Dass nun auch die ZEIT im Einklang mit dem ganzen deutschen Feuilleton ihren Beitrag zum Mozartjahr ohne jeden Kontrapunkt ganz unter das Leitthema mysteriöses und größtes Genie aller Zeiten stellt, ist irgendwie fad. Der Geniekult des 19. Jahrhunderts sollte das Legitimationsdefizit des Bürgertums kompensieren, das seine Machtposition nicht aus dem Gottesgnadentum, sondern nur aus der eigenen Leistung ableiten konnte.

Mir persönlich gefällt Don Giovanni durchaus - noch lieber habe ich aber Petruschka und das Sacre du Printemps, ohne dass ich deswegen Igor über Wolfgang stellen würde. Die überwiegende Mehrheit der Menschheit hört wohl häufiger Bizet, Madonna, John Lennon, Kurt Cobain, Drafi Deutscher, Franz Schubert oder irgendeinen anderer Tonschöpfer, auch aus dem nichteuropäischen Kulturkreis. Dies ändert nichts an Mozarts Größe, lässt aber alle die Jubelbeiträge über das Genie der Genies als ein bisschen konventionell und studienrätisch-eingebildet erscheinen.

HANS HEGETSCHWEILER, HEDINGEN, SCHWEIZ

Nach Beatles, Elvis und Rolling Stones erlebt Maarten 't Hart Mozart als Offenbarung. Dabei vergleicht er Äpfel mit Glühbirnen: Der größte Teil der aus dem Blues hervorgegangenen Pop- und Rockmusik ist eine Reaktion auf eine eben als offenbarungslos erlebte Realität. Ein großer Teil der so genannten klassischen Musik hingegen richtet den Blick über den Horizont hinweg in eine andere, eine idealische Welt. Deren Offenbarung ist zugleich Anstoß, Inhalt und Applikation des musikalischen Werkes. Zu den wichtigen Komponisten zwischen Realismus und Idealismus gehört übrigens Dmitrij Schostakowitsch, dessen 100. Geburtstag wir im September feiern. Möge er es ebenso wie Robert Schumann (150. Todestag) auf Ihre Titelseite bringen!

DR. STEFAN HENZE, KONSTANZ AM BODENSEE