Als der Theologe Gotthold Hasenhüttl im Jahr 1966 seinen Kollegen Joseph Ratzinger in seinem alten VW durch Tübingen fuhr, war nicht abzusehen, dass Ratzinger ihm später einmal seinen Beruf verbieten würde. Der junge Professor Ratzinger war aus Münster gekommen, um fortan in Tübingen zu lehren, und Hasenhüttl, damals Assistent des Professors Hans Küng, hatte ihn vom Bahnhof abgeholt. Es war der Beginn einer akademischen Freundschaft zwischen Ratzinger, Küng und Hasenhüttl: Über Jahre luden sie sich gegenseitig in ihre Wohnungen ein, tranken Wein, diskutierten. Gotthold Hasenhüttl in seiner Wohnung in Saarbrücken. Bekannt wurde der Priester vor drei Jahren, als er auf dem Kirchentag in Berlin Protestanten die Kommunion erteilte BILD

Ratzinger ist heute Papst, Hasenhüttl ein suspendierter Priester und Professor ohne kirchliche Lehrerlaubnis. Die hat ihm Anfang Januar sein Trierer Bischof Reinhard Marx entzogen, weil er Protestanten die Kommunion erteilt hatte. Dies ist, vorläufig jedenfalls, der Schlusspunkt eines Streits, in dem Hasenhüttl der Angeklagte ist und Ratzinger der oberste Richter.

Wie es meistens ist: Verstoßene haben Zeit. Er sagt einem Gespräch sofort zu. Und am Abend der Verabredung wartet Hasenhüttl auf der Fußmatte vor seiner Wohnungstür, führt hinein in sein Wohnzimmer und in den Konflikt. Der Brief, aus dem Hasenhüttl von dem Verlust seiner Lehrerlaubnis erfuhr, kam als Einschreiben mit Rückschein am 3. Januar 2006. Jetzt liegt er auf dem Schreibtisch im Wohnzimmer, das auch sein Arbeitszimmer ist und Ausstellungsraum für eine Konfuzius-Figur, die Totenschädel, ein geschnitztes Affenskelett, allesamt Reisemitbringsel. "Nehmen Sie den Brief ruhig. Sie dürfen ihn auch lesen." Man liest, und derweil zählt Hasenhüttl, 72 Jahre alt, mit großer Genauigkeit auf, welche Briefe diesem Brief vorhergingen: Suspendierung als Priester am 17. Juli 2003, Widerspruch am 18. Juli 2003, Ratzingers Bestätigung der Suspendierung am 3. Juni 2004, Einspruch am 4. Juni 2004, endgültige Suspendierung am 4. Dezember 2004, bis hin zum Entzug des Nihil obstat, der Lehrerlaubnis, am 2. Januar 2006, Erwiderung am 4. Januar 2006, Begründung des Bischofs am 10. Januar 2006.

Der Streit entzündete sich im Mai 2003, als sich Katholiken und Protestanten zum allerersten ökumenischen Kirchentag trafen, in Berlin. Die Laienorganisationen "Wir sind Kirche" und "Kirche von unten" hatten Hasenhüttl ein halbes Jahr zuvor angerufen und gefragt, ob er bereit sei, in einem ökumenischen Gottesdienst als katholischer Pfarrer auch den evangelischen Besuchern die Kommunion zu erteilen – eine Handlung, die das katholische Kirchenrecht in aller Regel verbietet, die für Hasenhüttl aber ein Symbol der Verständigung zwischen den Kirchen ist. Hasenhüttl hat nicht gezögert. Noch beim ersten Telefonat sagte er zu.

Unter den Kirchentagsbesuchern in Berlin verbreitete sich rasch die Kunde vom katholischen Professor, der die Hostie an Protestanten verteilen werde. Und so war die Gethsemane-Kirche in Berlin-Prenzlauer Berg am 29. Mai 2003 voll bis auf den letzten Platz. Hasenhüttl sagt heute, es sei sein schönster Gottesdienst seit seiner Primiz, seiner Amtseinführung, gewesen.

Hasenhüttl verteilte die Hostie, und der Kirchentag hatte seinen Skandal. Seinen gewollten Skandal, auch wenn Hasenhüttl heute sagt, er habe weder mit einem solchen Eklat noch mit einer solchen Strafe gerechnet. Er hatte zuvor versucht, sein Strafmaß auszurechnen: Hasenhüttl kam auf eine Verwarnung.

Der Bischof suspendierte ihn als Priester. So hart war diese Strafe, dass selbst der damalige Bundespräsident Johannes Rau für ihn Partei ergriff, was dieser ein paar Tage später schon bereut haben könnte. Denn Hasenhüttl, womöglich euphorisiert von Solidarität und Sympathie, die ihn umgaben, beging einen Fehler. Er warf in einem Interview mit der Saarbrücker Zeitung der Kirche vor, sie verlange von ihm einen "Eichmann-Gehorsam". Adolf Eichmann, Obersturmbannführer der SS, hatte seine Verbrechen damit entschuldigt, er habe lediglich Gehorsam geleistet. Hasenhüttl bereute die Rede vom Eichmann-Gehorsam einerseits öffentlich und behauptete andererseits, alles nicht so gemeint zu haben. Der Begriff sei für ihn bloß Synonym für gewissenloses Duckmäusertum gewesen.