polizisten, ältere Herren, sogar Greise, in erster Linie aber junge Männer. Die Generation, die eigentlich das Heft in die Hand nehmen und einen neuen Staat aufbauen sollte.

Jetzt ist die Polizei zum zweiten Mal angerückt. Die al-Akraas haben sich vorbereitet. Buben schichten bereitliegende Mauersteine als Straßensperre auf. Reifen werden in Brand gesteckt wie während der Intifada gegen die israelischen Besatzer. Als der Mob der Ordnungsmacht immer bedrohlicher auf die Pelle rückt, klettern die Polizisten auf ihre Kleinlaster und machen sich davon.