Toronto
Wer hätte je gedacht, dass es so schwer werden würde? Da kommt Kanadas verlorener Sohn nach Hause zurück, sein berühmtester Intellektueller, sein wortgewaltigster Essayist, sein telegenster Kommentator, kandidiert fürs Parlament, steht bereit zur Rettung der linksliberalen Regierungspartei aus ihrer selbst verschuldeten Krise – und was geschieht? Aus einem Retter wird ein Eindringling, aus Michael Ignatieff über Nacht ein Folterfreund, ein Kriegsapologet, ein Neoimperialist, ein Bush-Lakai, ein Ukrainophober. Kurzum: kein richtiger Kanadier, schon eher ein Amerikaner. Kein Klischee ist zu platt, keine Verleumdung zu dreist, um eine Geistesgröße klein zu machen. Willkommen im kanadischen Winterwahlkampf. Urnengang am kommenden Montag.

Seit sechs Wochen findet man Michael Ignatieff nicht mehr an Bostons Harvard-Universität, wo er als Professor Menschenrechtspolitik lehrte, sondern in seinem neuen Wahlkreis im Westen Torontos, wo er abends in Schulauditorien auftritt. Mal 30, mal 50 Bürger kommen, um den umstrittenen Star zu hören. Sie erleben, wie jüngst in der John English School, einen Kandidaten in der Defensive. Gleich zu Beginn sagt er: "Ich bin hier in Toronto geboren, aufgewachsen und ausgebildet. Hier sind meine Wurzeln." Nach Heimat und Heimeligkeit soll das klingen, nicht nach Welt und Weltläufigkeit. 27 Jahre lang war Ignatieff außer Landes, hat an den großen Universitäten Englands und Amerikas gelehrt, in den großen Blättern aller Kontinente (auch in der ZEIT) publiziert, war eine maßgebliche Stimme in der weltumspannenden Debatte über die Universalität der Menschenrechte, über humanitäre Intervention, über Weltjustiz und Antiterrorkrieg. Nun soll er kundtun, was er für die 113000 Menschen des Stadtteils Etobicoke-Lakeshore erreichen will, soll über Parkprobleme in der Bloor Street und die Aufhübschung des Strandstreifens am Lake Ontario sprechen. Kann Ignatieff das?

Schon der Versuch des Quereinstiegs wird ihm verübelt. Kaum ist seine Kandidatur publik, entdecken Internet-Blogger das Wörtchen "wir". Was "wir" im Irak tun sollten, schrieb Ignatieff in einer US-Zeitung. "Wir" Westler oder etwa "wir" Amerikaner? Ist der Mann übergelaufen zum großen Bruder, von dem sich Kanadier so obsessiv abgrenzen wie niemand sonst auf dem Globus? Darf ein geistiger Emigrant kanadischer Abgeordneter werden? Der Fall erreicht das Schiedsgericht der Partei. Ignatieff muss an Eides statt erklären, während seiner Weltenbummelei 50-mal pro Jahr in Kanada Station gemacht zu haben.

Die Parteistrategen hatten sich alles so hübsch ausgedacht. Im kleinen Kreis befanden sie, es sei Zeit, mal wieder "den Trudeau" zu geben. Pierre Trudeau war jener Mann, auch er ein Intellektueller mit Doktortitel aus Harvard, den sie 1965 zum Parteieintritt überredeten. Zwei Jahre später war er Ministerpräsident und blieb es, mit Unterbrechung, 15 Jahre lang. Ignatieff kam den Strippenziehern wie eine Reinkarnation Trudeaus vor. Mit 58 ist er noch jung genug für eine politische Zukunft. Und seine Familiengeschichte gibt Stoff ab für eine fulminate Biografie. Die hat Ignatieff natürlich schon selbst geschrieben ("Das russische Album"). Sein Großvater war der letzte Bildungsminister des Zaren NikolausII., sein Vater kanadischer UN-Botschafter.

Doch wichtiger als Herkunft sind Auftreten und Ausstrahlung. Das Magazin Macleans krönte Ignatieff zum "Intellektuellen mit dem meisten Sexappeal". Ganz Kanada, lautete die Prophezeihung, würde sich von Ignatieff umschmeicheln lassen. Aus dem Nichts erscheine ein Medienstar auf den Bildschirmen. Und zwar in einem Moment, in dem die Liberale Partei dringend ein neues Gesicht brauche.

Nach zwölf Jahren an der Macht wirkt sie ausgemergelt, wird von einem hölzernen Premier namens Paul Martin angeführt und von Skandalen erschüttert. So pilgerten also die Parteistrategen nach Harvard, um Ignatieff zu gewinnen. Einen scheinbar sicheren Wahlkreis hatten sie ihm anzubieten. Ignatieff willigte ein. Seit diesem Moment scheint es, als liege ein Fluch über seinem Einstieg in die Politik.