So viel Sendezeit gab es für das schlimmste Krisengebiet der Welt schon lange nicht mehr. Vorigen Sonntag ermittelten die Kölner Tatort- Kommissare Ballauf und Schenk gegen Diamantenhändler und ihre "Kongo-Connection". Die Gier nach Rohstoffen, so erfuhr der Krimifan, fächert in Kongo immer wieder Kriege an.

Die Aufmerksamkeit der Medien wird anhalten, sollten demnächst Bundeswehrsoldaten nach Kongo entsandt werden. Die UN haben bei der EU eine 1500-Mann-Truppe erbeten, um den Ablauf der bevorstehenden Wahlen zu schützen. Eine formale Zusage gibt es zwar noch nicht, doch hat man in Brüssel keine prinzipiellen Einwände. Schließlich gilt "Operation Artemis", der EU-Militäreinsatz 2003 im ostkongolesischen Distrikt Ituri, als "Geburtsstunde der europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik". Damals hatten 1100 überwiegend französische Soldaten in der Stadt Bunia eine Serie von Massakern durch verfeindete Milizen der Hema und Lendu gestoppt, die dann allerdings ihre Feldzüge ins Umland verlegten.

Ein Militäreinsatz rund um die Wahlen hätte allein schon geografisch ganz andere Dimensionen. Eine EU-Eingreiftruppe soll all jene abschrecken, die den Wahlprozess in Gewalt und Chaos stürzen könnten – Milizen oder etwaige Verlierer.

Die Voraussetzungen für die ersten demokratischen Wahlen seit 1960: Über drei Jahre nach einem Friedensabkommen, das einen horrenden Plünderkrieg eingedämmt hat, gibt es in Kongo keinen Verwaltungsapparat, keine Polizei oder Gerichtsbarkeit. Der Aufbau einer Armee liegt weit hinter Plan.

Die derzeit amtierende Übergangsregierung unter Präsident Joseph Kabila besteht zum erheblichen Teil aus Rebellenführern, die entgegen verbindlicher Abkommen ihre Milizen nicht in das nationale Militär integriert, sondern als "Trumpf in der Hinterhand" behalten haben. 16000 Blauhelme stellen derzeit in Kongo die größte Friedensmission der UN, sind aber restlos überfordert in einem Land, das fast so groß ist wie Westeuropa. Eine nennenswerte Aufstockung der Truppe hat der UN-Sicherheitsrat abgelehnt. Deshalb der Hilferuf nach Brüssel.

Bis zum 30. Juni 2006 soll eine demokratisch gewählte Regierung vereidigt sein. UN und EU konzentrieren sich voll und ganz auf den Urnengang und müssen dabei aber ein kongolesisches Übergangskabinett vor sich hertreiben, das sich im Status quo bestens eingerichtet hat: die internationale Gemeinschaft ist in seinen Augen ein ewig voller Geldautomat.

Sich in einem völlig kaputten Land so sehr auf Wahlen zu fixieren beunruhigt Nichtregierungsorganisationen. "In Kongo sterben täglich über tausend Menschen an Kriegsfolgen", sagt Caty Clement von der renommierten Crisis Group. Kriegsfolgen – das sind auch Tod durch Hunger und Krankheit, weil die Infrastruktur zerstört ist. Manche Experten schätzen die Zahl der Toten seit 1998 auf 3,9 Millionen. Derzeit droht die Gewalt in der rohstoffreichen Provinz Katanga zu eskalieren. Doch dringend benötigte UN-Blauhelme sind seit Monaten mit der Wählerregistrierung beschäftigt.