Helmut Kohl und Angela Merkel, welch ein Unterschied beim Start im Kanzleramt: Kohl wurde von der aufgeklärt gestimmten Öffentlichkeit lange Zeit als Ausdrucksgestalt des bundesdeutschen Ungeschicks karikiert, bis man ihn als Kanzler der Einheit und Garanten des Modells Deutschland entdeckte. Angela Merkels atemberaubende Metamorphose von der Kandidatin zur Kanzlerin hat sich bereits vollzogen. Sie wird besonders von den ironisch gelernten Beobachtern des kleinen deutschen Welttheaters nicht abwartend in Augenschein genommen, sondern schon jetzt als Symbol eines Stilwechsels in der deutschen Politik gefeiert.

Die Medien lieben die unmediale Kanzlerin. Man schätzt die geradezu schmerzhafte Ausdrucksarmut ihrer Auftritte und folgt der dezidierten Unverrätseltheit ihrer Ausführungen. Es herrscht eine allgemeine Erleichterung über die von Angela Merkel verkörperte Umstellung von der Inszenierung zur Sachlichkeit. Als ob das Publikum auf sie gewartet hätte, um sich den unbestreitbaren Tatsachen im Lande zu stellen. Auf der anderen Seite hofft man auf den "Merkel-Aufschwung": dass sich bewahrheiten möge, was der Trend voraussagt und alle schon zu merken meinen.

Was ist der Grund für dieses Szenario von offener Erleichterung und stiller Hoffnung? Es handelt sich im Grunde um die emotionale Ratifizierung eines Generationswechsels in den politischen und gesellschaftlichen Führungsgruppen. Angela Merkel ist nicht nur eine Frau, die alles auf die Karte einer Karriere gesetzt hat, sie ist nicht nur eine Ostdeutsche, die die Wende als biografische Chance ergriffen hat, sie ist nicht nur eine kühle Protestantin aus dem gottlosen Ostdeutschland, sie ist zunächst und zuerst die Frontfrau einer Generation, die die Nachkriegszeit hinter sich gelassen hat.

Angela Merkel ist Jahrgang 1954, Frank-Walter Steinmeier ist Jahrgang 1956, und Sigmar Gabriel ist Jahrgang 1959. Das sind die Neuen im Kabinett der Pragmatiker, die den Ton fürs smarte Durchregieren angeben. Den Unterschied kann man sich auch am Beispiel des 1955 geborenen Wolfgang Tiefensee klarmachen, ein Ostdeutscher wie seine Kanzlerin. Ins Kabinett der 68er mit ihren exemplarischen Biografien des politischen Lernens wollte er seinerzeit auf keinen Fall eintreten, weil ihm die unausgesprochene Agenda der studentenbewegten Weltorientierung nicht passte. Da wurden immer noch Schlachten geschlagen, von denen er keine Ahnung hatte, und Erregungen konserviert, die ihm fremd waren.

Schröder, Fischer und Schily haben beispielsweise mit Stoiber gemein, dass ihre politische Sozialisation innerlich und wesentlich mit "1968" zusammenhängt. Damit ist ein bestimmter Komplex von Gefährdungsvorstellungen, Bewährungsideen und Errungenschaftsbegriffen gemeint. Sie haben ihr Zentrum in der Auffassung, dass das politisch Erreichbare und sozial Zumutbare sich an bestimmten Lehren aus der Vergangenheit messen lassen muss, damit "nie wieder!" möglich wird, was nach menschlichem Ermessen unvorstellbar war.

Am Herkunftskomplex von "1968" hängt die Verpflichtung zu einer vergangenheitspolitischen Selbstbindung der deutschen Politik. Das Schlimmste kann sich gar nicht mehr ereignen, weil es schon passiert ist. Die Außenpolitik, die Sozialpolitik, die Gesundheitspolitik und die Familienpolitik – am Ende stehen alle Versuche, die Verhältnisse zu verbessern oder die Probleme zu lösen, im Horizont der Frage, was unbedingt geschehen muss, damit die antidemokratische Gefahr gebannt bleibt.

Mit Angela Merkel übernehmen die Neorealisten das Ruder. Es handelt sich um eine Generation, die die großen Probleme des Landes in der Zukunft und nicht länger in der Vergangenheit sieht. Und zwar nicht, weil sie von dem Tatbestand des Völkermords an den europäischen Juden oder von den Folgen des Zweiten Weltkrieges unberührt wäre, sondern weil sie die aus der Nachkriegszeit hervorgegangene Bundesrepublik als zivilisatorischen Puffer zwischen uns und dem Nationalsozialismus begreift und bejaht. Dadurch werden die Verhältnisse von Vergangenheitshypotheken und Zukunftsanforderungen verändert. Was gedacht und getan werden muss, ergibt sich nicht mehr selbstverständlich im Rückblick auf die Vergangenheit, die nicht vergeht. Auf eine merkwürdig einfache Weise ist Zukunft plötzlich wichtiger als Vergangenheit.

Vielleicht erklärt sich daher auch die biografische Unerheblichkeit der Lebensläufe unserer neuen Macher. Man weiß, wo Angela Merkel herkommt, man kann sich vorstellen, dass Frank-Walter Steinmeier eine gediegene Ausbildung genossen hat, und man spürt, dass Sigmar Gabriel von unten kommt. Aber deren Leben im Einzelnen interessiert uns nicht sonderlich.

Das war natürlich bei Schröder, Fischer und Schily anders. Da kannte man die Bilder aus ihrem Leben und die Geschichten ihres Aufstiegs, weil sie uns noch einmal die Unwahrscheinlichkeit der Bundesrepublik nach 1945 vor Augen führten. Und natürlich nahm man mit einer gewissen inneren Rührung zur Kenntnis, dass aus einem Straßenkämpfer ohne Abitur ein deutscher Außenminister werden konnte. Doch der Bedarf an dieser nachgefühlten Tragik hat sich erschöpft. Das sind mit einem Mal Erzählungen aus dem Poesiealbum der Bundesrepublik geworden, derer man sich am Abend erinnert, die aber für den Tag nichts mehr bedeuten.

Es ist so, als hätte die Bundesrepublik auf die mit der Figur von Angela Merkel verbundene große Desillusionierung buchstäblich gewartet. Man will die Dinge beim Namen genannt wissen, die Verhältnisse geordnet haben und das Notwendige getan sehen. Das soll ohne geräuschvollen Enthusiasmus, aber mit Flexibilität und Augenmaß geschehen.