Der verdienstreiche Verleger Joachim Gelberg, der das deutsche Kinder- und Jugendbuch in den siebziger Jahren umkrempelte und neuen Wind in die muffigen Regale blies, wagte dreißig Jahre nach der Revolution im Bücherschrank "die provokante These, dass wir absolut nicht wissen, ob das Lesen von Jugendbüchern ratsam ist". Er dachte dabei an ein Lesealter, "das eine andere Lektüre möglich und wünschenswert macht", er meinte jene "Brückenliteratur", die die ganze Welt umfasst und doch durch den Aufkleber "Jugendliteratur" beengt wird – sprich "von zwölf bis achtzehn". Warum nicht Dickens, nicht Austen, nicht Remarque, nicht Böll, nicht Tolstoj, von Karl May direkt zu Thomas Mann?

Die Bedenken sind nicht grundlos, betrachtet man die kaufhausstapeligen Angebote von Jugendbuchverlagen, die als gedruckter Abklatsch von Fernseh-Soaps funktionieren ("Lieber liest sie mir, als dauernd vor der Glotze zu sitzen"), Hardcore-Geschichten, die Herzschmerz als Sex und Gewalt buchstabieren ("Jetzt weiß ich endlich, wie Jungs/Mädchen/Jugendliche ticken!"), oder jene Inzest-Drogen-Behinderung-Problemliteratur, der schon das Anliegen als Alibi gilt ("Es ist wichtig, die Kinder für Außenseiter zu sensibilisieren"). Wo geht’s hier bitte zur Fantasy-Abteilung?, fragt der Jugendliche mit Recht.

Der diesjährige LUCHS des Jahres 2005 für das beste Kinder- oder Jugendbuch an Meg Rosoffs Debütroman So lebe ich jetzt klärt all diese Fragen und Einwände auf wunderbare Weise: Es geht um Liebe, es geht um Gewalt, es geht um die bleibenden Narben seelischer Verletzungen, und doch ist alles eingeschlossen in einem großen literarischen Atem. Die fünfzehnjährige Ich-Erzählerin ist so alt wie das lesende Gegenüber, die ungewöhnliche Sprache bietet gerade jenes Maß an Widerstand, das die Handlung fordert, und die Geschichte mutet mehr zu, als sich der Alltag träumen lässt.

Schnoddrig cool beginnt die Odyssee von Daisy, die aus New York zu ihren Verwandten ins ländliche England kommt, und beinahe unmerklich findet sich die zarte Liebe zwischen ihr und Edmond, ihrem Cousin, in einem Albtraum aus Flucht und Furcht. Bomben explodieren in London (das Buch erschien vor dem Juli 2005), Ausgangssperren, Quarantäne, Deportationen folgen, die Amerikanerin Meg Rosoff verlegt das Bürgerkriegs-Szenario aus dem Irak oder Kosovo ganz anschaulich ins nahe England. Tagtäglich steht das Leben der Kinder auf der Kippe, auch ohne sichtbaren Feind, ohne klare Front, ohne Angriff oder Verteidigung. Und obgleich der Ausnahmezustand langsam zur Gewohnheit wird, sind Daisy und ihre neunjährige Cousine Piper ständig in Gefahr: Man sitzt im falschen Fahrzeug, hat die falschen Freunde oder passt einfach einen Moment nicht auf. "Bücher für die Jugend", schreibt Joachim Gelberg, "erzählen vom Leiden der Jungen im Land der Erwachsenen." Man kann es ruhig so klar sagen.

Und doch ist da auch jener flapsige Großstadthumor, der Daisy (und dem Leser) durch die Wirren des Krieges hilft, ihre Liebe zu Piper und deren kleinem Hund und die Kraft, die der gewinnt, der dem anderen beim Überleben hilft. Am Ende jenes großen, interpunktionswilden Monologs findet Daisy wieder zum traumatisierten Edmond, und so ist auch dieses Happy End von einer Intensität, die ebenso viel Bitterkeit wie Hoffnung trägt und deren Wirkung zum großen Teil der Übersetzung von Brigitte Jakobeit geschuldet sei, wie ein Jurymitglied schreibt.