Warum sollte die Nachricht, dass der für Marketing und Vertrieb zuständige Geschäftsführer Georg Rieppel den Suhrkamp Verlag verlässt oder verlassen muss, die literarische Welt sonderlich beschäftigen? Die internen Querelen, die Siegfried Unselds Tod (er starb 2002) zur Folge hatte, sind wahrscheinlich über Gebühr diskutiert und kommentiert worden. Aber der Verlag, der früher ein geistiges Kraftwerk der Republik gebildet hat, spielt diese Rolle nicht mehr. Auch sind Marketing und Vertrieb keine intellektuellen Kategorien, und ob das Haus Suhrkamp Geld verdient, muss die Gesellschafter interessieren. Dennoch hat Rieppels Abgang große Aufmerksamkeit gefunden, aus drei Gründen vor allem:

Erstens haben die meisten Verlage wachsende Probleme, ihre Bücher zum Leser zu bringen. Der Buchhandel ist das Nadelöhr. Seit längerem schon erleidet er eine dramatische Konzentration. Die Thalia-Holding, Tochter des Douglas-Konzerns, besitzt rund 160 Buchhandlungen. Sie kommt ihrem Ziel, zur flächendeckenden Buchhandelsmarke zu werden, immer näher. Sie erprobt ihre Marktmacht, indem sie die Verlage an die Kandare besserer Konditionen zwingt und den Durchfluss des Gängigen beschleunigt. Man kann das den flacher gewordenen Programmen einzelner Verlage schon ablesen. Der traditionelle Bildungsbuchhändler, der einst Titel wie die von Suhrkamp voller Ehrfurcht auf seine Tische legte, ist vom Aussterben bedroht, zumal das jüngere Publikum die kaufhausähnlichen Großflächen Thalias bevorzugt. In dieser Lage gewinnen Marketing und Vertrieb existenzielle Bedeutung.

Zweitens galt Rieppel, der aus ebendiesem Grund vor anderthalb Jahren von C.

H. Beck zu Suhrkamp geholt worden war, als ein hervorragender Mann seines Fachs. Dass er nach so kurzer Frist schon gescheitert ist, lässt darauf schließen, dass der Suhrkamp Verlag auf seiner elitären Sonderstellung beharren will. Dafür muss man ihm alles Gute wünschen. Das Wünschen aber hilft wenig, wenn Glück und Gestaltungswille nicht zueinander finden.

Daran aber, drittens, fehlt es. Einen Schmachtfetzen wie Zorro von Isabel Allende überteuert einzukaufen und dann Geld für Fernsehwerbung zu versenken - derlei können andere besser. Zur undeutlich gewordenen geistigen Physiognomie des Verlags gesellt sich der Mangel an Fortüne. Die Chefin Ulla Unseld-Berkéwicz leitet das Haus im Geist der Tradition. Sie besitzt viele Tugenden, die aber rationaler Führung offensichtlich nicht.

All dies verstellt den Blick dafür, dass Suhrkamp mit dem Fundus seiner Autoren, die ein ganzes Jahrhundert des Geistes verkörpern, sorgsam umgeht.

Das ist beispielhaft. Auch riskiert der Verlag immer wieder literarisch Neues, wenngleich er es oft nicht hinreichend sichtbar macht. Seit Unselds Tod hat er seinen Rhythmus nicht wiedergefunden. Daher kommt es, dass die Ab- und Zugänge seiner Geschäftsführer mehr debattiert werden als seine Bücher.