In der internationalen Debatte findet sich nur selten ein Beitrag von so visionärem Anspruch, dass man den Atem anhält. Der australischen Historikerin Coral Bell ist dies gerade gelungen.

Vom Twilight of the Unipolar World - dem Zwielicht der Epoche amerikanischer Zentralität - handelt sie in der Winterausgabe der neuen Washingtoner Zeitschrift The American Interest, zu dessen illustrem Herausgeberkreis mancher Unipolarist gehört. Aber was Coral Bell zu sagen hat, ist eine Ernüchterung für alle, die weiterhin an eine um Amerika gruppierte Welt glauben mögen, so angenehm sie zumeist ist.

Vielmehr, so die Kernthese, sind wir Zeugen einer rapiden, unaufhaltsamen Umverteilung internationaler Macht: durch den Machtzuwachs des Nicht-Westens wie durch den Zerfall des alten Westens. Das Erstere werde die Legitimität der westlich-liberalen, von Amerika geprägten internationalen Ordnung infrage stellen. Das Letztere, verkörpert durch eine erstarkte, eng mit Russland verbundene EU, werde die Vorteile, die Amerika bisher aus seiner Führungsrolle ziehen konnte, drastisch beschneiden.

Was Bell für ihre These anführt, ist oft gewagt. Die meisten Fehleinschätzungen in der Geschichte, erinnert sie jedoch die Ungläubigen, seien auf den Mangel an Fantasie zurückzuführen. Wer hätte 1919 erwartet, alsbald einen neuen Weltkrieg zu erleben, wer, dass der Kalte Krieg ohne das Feuern eines einzigen Schusses enden werde?

Ihre Fantasie ist jedoch nicht ohne Stütze in der Realität. Die demografische Entwicklung ist eine davon. China und Indien werden 2050 fast ein Drittel der Weltbevölkerung von 9 Milliarden Menschen stellen, Pakistan fast 350 Millionen, Indonesien, Bangladesch, Brasilien und Nigeria jeweils 300 Millionen - verglichen mit etwa 400 Millionen in den USA und schwindenden Zahlen auch bei ihren Verbündeten. Russland wird dann nur noch 80 Millionen aufweisen. Die wirtschaftlichen Auswirkungen sind offensichtlich: Junge Gesellschaften wachsen schneller als solche, in denen weniger Erwerbstätige mehr Alten gegenüber stehen ... und sie werden die sozialen und politischen Strukturen in und zwischen ihren Länder verändern wollen. Die militärische Überlegenheit Amerikas bleibe zwar auf absehbare Zeit unangetastet. Aber nach dem 11. September 2001 sei diese Überlegenheit keineswegs ein so wirksames Mittel zur Sicherung der USA oder ihres Einflusses, wie viele immer noch meinten.

Während der Nicht-Westen wachse, drifte der alte Westen auseinander.

Nicht China werde Amerikas Macht künftig Grenzen setzen, sondern: die EU! Ihr internationales Gewicht werde durch zwei mögliche Trends aufgewertet: eine stärkere Europa-Orientierung Englands und Russlands. Russland werde bald für den Schutz seines riesigen Territoriums zu wenig Menschen haben und brauche deshalb ein solides Bündnis mit EU oder Nato. Die Europäer für ihren Teil könnten sich von einem solchen Bündnis mit Russland ein strategisches Gleichziehen mit den USA erhoffen.