Das Leben ist eine große Lügenmaschine, schon klar, und die Literatur wird da keine Ausnahme machen. Und trotzdem: Die traurige, lustige Geschichte des JT LeRoy hat sogar jene Amerikaner überrascht, die mittlerweile selbst ihre eigene Demokratie für eine Fälschung halten. Der Mann mit der Sonnenbrille ist eine Frau – die sich lange als der Schriftsteller JT LeRoy ausgab. An sie schmiegt sich hier Winona Ryder BILD

Und vielleicht brauchen die Amerikaner, vielleicht brauchen wir solche Geschichten, solche Figuren wie JT LeRoy – weil es so wenig gibt, auf das wir uns verlassen können. Vielleicht brauchen wir sie, um uns besser zu fühlen: postmoderne Märchen, die wir vor dem Schlafengehen gern hören.

Also, die Sache ist nicht ganz einfach. Da ist dieser Schriftsteller, der sich JT LeRoy nennt und der traurige, schmutzige Bücher über seine traurige, schmutzige Kindheit schreibt; der 25 Jahre alt ist und doch schon sieben Leben hinter sich hat und sich leider auf seinem Weg mit dem HI-Virus infiziert hat; um dessen Bücher es erst ein Rascheln, dann ein Flüstern, dann ein Rauschen gab im Literaturbetrieb, bis sich sogar Hollywood drauf stürzte; der, wenn er denn mal unter Leute ging, immer eine blonde Perücke trug und eine dunkle Brille, groß wie eine Sonnenfinsternis; der von Madonna Kabbala-Texte geschickt bekam und dem Liv Tyler ihr Herz ausschüttete und dem Winona Ryder gar nicht mehr von der Seite weichen wollte.

JT LeRoy war, mit anderen Worten, größer als das Leben. Deshalb haben so viele an ihn geglaubt. Daher ist es fast logisch, dass es ihn nicht gibt. Das hat jetzt jedenfalls die New York Times behauptet und dabei eine seltsame Saga ausgebreitet, die hinabreicht zu den Sehnsüchten und Selbsttäuschungen unserer Zeit.

Es gab demnach nicht diese Kindheit des Autors in West Virginia, wo der junge LeRoy in Fernfahrerkneipen zur Prostitution gezwungen wurde, von seiner eigenen Mutter. Es gab keine Flucht, kein Elend als Stricher in San Francisco, keine Drogensucht, keine Geschlechtsumwandlung. Es gab keine Wunden, egal, ob seelische oder körperliche.

Es gibt nur die Bücher. Den Roman Sarah etwa (2001 auf Deutsch erschienen) oder die Geschichtensammlung The Heart Is Deceitful Above All Things (deutsch: Jeremiah) oder zuletzt Harold’s End – Bücher, die in zwanzig Sprachen übersetzt wurden und alle von dieser Kindheit erzählen, von diesem Elend, schonungslos und tröstlich.

Es gibt all die Leser, die Fans und vor allem die weiblichen Stars, die so gern mit ihm telefonierten, die sich mit ihm fotografieren ließen und ihn so umschwärmten, dass Vanity Fair vor zwei Jahren von einer "göttlichen Schwesternschaft" schrieb, die ihn bei seinen seltenen Auftritten umgab: Diane Keaton, Debbie Harry, Courtney Love, Pink, Tatum O’Neal, Asia Argento und Suzanne Vega.

Und es gibt, vor allem, Laura Albert und Geoffrey Knoop, die sagen, dass sie JT LeRoy von der Straße aufgelesen haben, ihm Eltern waren und Freunde und mit ihm in einer Band namens Thistle spielten. Und die ihn erfunden haben.