Ein Schlag ins Gesicht, plötzlich und hart. So beginnt Jan Guillous autobiografischer Roman Ondskan. 1981 bereits erschien das Buch in Schweden, die Verfilmung unter der Regie von Mikael Háfström wurde 2004 für den Oscar nominiert. Jetzt ist der Roman in der deutschen Übersetzung von Gabriele Haefs zu lesen, Titel: Evil. Das Böse.

Hinterhältig, aus dem Handgelenk, kommt der Schlag des Vaters gegen den Sohn.

Aber nicht überraschend, schon lange nicht mehr. Dies ist eine fast alltägliche Szene am Mittagstisch und meist kaum mehr als die Einleitung für die Nachtischprügel. Schon lange weiß Erik den Schlägen auszuweichen - doch nie zu sehr, denn das birgt das Risiko, dass der alte Mistkerl durchdreht und sich über den Tisch wirft, um ihn mit einem linken Haken oder einer geraden Rechten im Gesicht zu treffen. Erzählt wird all das auch im Detail: Vierzig Schläge mit der Kleiderbürste lagen knapp über der Grenze des Erträglichen. Er würde am Ende weinen müssen. Und manchmal kommt der Vater mit der Hundepeitsche.

Die Prügel des Vaters sind Eriks Ausbildung zum routinierten Schläger. Selbst körperlich überlegenen Gegnern weiß er Angst einzuflößen. Die Angst kennt er, sie ist sein Komplize geworden. An seiner Schule ist Erik der unbestrittene Anführer einer Bande, die die Macht auf dem Schulhof ausübt und bald schon einträgliche Geschäfte tätigt: systematischen Diebstahl und Verkauf der Ware an Mitschüler. Als die ganze Sache auffliegt, ist das Maß voll: Erik wird von der Schule verwiesen. Du bist das personifizierte Böse und als solches musst du vernichtet werden, brüllt der Rektor ihm nach. Seine letzte Chance, das Abitur abzulegen, ist ein Internat in Stjärnsberg.

Jan Guillou kann Lesern hierzulande als Autor der Coq-Rouge-Krimis bekannt sein, einer Reihe von Storys um den extravaganten schwedischen Topagenten Carl Gustaf Gilbert Graf Hamilton. Der Roman seiner Jugend ist dagegen ein eigenartiges und konsequentes Denkspiel über die Gewalt geworden. Trotz einiger Längen ein durch und durch spannender Roman, trotz einer gewissen Schematisierung ein glaubhafter, atmosphärisch dichter Roman. Das im letzten Jahr mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnete Buch von Graham Gardner, Im Schatten der Wächter, hatte die isolierte Internatswelt aus entgegengesetzter Perspektive beschrieben. Sein Held Elliott lebte in ständiger Angst, das Opfer der herrschenden Clique zu werden. Dennoch erinnern nicht wenige Szenen bei Guillou an die Lektüre Gardners, Erik und Elliott leben in nahezu identischen Zwangswelten.

Mit wenigen Strichen skizziert Guillou den Kalten Krieg als dunklen Hintergrund seiner Geschichte. Die Russen marschieren in Ungarn ein, und Erik gerät im Internat von Stjärnsberg in ein perfides Gewaltsystem, das unter dem Deckmantel der Kameradenerziehung gedeiht. Schüler der Oberstufe bilden einen Rat, der die Primaner mit permanenten Ritualen der Demütigung und Unterwerfung überzieht. Und die Lehrer sehen weg.

Für Erik schnappt die Falle zu. Sein Wille zum Abitur ist ungebrochen. Aber hier in Stjärnsberg gilt eine strenge Regel: Offene Gewalt gegen Mitglieder des Schülerrates führt zum sofortigen Schulverweis. Erik muss und will der Gewalt abschwören. Doch genauso wenig will er sich den Brutalitäten und der Willkür des Rates unterwerfen. So einfach kompliziert ist seine Situation in Stjärnsberg. Mit einem Schlage ist aus Erik eine Art Widerständler geworden.