Ob es denn schon einen "Platzeck-Stil" gebe, sechs Monate nach dessen Amtsantritt, will ein Journalist nach der Klausurtagung der SPD in Mainz von Kurt Beck wissen, dem rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten. "Ganz eindeutig, ja", sagt Beck, diskussionsfreudiger sei die Partei geworden, intensiver irgendwie. Platzeck steht daneben, guckt halb stolz, halb verlegen und wippt auf den Zehen. Er wolle nur darauf hinweisen, wirft er ein, dass seine sechsmonatige Amtszeit nach seiner Rechnung gerade mal zwei Monate alt sei. Er sagt das betont locker. Doch Platzeck spürt, dass der Erwartungsdruck steigt, in der Öffentlichkeit, aber auch in seiner Partei. Die SPD sieht in dem brandenburgischen Ministerpräsidenten einen Hoffnungsträger für die nächste Bundestagswahl, eigentlich den einzigen. Gerade wurde ihr Hoffnungsträger von Angela Merkel überholt. Die Kanzlerin ist jetzt auch auf der Liste der populärsten Politiker die Nummer eins, ausgerechnet Merkel, die Ungeliebte.

Die CDU-Vorsitzende führt die Regierung, das ist inzwischen auch ihren widerborstigsten Gegnern klar. Aber wer führt eigentlich die SPD? Franz Müntefering, der Vizekanzler? Peter Struck, der Fraktionschef und brave Parteisoldat? Matthias Platzeck, der mit fast hundertprozentiger Zustimmung gewählte Parteichef? Alle zusammen, als "gleichschenkliges Dreieck" (Franz Müntefering), das "waagerecht in der Landschaft liegt" (Platzeck)? Oder vielleicht keiner von allen? Ist vielleicht Angela Merkel, die beherzte Verfechterin von Mindestlöhnen und "neuer Gerechtigkeit", die neue heimliche Vorsitzende der deutschen Sozialdemokratie? Platzecks Führungsanspruch, formuliert ein Präsidiumsmitglied der SPD, liege jedenfalls "noch in der Zukunft".

"Wir sind ehrlich am Gelingen der Großen Koalition interessiert"– mit diesem Mantra beginnt seit Monaten jedes Statement eines amtierenden Sozialdemokraten. Doch von ihrem Vorsitzenden will die SPD nicht wissen, was das Großkoalitionäre an ihr ist, sondern das Eigene, Sozialdemokratische. Zumal neben einer Kanzlerin, die vom Mindestlohn bis zu kostenlosen Kita-Plätzen einfach frech alle Themen der Konkurrenz adoptiert und so im angestammten Revier der SPD, dem Sozialen, wildert. So wie Schröder es übrigens zu Beginn seiner Amtszeit in der Innen- und Wirtschaftspolitik vorgemacht hatte. So vordergründig es ist, wenn die CDU für sich eine "neue Gerechtigkeit" reklamiert, so reflexhaft reagiert die SPD, wenn sie in beleidigt-entrüstetem Tonfall kontert, die Gerechtigkeit schon seit 142 Jahren gepachtet zu haben. Vor allem die Gesinnungsgerechtigkeit: Die CDU meine es im Gegensatz zur SPD nämlich nicht ernst, behauptet die SPD. Wo rein inhaltlich der Unterschied zwischen der "neuen Gerechtigkeit" der CDU und der Originalgerechtigkeit der SPD ist, können allerdings die wenigsten Genossen erklären.

In Mainz nun landete Platzeck seinen lang erwarteten "ersten Aufschlag", wie es im Politjargon heißt. Mit seinem Familienpapier setzte Platzeck sich von den Koalitionsvereinbarungen ab, die das Kabinett erst kürzlich bei seiner Klausur in Genshagen gefasst hatte. Statt wie geplant ab 1000 Euro sollen Kosten für die Betreuung kleiner Kinder nun schon ab dem ersten Euro steuerlich absetzbar sein. "Wir wollen Geringverdienern und Alleinerziehenden das Leben leichter machen", sagt Platzeck und räumt ein, mit dem ursprünglichen Ziel, private Haushalte als Arbeitgeber zu fördern, sei dies "nicht unbedingt identisch". Er sei da klüger geworden, erklärte er, der in Genshagen noch auf Koalitionslinie war. Dass der Beschluss nicht mit Vizekanzler und Arbeitsminister Franz Müntefering abgestimmt war, der sich bereits früher von der Klausur verabschiedet hatte, kann man getrost als Hinweis Platzecks verstehen, wo beim gleichschenkligen SPD-Dreieck die obere Spitze zu suchen ist.

Gerhard Schröder hat es auf die brachiale Art ganz nach oben geschafft, indem er sich gezielt auf Kosten seiner Partei profilierte und das Bündnis mit der Öffentlichkeit suchte. Angela Merkel hat die entgegengesetzte Methode angewandt, indem sie sich immer unterschätzen ließ, um dann zum richtigen Zeitpunkt zuzugreifen.

Wie kommt Matthias Platzeck nach oben? Wie die amtierende Kanzlerin ist Platzeck eher zufällig in die Politik und seine Partei geraten, wie sie kommt er aus dem Osten, wie ihr liegt ihm kein Kampfstil à la Schröder. Als Gegenmodell zur Kanzlerin und CDU-Vorsitzenden wird Platzeck sich schwerlich empfehlen können. Mit mehr vom Gleichen dagegen wird er es erst recht kaum mit der Regierungschefin und ihrem Amtsbonus aufnehmen können. Schmerzlich erlebt die SPD derzeit, dass die viel zitierte Augenhöhe eine Illusion war. Gegen das Gewicht des Kanzlers ist in der Mediendemokratie schwer anzukommen.

"Merkel muss weg", diese Botschaft muss Platzeck im Hinblick auf den nächsten Wahlkampf überbringen, ohne sie jedoch aussprechen zu können. Er muss das Kunststück fertig bringen, sich zu profilieren, eine Politik jenseits der Großen Koalition zu skizzieren, ohne diese dabei zu stören. Dass er nicht im Kabinett sitzt, erleichtert die Sache immerhin etwas. Franz Müntefering droht derweil aus Sicht der Genossen in der Schmusefalle der Kabinettsdisziplin zu versinken.